Mehr Nachhaltigkeit im Haushalt

Reinigen ohne chemische Keule

Die meisten ihrer Putzmittel stellt die Grasbergerin Sabine Alpers selbst her. Nach ganz einfachen Rezepten.
25.08.2020, 14:22
Lesedauer: 6 Min
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Von Irene Niehaus

Grasberg. Es blubbert und schäumt in der Küchenspüle, als Sabine Alpers zu dem weißen Pulver Essig gibt. Mit dem reagiert das Natron. Die 57-Jährige lässt die zischende Mischung an der Siphonöffnung und im Abflussrohr ein paar Minuten einwirken. Die Schaumreste im Becken spült sie danach mit Wasser weg – und siehe da: Der Abfluss ist frei.

Um das hinzukriegen, käme Sabine Alpers nie auf die Idee, zur chemischen Keule zu greifen. „Herkömmliche Reinigungsmittel sind meist nicht effektiver, sondern einfach nur Geldschneiderei der Konzerne, die auf Kosten der Umwelt und Unwissenheit der Leute ihren Profit machen“, sagt die Grasbergerin. Sie setzt fast überall in ihrem Haushalt einfache Hausmittel ein. Nicht nur Natron, Soda, Essig und Orangenreste, sondern auch Asche und Zahncreme. Aus den Helferlein stellt sie ihre Putzmittel her. „Für viele Reinigungsmittel gibt es einfache Rezepte“, sagt Sabine Alpers. „Viele Zutaten hat man eh im Haushalt und spart dadurch Platz und Verpackung.“

Wenig Geld und die Geburt ihrer ersten beiden Kinder haben sie vor vielen Jahren dazu gebracht, sich Gedanken über die Putzmittel zu machen. Sie hatte Angst, dass die Kleinen in Kontakt kommen könnten mit den hochchemischen Mitteln. Selbstgemachte Putzmittel kommen meist mit wenigen, unbedenklichen Zutaten aus, sind preiswert und schaden der Natur nicht, sagt sie.

Abwasch mit Nudelwasser

Beispiele? Aus den Salzkartoffeln, die Sabine Alpers an diesem Tag zu Mittag kocht, will sie Bratkartoffeln machen. Doch das Salzwasser landet bei ihr nicht gleich im Abfluss, sondern sie fängt es auf. Den Sud verwendet sie, um mit ihm das Geschirr zu spülen. Dazu eigne sich auch Nudelwasser, sagt die 57-Jährige. Die beiden stärkehaltigen Flüssigkeiten lösten Fett und andere Verschmutzungen.

Neben ihren selbst gemachten Mitteln nutzt Sabine Alpers mechanische Mittel wie Pömpel oder Bürsten. Mit alten Zahnbürsten geht sie gegen den Dreck in den Fugen an. Ebenfalls mit einem Klecks billiger Zahncreme für 43 Cent befreit sie ihre Emaille-Spüle von Teeflecken.

Die natürlichen Putzmittel zieht sie den chemischen auch deshalb vor, weil sie den typischen Reiniger-Geruch gar nicht mag. Und einen blitzsauberen Haushalt will sie sowieso nicht. Der ist in ihren Augen kein Adelsprädikat für einen besseren Menschen oder eine gute Mutter. Blitzsauber heiße: ein keimfreies Umfeld. Und das sei nicht gut fürs Immunsystem – Asthma und Allergien seien Zivilisationskrankheiten. „Meine Kinder und ich sind ganz selten krank, wir sind wie die Pferde.“

Viele verschiedene Putzmittel braucht in Wahrheit kein Mensch, betont Alpers. Mit wenigen Zutaten müsse man nicht mehr auf Produkte aus Supermarkt oder Drogerie zurückgreifen und bräuchte nicht so häufig einzukaufen. „Wir müssen weg von diesem Konsumdenken, Wo lassen wir die ganzen Sachen?“, fragt sich die Grasbergerin. Mit ihren selbstgemachten Reinigern habe sie zudem selbst die Macht über die verwendeten Inhaltsstoffe und spare an Plastikverpackungen.

Den Fußboden und viele andere Flächen wischt sie nur mit Wasser. Will sie Buntwäsche bei 40 Grad waschen, gibt sie Kastanienwasser statt Waschpulver in die Maschine. Die Kastanien hat sie getrocknet, zerkleinert und in Wasser eingeweicht, bevor sie die gesiebte Flüssigkeit nutzt. Dazu gibt sie einen Schuss Essig. „Bei Orangenessig duftet die Wäsche gut, sonst kann man auch einige Tropfen ätherisches Öl dazugeben. Die farbigen Sachen färben nicht aus, und die Wäsche bleibt weich, ersetzt somit auch den Weichspüler“, unterstreicht Sabine Alpers. Für 60 Grad nimmt sie Waschsoda mit ätherischem Öl, für Wolle mit geriebener Kernseife – „ist preiswert und wäscht genauso sauber.“ Aber bloß kein Essig dazugeben, das gebe eine Explosion, warnt die Erzieherin und Sozialpädagogin, die als selbstständige Bauexpertin und Hausverwalterin arbeitet.

