Sport und Corona Das Recht der Jugend?

Bei Sport unter freiem Himmel gilt die Ansteckungsgefahr als gering. Die DFB-Spitze macht sich deshalb dafür stark, den Trainingsbetrieb für Kinder und Jugendliche wieder freizugeben.
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Von Thorin Mentrup

Landkreis Diepholz. Die Frage des Vermissens stellt sich für Kevin Krowiorsch nicht, und für seine Nachwuchsfußballer beim SC Twistringen wohl noch weniger. „Natürlich wollen wir alle wieder gern auf die Plätze und zumindest trainieren“, sagt der Trainer. Der zweite sportliche Lockdown des Jahres trifft die Talente der Region hart. Aber ist das Sportverbot auch richtig?

Die Spitze des Deutschen Fußballbundes um den Präsidenten Fritz Keller bezweifelt das. Sie hat sich während einer Konferenz der Regional- und Landesverbandspräsidenten dafür ausgesprochen, bundesweit den Trainingsbetrieb im Amateursport, also auch über die Fußballgrenzen hinaus, wieder zuzulassen, vor allem mit Blick auf die Kinder und die Jugendlichen. Rainer Koch, 1. DFB-Vizepräsident und Vorsitzender der Konferenz der Regional- und Landesverbandspräsidenten, wird in einer Mitteilung wie folgt zitiert: „Die Vereine haben in den vergangenen Monaten gemeinsam mit den Verbänden enorme Anstrengungen unternommen und die Herausforderungen ebenso hervorragend wie verantwortungsvoll bewältigt. Dass sie aktuell zur sportlichen Untätigkeit verurteilt sind, tut weh. Das generelle Verbot des Trainingsbetriebs sollte zumindest für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren aufgehoben werden, dies gilt nicht nur für den Fußball, sondern zumindest für alle Sportarten, die an der frischen Luft ausgeübt werden.“

Es ist ein deutlicher Appell in Richtung der Politik. In Niedersachsen ist es momentan verboten, Mannschaftssport jenseits des Spitzen- und Profibereichs zu betreiben. Doch nicht überall im Bundesgebiet ist das so: In Mecklenburg-Vorpommern gilt das Pauschalverbot nicht für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren im Vereinssport. Der Trainingsbetrieb ist weiterhin erlaubt. In Berlin ist Vereinssport für Kinder bis zwölf Jahren unter Auflagen gestattet. Für die Konferenz der Präsidenten aus dem Fußballbereich sind das vorbildliche Beispiele.

Der Sport fehlt

Also schnell das Trikot überstreifen, die Fußballschuhe anziehen und wieder rauf auf den Platz? Das Recht der Jugend ausleben? „Das würden wir schon gerne machen“, sagt Krowiorsch, der sehr viel dafür getan hat, die Spielform Funino im Kreis Diepholz bekannt zu machen. Er sehe an seinen beiden Söhnen, wie sehr der Sport fehle. „Sie wollen einfach nur Fußball spielen.“ Es sei den Kindern schwer zu vermitteln, dass sie zuschauen müssen, während die Profis weiterhin am Ball sind. „Sie verstehen nicht, dass sie kein Training machen dürfen“, bringt Krowiorsch die Grund-Problematik auf den Punkt.

Dabei haben sich die Twistringer viele Gedanken darüber gemacht, wie sie das Infektionsrisiko so gering wie möglich halten können. „Seit dem ersten Lockdown im Frühjahr haben wir die Kabinen nicht mehr betreten“, verrät Krowiorsch. Die Jungkicker kommen umgezogen zum Training. Zu Freundschaftsspielen und Turnieren reisen die Familien selbst an. Fahrgemeinschaften bilden sie nicht, der Vereinsbulli bleibt stehen. Kinder, die nicht richtig fit sind, bleiben zu Hause. „Das ist mit den Eltern so abgesprochen. Man ist einfach vorsichtig“, sagt der Coach, in dessen Bekanntenkreis Coronafälle aufgetreten sind. „Das ist nicht zu unterschätzen“, weiß er deshalb.

