Interview zum Umgang von Kindern mit Corona „Die Verunsicherung ist unterschiedlich“

Wie nehmen Kinder die aktuelle Corona-Krise wahr? Und wie können Eltern ihrem Nachwuchs die Angst nehmen? Der WESER-KURIER hat mit zwei Expertinnen gesprochen.
01.04.2020, 19:11
Lesedauer: 8 Min
Zur Merkliste
„Die Verunsicherung ist unterschiedlich“
Von Eike Wienbarg

Frau Spratte, Frau Maier, geschlossene Kitas und Schulen, eingeschränkter Kontakt zu Freunden und Familie, leere Regale in den Supermärkten, Nachrichten über Corona-Tote und -Erkrankte in allen Medien: Wie nehmen Kinder die aktuelle Corona-Krise wahr?

Wie Kinder und Jugendliche diese Ausnahmesituation wahrnehmen, ist wohl so unterschiedlich wie die Kinder und Jugendlichen selbst und hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab: Wie alt ist das Kind? Wie stark und auf welche Weise wirkt sich die Situation auf den Alltag der Familie aus? Welche Eindrücke erhält das Kind zu der aktuellen Lage, welche Informationen hat es beispielsweise im Radio oder im Fernsehen aufgeschnappt? Wie gehen Eltern und nahe Bezugspersonen mit der Krise um? Gibt es dadurch ausgelöste finanzielle oder gesundheitliche Sorgen in der Familie oder leiden Eltern unter darüber hinaus gehenden Belastungen und Ängsten? Bedeuten die Veränderungen vielleicht sogar ein wenig mehr positive Familien-Zeit? Wie gelingt es Eltern, den veränderten Alltag als Familie, als Arbeitende, als Paar, als Einzelne zu strukturieren und auftauchende Konflikte zu lösen? Was allen allerdings gemeinsam ist: Vieles ist ganz anders als sonst und das kann Kinder durcheinanderbringen.

Wie unterscheidet sich die Wahrnehmung von Kindern und Erwachsenen?

Je jünger die Kinder sind, desto mehr hängt ihre Wahrnehmung vom Verhalten der anderen ab und desto mehr benötigen sie zur Regulation ihrer eigenen Gefühle ihre Eltern oder wichtige Bezugspersonen. Sie spüren sehr feinfühlig, wie es den Erwachsenen geht und orientieren sich an ihnen. Schon Babys reagieren deutlich verunsichert auf erhöhte körperliche Anspannung bei Mutter oder Vater – manchmal sogar, bevor die sie selbst wahrnehmen. Je älter die Kinder oder Jugendlichen sind, desto einfacher können Eltern auch sachlich mit ihnen über das Coronavirus reden und die Veränderungen im Alltag erklären. Doch auch mit älteren Kindern oder Jugendlichen bleibt viel wichtiger als das Gesagte die Art und Weise, wie die Erwachsenen selbst die Situation empfinden und wie sie damit umgehen. Dabei sind Kinder natürlich nicht nur Spiegel der Gefühle ihrer Eltern. Sie bringen auch ganz eigene Strategien und Fähigkeiten im Umgang mit Emotionen wie Angst, Unsicherheit, Wut oder Trauer mit. Manche haben ein dickeres Fell als andere, manche brauchen mehr Unterstützung als andere. Auch äußern sich Belastung und Verunsicherung bei Kindern sehr unterschiedlich: Manche reagieren aggressiv, manche besonders angepasst oder verhalten sich irgendwie einfach anders als sonst. Manche werden sehr anhänglich, andere ziehen sich zurück. Manche reagieren auch körperlich, zum Beispiel mit Bauch- oder Kopfschmerzen.

Welche Ängste kann die Lage bei Kindern hervorrufen?

Neben der Angst vor der eigenen und der Ansteckung von Eltern, Geschwistern, Großeltern, Verwandten, Freunden und Freundinnen, Lehrern und Lehrerinnen und so weiter sowie möglichen Folgen können weitere Ängste hinzu kommen, die für Kinder und Eltern zunächst vielleicht gar nicht so leicht verständlich oder in Worte zu fassen sind. So erleben Kinder durch das geltende Kontaktverbot eine Verunsicherung in wichtigen Beziehungen und befürchten möglicherweise sogar deren Verlust. Bei Jugendlichen ist eine ganz verbreitete Angst ja auch, außen vor zu sein, nicht mehr dazu zu gehören. So kann es sehr beängstigend sein, sich der Beziehung zu Freunden und Freundinnen über längere Zeit nicht im persönlichen Kontakt vergewissern zu können. Hinzu können existenziellere Verunsicherungen kommen, zum Beispiel was Gesundheit oder die finanzielle Situation der Familie auch über die Corona-Krise hinaus angeht. Es mag auch Kinder geben, die Kontaktverbote trotz sachlicher Erklärungen auf sich selbst beziehen und darüber Schuld- oder Scham-Gefühle entwickeln: Wollen Oma und Opa mich nicht sehen, weil sie denken, ich habe mir nicht genug die Hände gewaschen oder nicht aufs Abstand-Halten geachtet? Stimmt das vielleicht? Habe ich was falsch gemacht?