Scheuern mit Schale

Als Möbelpolitur verwendet sie Olivenöl. Ihren vielseitigen Putzmitteln verleiht sie als kleines I-Tüpfelchen noch einen angenehmen Duft, in dem sie sie mit ätherischen Ölen kombiniert. Die lassen besonders Essig angenehmer riechen. Essigreiniger stellt sie ganz einfach her. Er duftet bei ihr sogar ganz fruchtig nach Orangen und Zitronen. Sie gibt dafür einfach deren Schalen, die sonst im Biomüll landen würden, in ein verschließbares Gefäß, übergießt sie mit Essig und lässt ihn einfach ein paar Tage durchziehen. Den fertigen Reiniger gibt sie beispielsweise unverdünnt in die Toilette, lässt ihn einwirken, um Ränder zu beseitigen. Aus fein zerstoßenen Eierschalen macht Sabine Alpers nicht nur Nahrungsergänzungsmittel für ihre Pferde, sondern auch Scheuermittel, mit dem sie hartnäckig verkrustete Töpfe reinigt.

Ihre bunten Spülschwämme und Spültücher, die beim Gebrauch zu Mikroplastik würden, ersetzte Sabine Alpers durch selbstgestrickte Schwämme und Lappen aus Naturfaser, die sie bei 60 Grad waschen kann. „Die halten endlos“, sagt sie. Die Herstellung sei ein schönes Hobby und immer ein nettes, sinnvolles Geschenk. Um hartnäckigen und eingebrannten Ruß an der Scheibe des Kachelofens oder Heizkamins zu entfernen, tunkt sie einen feuchten Lappen in Asche und reibt sie damit ab. „Holzasche ist ein Superzeug, man könnte damit auch Zähne putzen“, sagt die Grasbergerin.

Als Alternative zu Shampoo und Duschgel verwendet sie auch Roggenmehl-Shampoo. Das sei frei von schädlichen Zusatzstoffen, während seine Proteine die Haare pflegten und es günstig sei. Es soll gegen fettige Haare und Schuppen helfen. Sie vermischt Mehl (Typ 997) mit Wasser und gibt ein paar Tropfen Lavendelöl und Apfelessig dazu. „Ich rühre es normalerweise frisch an. Je länger man die Mischung stehen lässt, umso besser wirkt es.“ Etwa 100 Milliliter benötige sie bei ihren langen Haaren. Durch den Apfelessig behalte die Haut ihren natürlichen Säureschutzmantel. Außerdem sei mit Wasser verdünnter Essig sogar gut bei Sonnenbrand. Weil sie durch die Alternativen Geld sparten, gönnt sich Alpers zum Duschen ein Stück exklusive englische Seife in Papierverpackung.

Nicht nur Putzmittel und Duschgel stellt sie selbst her. Hautcreme und Lippenbalsam zaubert sie aus Ringelblumen-Blüten aus dem eigenen Garten und Olivenöl, aus ihren Beeten holt sie das Gemüse, das sie einmacht: Zucchini, Möhren, Rote Bete, anderes friert sie frisch ein. Aus Äpfeln werden Saft und Mus, aus Heidelbeeren Marmelade. Weinblätter legt sie eingerollt in Salzwasser mit einem Schuss Essig ein. Es lohnt sich offenbar – ihre Vorratskammer ist randvoll.

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Zur Sache

Alternativen zum Putzmittel

Eine Milliarde Euro geben die Deutschen jährlich für Hausputzmittel aus. Doch oft werden mehr Putzmittel verwendet als nötig, sagt der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). „Wir raten zu einer sparsamen Dosierung. Mit viel Putzmittel schäumt und duftet es zwar mehr, aber sauberer wird es nicht.“

Die in Reinigungsmitteln enthaltenen Chemikalien können die Umwelt belasten. Private Haushalte in Deutschland spülen nach Angaben des Naturschutzbundes (Nabu) jährlich rund 530000 Tonnen Chemikalien aus Wasch- und Reinigungsmitteln ins Abwasser. Die Folgen für Umwelt und Gesundheit würden meist unterschätzt: Zu viele Stoffe seien schwer abbaubar und könnten als Mikroverunreinigungen auf unterschiedlichen Wegen in unser Grundwasser, auf landwirtschaftliche Felder, in Flüsse, Seen und Meere gelangen. Die Kläranlagen filtern laut Nabu nicht alle Stoffe heraus, der Klärschlamm werde teilweise als Ersatzdünger in der Landwirtschaft genutzt und bei Starkregen liefen Kanalisationen über.
Jedes Jahr werden dem Nabu zufolge in Deutschland 1,4 Millionen Tonnen Wasch- und Reinigungsmittel verbraucht – davon allein die Hälfte fürs Wäschewaschen. Der Nabu rät, auf
aggressive Reiniger oder Desinfektionsmittel zu verzichten und Bürsten, Tücher, Saugglocken
und andere mechanische Hilfen zum Putzen zu benutzen, damit weniger Chemie ins Abwasser kommt.

Chemische Keulen und Keimkiller können die Gesundheit schaden, warnt die Verbraucherzentrale. Denn Inhaltsstoffe wie Konservierungsmittel oder Duftstoffe könnten Allergien auslösen und die Haut oder Atemwege reizen. Stattdessen genügten vier einfache Reinigungsmittel: neutraler Allzweckreiniger, Scheuerpulver, Essigreiniger oder Zitronensäure sowie Handspülmittel.

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