Im Gespräch mit Detlef Stein

„Kunst erzeugt Nachfrage und Zuspruch“

Der Kunstwissenschaftler Detlef Stein spricht im Interview über die Bedeutung von Kunst in der Gesellschaft und über seinen Vortrag über den dänischen Bildhauer Bertel Thorvaldsen.
25.09.2019, 07:48
Lesedauer: 5 Min
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Von Ilias Subjanto
„Kunst erzeugt Nachfrage und Zuspruch“

Tritt vor Kunstwerken eine Reise an, ohne Koffer packen zu müssen: Der Bremer Kunsthistoriker Detlef Stein.

Christina Kuhaupt
Herr Stein, was bedeutet für Sie Kunst?

Detlef Stein: Kunst oder Kunstgeschichte bedeutet für mich Ausstellungen kuratieren, kunstgeschichtliche Forschungsarbeit, Kunstvermittlung, Vorlesungen geben, Vorträge halten. Das ist mein Beruf. Aber es ist auch meine Leidenschaft, weil die Errungenschaften, die andere auf diesem Gebiet gemacht haben, eine sehr schöne Möglichkeit bieten, etwas zu entdecken, was ich ohne diese Leistungen sicherlich nicht entdecken würde. Ich vergleiche das ganz gern mit einer Reise, die man unternimmt, ohne wirklich die Koffer packen zu müssen, sondern dass man vor einem Kunstwerk stehend die Reise gedanklich antreten kann.

Wie wichtig ist Kunst für eine Gesellschaft?

Kunst ist auf verschiedene Weise wichtig für eine Gesellschaft. Viele Menschen besuchen beispielsweise Bremen, weil sie kulturelle Leistungen der Vergangenheit bestaunen wollen. Sie gucken sich die Architektur und Gemäldesammlungen an. Kunst erzeugt für eine Stadt und für eine Gesellschaft langfristig immer wieder Nachfrage und Zuspruch. Aber das vielleicht noch Wichtigere ist, dass uns Kunst Möglichkeiten gibt, die Sicht anderer auf die Welt nachzuvollziehen. Wir müssen ja nicht unbedingt heiß und innig lieben, wie andere etwas gesehen oder gedeutet haben, aber wir bekommen eine Vorstellung davon, wie verschiedenartig Menschen die Welt erfassen und wie sich das verschiedenartig in den Werken niederschlägt.

Sie sind als Hochschuldozent in Bremen und in Ottersberg tätig. Was sind Ihre Erfahrungen, wie junge Menschen mit einem Fach wie Kunstgeschichte umgehen?

Ich glaube, die Studierenden berührt, wenn sie vermittelt bekommen, wie hoch die Identifikation der Künstler mit ihrem Werk oder mit ihrem Schaffen gewesen ist. Kunstschaffende haben ja sehr häufig ein großes persönliches Risiko in Kauf genommen. Das hatte häufig Bekenntnischarakter, weil eine bestimmte künstlerische Ausdrucksweise angefeindet wurde. Oder sie hatte ökonomisch schlechte Aussichten. Auch junge Menschen stehen vor solchen Fragen: Welchen beruflichen Weg will ich mal einschlagen? Wo führt mich das hin, was ich tue? Wie bereit bin ich, ein Opfer dafür zu bringen? Damit erreicht man Studierende immer sehr stark. Es geht in erster Linie um Begeisterung und darum, Respekt zu erzeugen vor den Leistungen derer, die man kunstgeschichtlich betrachtet.

Neben Ihrer Tätigkeit als Dozent bieten Sie auch Führungen an. Welche Führung in der jüngeren Vergangenheit war für Sie die interessanteste?

Sehr interessant fanden ich und mein Kollege Heinrich Lintze, mit dem ich bei den Führungen zusammenarbeite, einen Rundgang, bei dem wir Kunstwerke von einstmaligen Documenta-Teilnehmern im öffentlichen Bremer Raum vorgestellt haben. Die Documenta findet alle fünf Jahre in Kassel statt und gilt als eine der weltweit wichtigsten Kunstausstellungen. Es existieren von diversen dieser beteiligten Documenta-Künstler Kunstwerke im öffentlichen Bremischen Raum, zum Beispiel die berühmten Bremer Stadtmusikanten am Rathaus. Diese Bronzeplastik stammt von Gerhard Marcks, der mehrfach ausstellender Künstler auf der Documenta war. Oder das Fundament des Museums Weserburg mit dem geheimnisvollen Satz des vielfachen Documenta-Teilnehmers Lawrence Weiner: „Auf Sand gebaut. Tatsächlich (aus) auf anderem Grund.“ Wir haben von vielen Teilnehmenden der Führung erstaunte und begeisterte Rückmeldungen erhalten, dass man das in der Stadt gar nicht wirklich gewusst oder jedenfalls kaum wahrgenommen habe. Das hat uns sehr gefreut.

Am Donnerstag halten Sie einen Kunstvortrag über Bertel Thorvaldsen in Ganderkesee. Was erwartet den Besucher?