Wie können Eltern ihren Kindern diese Ängste nehmen und ihnen die aktuellen Einschränkungen erklären? Wie sollten Eltern mit ihren Kindern über die Corona-Krise sprechen?

Eltern sollten eine altersgerechte Sprache suchen, um ihren Kindern zum Beispiel das Thema Ansteckung durch Viren verständlicher zu machen und ihnen zu verdeutlichen, warum es im Moment so wichtig ist, dass sie nicht in den Kindergarten, in die Schule oder zu den Großeltern gehen können. Es gibt im Internet viele tolle Angebote für verschiedene Altersstufen, zum Beispiel kleine Filme, die dabei helfen können, einfach und sachlich zu informieren. Wichtig ist, den Kindern zu vermitteln: Ich bin und bleibe für dich da und du kannst mit Sorgen und Fragen zu mir kommen. Ich höre dir zu. Wir sind hier sicher und mit allem versorgt und wir können behandelt werden, selbst wenn wir uns anstecken. Diese Zeit geht vorbei und wir stehen das durch. Wir finden Wege, mit Oma und Opa, mit deiner Freundin, mit deinem Trainer in Kontakt zu bleiben und sie sind weiter für dich da – wenn auch anders als gewohnt. Darüber hinaus vermitteln kleine Rituale, zum Beispiel ein Spaziergang um den Pudding vor dem Mittagessen, und das Fortführen alltäglicher Routinen wie gemeinsame Mahlzeiten Stabilität und Sicherheit. Kinder spüren aber eben auch sehr deutlich unausgesprochene Sorgen und Ängste bei ihren Eltern. Da ist es als allererstes wichtig, für sich selbst Wege zu finden, damit umzugehen oder sich Hilfe zu suchen. Verschweigen macht manchmal aber sogar mehr Angst, weil das Nicht-Gesagte unterschwellig doch immer da ist. Dann kann es notwendig sein, über diese eigenen Sorgen in Maßen zu sprechen. Hier sollte man sich aber zunächst Gedanken machen: Was und wie viel teile ich mit, damit es die Kinder nicht überfordert? Wie kann ich entlasten und welche Bewältigungsstrategien aufzeigen?

Gab es in der Elternberatungsstelle bereits Anfragen von besorgten Eltern?

Natürlich ist Corona momentan in so gut wie jeder Beratung Thema, allein schon dadurch, dass diese derzeit nicht persönlich, sondern am Telefon stattfindet. Jede Familie bringt eigene Themen in dieser Situation mit: Das Strukturieren des veränderten Alltags, die fortlaufenden Verpflichtungen der Familienmitglieder wie Schulaufgaben, Arbeit oder Haushalt und die eingeschränkte Bewegungsfreiheit beschäftigen eigentlich alle. Aber es geht auch um Themen wie schwerwiegende Ängste bei Kindern und Eltern, um durch die Situation hervorgerufene oder intensivierte emotionale Krisen wie depressive Episoden, um sich zuspitzende Paarkonflikte und Trennungsgedanken, um extreme Belastungen und Überforderung sowie ganz realistische, existenzielle gesundheitliche oder finanzielle Sorgen.

Wie können familiäre Konflikte in der Quarantäne oder auf engstem Raum vermieden oder adäquat ausgetragen werden?

Es ist wichtig, sich immer wieder daran zu erinnern: Es ist eine Ausnahme-, ja, eine Krisensituation. Wir sind auf uns als Familie, als Paar, als Einzelne zurückgeworfen und es gibt wahrscheinlich weniger Ausgleich, Ablenkungen, Rückzugsmöglichkeiten als sonst. Da ist es ganz verständlich und wohl kaum vermeidbar, dass wir alle schneller gereizt oder wütend reagieren und dass auch Konflikte sichtbarer werden als sonst im Alltag. Wir rasseln aneinander. Da brauchen wir eine große Portion Gelassenheit und Nachsicht mit den anderen, aber auch mit uns selbst, um Fünfe gerade sein zu lassen. Vielleicht ist es hilfreich, ein Stopp-Signal zu vereinbaren, wenn wir merken, jetzt kracht es wieder, weil wir einfach alle so genervt sind. Vielleicht können wir später in Ruhe darüber reden. Gleichzeitig ist es wichtig zu überlegen, wie sich jede und jeder auch in dieser Situation Auszeiten für sich nehmen kann, zum Beispiel mal allein spazieren gehen oder zu Hause auf dem Sofa ein Buch lesen, während Partner oder Partnerin mit den Kindern eine Runde mit dem Rad dreht. Viele Eltern, die jetzt vielleicht heftiger auftreten als sonst, fühlen sich durch die Konflikte mehr verunsichert, sodass sie schneller sich selbst oder die Funktionalität der Familie oder der Beziehung in Frage stellen. Auch Kinder und Jugendliche haben jetzt mehr Raum, an sich und an anderen zu zweifeln. Da ist es wichtig zu vermitteln: Es ist verständlich, dass es euch jetzt so geht, aber bitte versucht auch hier, nachsichtig mit euch und anderen zu sein und euch darauf zu verlassen, dass es wieder anders werden kann. Und wenn nicht, könnt ihr ja später immer noch Konsequenzen ziehen.