Dennoch würde er eine Rückkehr zum Trainingsbetrieb begrüßen. „Für die Kinder ist das elementar wichtig.“ Mit dieser Aussage liegt er auf einer Ebene mit DFB-Präsident DFB-Präsident Keller. Der erklärte nach der Konferenz: „Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst, für die Gesundheit, die Gesellschaft und nicht zuletzt für unsere Kinder. Nach allen bisher vorliegenden Erkenntnissen und Zahlen birgt die Ausübung von Freiluftsport – auch in Mannschaftssportarten – kaum ein Ansteckungsrisiko.“ Aktiver Sport stärke die Gesundheit, zudem habe er eine hohe gesellschaftliche und soziale Bedeutung. Es sei wichtig, vor allem Kindern und Jugendlichen schnell wieder die Möglichkeit zu bieten, ihren Bewegungsdrang gemeinsam im sportlichen Trainingsbetrieb auszuleben.

Das sieht auch Henri Voss so. Der Barenburger sitzt im Jugendausschuss des Fußballkreises Diepholz und ist als Staffelleiter zuständig für die E-Junioren. „Zumindest die Kinder sollten wieder trainieren können“, findet er. Er macht sich Sorgen um den Nachwuchs: „Wenn die Pause zu lange dauert, werden vielleicht nicht mehr alle zurückkehren“, befürchtet er einen Abgang der Kinder zu anderen Sportarten oder gar komplett aus dem Sport. Seine Idee: „Man muss ja nicht zwei- oder dreimal in der Woche trainieren. Einmal würde ja erst einmal reichen.“ Mal an einem Sonnabend oder Sonntag für eine oder eineinhalb Stunden auf den Platz – das könnte sich auch Krowiorsch vorstellen. „Man muss weiterhin vorsichtig sein. Aber das könnte man organisieren. Und wir haben das Glück, dass wir uns auf unserer großen Sportanlage in Twistringen gut verteilen können.“

Die Eltern fragen

Beim TuS Sudweyhe ist die Platzsituation dagegen nicht ganz so einfach. Vor allem im Herbst und im Winter. Dann tummeln sich abends die Teams regelrecht auf dem Kunstrasenplatz. Ganz so leicht ist es dann nicht, Abstand zu halten. Doch auf dem Feld gilt die Ansteckungsgefahr als gering, wie eine Studie von Tim Meyer, dem Leiter der Medizinischen Kommission des DFB, ergeben hat. Abseits des Feldes haben die Sudweyher seit der Wiederaufnahme des Sportbetriebs im Sommer sehr auf Abstände geachtet, wie Christian Mach betont. Lange Kabinenaufenthalte habe es mit seiner C-Jugend-Landesligamannschaft nicht gegeben.

In den vergangenen Tagen habe er die eine oder andere Nachricht von den Eltern seiner Spieler erhalten. „Natürlich wollen sie wissen, wie und vor allem wann es weitergeht“, erklärt er. Eine gesicherte Antwort darauf kann er allerdings momentan nicht geben. „Das ist das Schwierige an der Situation. Alles ist recht verfahren.“ Schön wäre es schon, wenn die Kids wieder Sport treiben könnten. „Andererseits ist es momentan sehr angespannt, wenn man bedenkt, dass Schulen sich über das 'Szenario B' unterhalten.“ Bei diesem Wechselmodell werden die Klassen geteilt und abwechselnd in der Schule und zu Hause unterrichtet.

Aus rein sportlicher Sicht sei die Unterbrechung der Saison sehr schade. Nicht nur weil Machs Mannschaft lediglich noch zwei Partien vor der Winterpause hätte bestreiten müssen, „sondern weil wir uns gerade gefunden hatten“. Doch dieser Blickwinkel sei momentan eben nicht der allein Entscheidende. „Schließlich kann ich auch verstehen, warum der Sport erst einmal eingestellt wurde“, erklärt der Coach.

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