Die Lebensgeschichte und die Werkentwicklung eines bedeutenden und faszinierenden dänischen Künstlers des 19. Jahrhunderts. Thorvaldsen wurde in sozial schwachen Verhältnissen groß als Sohn eines Holzschnitzers, der Inhaber einer kleinen Werkstatt im Hafen von Kopenhagen war und vor allem Gallionsfiguren und Ausrüstungsgegenstände für Schiffe schnitzte. Aufgrund von Alkoholismus führte er diese Werkstatt nur so schlecht und recht. Die Begabung seines Sohns Bertel erkannte er aber recht früh. Diese wurde ebenfalls von seinen Nachbarn gefördert, die Bertel zur Kopenhagener Kunsthochschule brachten, die er mit Bravour absolvierte und die ihn anschließend mit einem Reisestipendium für drei Jahre nach Italien schickte. Und das Großartige und Einzigartige ist, dass er den Mut fasste, in Rom zu bleiben, wo es ihm gelang, dank seiner großen Begabung, aber auch mit viel Einsatz und Eifer, eine Werkstatt aufzubauen, die zu den meistbeschäftigten und erfolgreichsten Bildhauerwerkstätten avancierte. Von Rom aus bediente er seine Auftraggeberschaft aus allen Teilen Europas. Aus dem Stipendiumsaufenthalt von ursprünglich drei Jahren wurden ganze 40 Jahre. Dann erst kehrte er als hochgepriesener und hochdekorierter Künstler in seine Heimatstadt Kopenhagen zurück. Noch zu Lebzeiten plante er, Kopenhagen seinen Nachlass zu vermachen, vorausgesetzt die Stadt wäre bereit, ihm dafür ein Museum zu bauen. In einer Zeit, in der Könige und Fürsten ihre privaten Kunstkammern und Kunstsammlungen aufbauten, hatte Thorvaldsen die Idee, seine Kunst allen Menschen zugänglich zu machen. Dieses noch heute zu besichtigende Thorvaldsen-Museum wurde 1848 eröffnet und ist das erste öffentlich zugängliche Museum in Dänemark.

Welcher Künstler, den sie bisher in ihrer Vortragsreihe in Ganderkesee behandelt haben, ragt aus ihrer Sicht besonders heraus?

Eine große Bewunderung habe ich für den romantischen Maler Caspar David Friedrich, der für mich zu den eindrucksvollsten Künstlern gehört, wenn es um die Auseinandersetzung mit Landschaft geht. Er hat unglaublich stimmungsvolle und inhaltlich aufgeladene Landschaftsdarstellungen geschaffen. Und ich habe vor einigen Jahren eine Vorliebe für Hans Christian Andersens Papierkunst entdeckt. Der weltberühmte Märchendichter hat mit wunderbaren Scherenschnitten und Collagebüchern seine Freunde und Gastgeber erfreut.

Gibt es Künstler, mit denen Sie gar nichts anfangen können?

Sagen wir es mal so: Es gibt Dinge, bei denen der Drang, sich damit intensiver zu beschäftigen, nicht so stark ausgeprägt ist. Mir fällt da eine schöne Geschichte von Thorvaldsen ein: Der ganz am Anfang seiner Laufbahn stehende Hans Christian Andersen kam nach Rom und suchte seinen berühmten, etwas älteren Landsmann Thorvaldsen auf. Er klagte ihm sein Leid über die schlechten Kritiken, die er für seine frühen Dichtungen bekommen hatte. Thorvaldsen riet ihm, sich diese Kritiken nicht zu sehr zu Herzen zu nehmen. Sie würden von Menschen stammen, die von der Kunst nicht allzu viel verstünden. Verstünden sie etwas davon, wüssten sie, wie schwer es sei, in der Kunst zur Qualität zu gelangen – dann wären sie im Urteil ein bisschen milder. Um den Bogen zu schließen: Es gibt sehr wohl künstlerische Werke, die ich nicht ganz enthusiastisch verfolge. Aber das heißt natürlich nicht, dass sie nicht auch ihre Berechtigung oder ihre Qualitäten hätten. Wenn man sich in die Werke eindenkt und einarbeitet, weiß man, dass vieles nur mit Anstrengungen und vielen Entwicklungsschritten möglich ist und man das Werk deshalb respektieren sollte.

Das Interview führte Ilias Subjanto.

Info

Zur Person

Detlef Stein (49)

hat an der Universität Bremen Kunstwissenschaften, Kulturwissenschaften und Geschichte studiert. Derzeit arbeitet er als Lehrbeauftragter an der Hochschule Bremen und der Hochschule für Künste im Sozialen Ottersberg mit den Studienschwerpunkten Kunsttheorie und Kunstgeschichte. Am Donnerstag, 26. September, hält Stein im Ganderkeseer Kulturhaus Müller einen Kunstvortrag über den dänischen Bildhauer und Medailleur Bertel Thorvaldsen.

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