Wie können Eltern die vermehrte Zeit mit ihren Kindern sinnvoll gestalten? Welche Tipps haben Sie für Eltern?

Für viele Familien trifft es ja gar nicht unbedingt zu, dass es so viel mehr Freizeit gibt, trotz Wegfall von Kindergarten und Schule, Terminen und Verabredungen. Schulkinder haben Hausaufgaben, viele Eltern müssen im Home-Office Arbeit erledigen und nebenbei den Haushalt schmeißen, während die Kinder zu Hause sind. Im Moment gehen in den Medien, in Chatgruppen und über Freunde und Bekannte unzählige Anregungen und Tipps dazu um, was man alles mit Kindern und Jugendlichen unternehmen kann, damit es nicht langweilig wird. Manche Eltern mögen sich davon unter Druck gesetzt fühlen: Sie wissen gar nicht, woher sie die Zeit und den Raum nehmen sollen, das alles auszuprobieren. Den veränderten Alltag verlässlich zu strukturieren, alles und alle unter einen Hut zu kriegen und dabei noch liebevoll und zugewandt zu bleiben, ist schon Herausforderung genug – und eine große Leistung, wenn es, zumindest in Anteilen, gelingt. Ein wichtiges Ziel der Beratungen ist es deshalb im Moment, Eltern zunächst zu entlasten, damit sie ihre Ansprüche an sich und an ihre Familie herunter schrauben und manches gelassener sehen können. Wir wollen sie vor allem ermutigen, durchzuhalten und vielleicht auch wichtige Entscheidungen, zum Beispiel über eine Trennung, zu vertagen.

Das Interview führte Eike Wienbarg.

Info

Zur Person

Gesa Maier (Bild oben) und Sandra Spratte arbeiten in der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche des Landkreises Diepholz. Maier ist Diplom-Psychologin, Spratte hat einen Bachelor in Psychologie und ist Diplom-Sozialpädagogin.

Info

Zur Sache

Tipps der Elternberatungsstelle

Die Mitarbeiterinnen der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche des Landkreises Diepholz haben eine Sammlung von Internetadressen zur Information und mit Tipps zusammengestellt:

https://www.youtube.com/watch?v=_kU4oCmRFTw (Erklärvideo zum Coronavirus der Stadt Wien für Kinder)

https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/coronavirus/wie-eltern-ihren-kindern-jetzt-helfen-koennen-1730182 (Informationen für Eltern von der Bundesregierung)

https://www.aetas-kinderstiftung.de/ handreichungen-coronavirus / (Informations- und Werkzeugblätter der AETAS-Kinderstiftung)

Die Beratungsstellen des Landkreises sind in Diepholz und Syke. Sie beraten Eltern, Kinder, Jugendliche, junge Erwachse und Fachkräfte aus Kindergärten und Schulen. Eltern wenden sich an sie bei Fragen zur Erziehung ihrer Kinder. Außerdem werden Familien beraten, die unter familiären Konflikten leiden oder von Trennung oder Scheidung betroffen sind. Kinder und Jugendliche nehmen die Beratung bei Problemen in der Familie oder mit sich selbst in Anspruch. Die Beratungen unterliegen der Schweigeplicht und sind freiwillig und kostenlos.

Derzeit können aufgrund der Corona-Pandemie keine persönlichen Beratungen angeboten werden, diese finden telefonisch statt. Um einen Termin zu vereinbaren, ist die Beratungsstelle Syke telefonisch unter der Rufnummer 0 42 42 / 9 76 27 00 montags bis freitags in der Zeit von 8 bis 12 Uhr und montags bis mittwochs in der Zeit von 14 bis 15 Uhr erreichbar.

Des Weiteren gibt es die Nummer gegen Kummer unter 116 111 und das Elterntelefon unter 08 00 / 1 11 05 50 sowie die Onlineberatung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (BKE) unter der Internetadresse https://www.bke.de.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+