Handball

Aufstieg nach Abpfiff

Jürgen Stanek, langjähriger Torwart des HV Grasberg, schafft mit seiner Mannschaft im Jahr 2013 in einem dramatischen Saisonfinale noch den Aufstieg. Er erinnert sich gerne zurück.
21.04.2020, 11:01
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Aufstieg nach Abpfiff
Von Dennis Schott
Aufstieg nach Abpfiff

„Grasberg gewinnt dramatischen Aufstiegskrimi“ – so titelte die Sportredaktion damals. Dieses Bild wurde zu dem Artikel veröffentlicht. Jürgen Stanek ist der Zweite von rechts.

Wilhelm Schütte

35 Jahre lang war Jürgen Stanek aktiver Handballer. Das kann wahrlich nicht jeder Handballer von sich behaupten. Die Begeisterung für den Sport hat ihn nie losgelassen, auch wenn es Jürgen Stanek nicht unbedingt weit gebracht hat. Die Landesliga war Zeit seiner aktiven Laufbahn das höchste der Gefühle gewesen. „Vielleicht hätte es zu bestimmten Zeiten gepasst, auch mal höher zu spielen“, sagt der heute 52-Jährige rückblickend. Hat es aber nicht.

„Aber ich muss auch sagen, dass zu meiner Zeit eine starke Vereinstreue vorhanden war. Ich habe wirklich gute und talentierte Handballer kennengelernt, die durchaus die Möglichkeit hatten, höherklassig zu spielen. Aber für eine Leistungsklasse höher hat eigentlich keiner seinen Stammverein verlassen“, erzählt Jürgen Stanek weiter. Und so kamen insgesamt 35 Jahre bei ein und demselben Verein zustande, auch wenn sich der Name im Laufe der Zeit immer wieder änderte. Von TSG WGE Grasberg, zu HV Grasberg und vor einem Jahr schließlich zu HSG LiGra, der er aktuell sogar vorsteht.

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Der Begeisterung für den Handballsport tat dies aber – wie gesagt – nie einen Abbruch. Und sie wurde stets befeuert. Etwa, als der HV Grasberg, bei dem Jürgen Stanek all die Jahre im Tor gestanden hatte, zu einem unverhofften Freundschaftsspiel gegen die Nationalmannschaft von Lettland, die sich zu der Zeit in Norddeutschland aufhielt, kam. Oder, als der damalige Zweitligist TV Grambke anlässlich des 30-Jährigen Bestehens der Handball-Sparte in Grasberg gastierte.

Natürlich gingen beide Spiele haushoch verloren. Jürgen Stanek, der Torwart, weiß heute zwar nicht mehr, wie viele Bälle er aus dem eigenen Netz holen musste. Aber es waren viele. Und trotzdem: „Gegen solche Spieler antreten zu dürfen, das war schon etwas Besonderes, auch wenn man eigentlich nur Statist war“, erinnert sich der 52-Jährige gerne zurück.

Vom Staunenden zum Bestaunten

Einmal wurde aus dem staunenden Jürgen Stanek aber der bestaunte Jürgen Stanek. Und nicht nur er allein, sondern die gesamte Mannschaft. Damit ist nicht unbedingt der Aufstieg in die Bremen-Liga an sich gemeint. Den hatte sich der HV Grasberg in der Saison 2012/2013, Jürgen Stanek war inzwischen stolze 45 Jahre alt, schließlich zum Ziel gesetzt, nachdem er zuvor abgestiegen war. Aber die Art und Weise muss in der Rückbetrachtung als denkwürdig umschrieben werden. Die Grasberger Handballer hatten den Aufstieg nach dem Abpfiff der letzten Partie in jener Spielzeit nämlich noch gar nicht geschafft!

Das war ja das Irre an diesem Spiel am 27. April 2013. Es war das heiß ersehnte Saisonfinale. Der HV Grasberg empfing die dritte Mannschaft des SV Werder Bremen. Es war ein Duell zweier direkter Konkurrenten um den Aufstieg. Der HV Grasberg brauchte unbedingt einen Sieg, um die Rückkehr in die Bremen-Liga zu bewerkstelligen, den Werderanern genügte derweil schon ein Unentschieden. Um es vorwegzunehmen: Es war nicht das beste Spiel von Jürgen Stanek, aber damit war er nicht allein. Die gesamte Mannschaft wirkte doch ziemlich angespannt. Zur Halbzeit lag sie mit 10:12 im Hintertreffen, auch weil sie insgesamt vier Siebenmeter verwarf, ehe die Führung im zweiten Abschnitt zunächst hin und her wechselte.

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Zwischenzeitlich setzten sich die Grasberger um drei Tore ab, die Führung hielt aber nicht lange, sodass es bis wenige Sekunden vor Schluss 23:23 stand. „Wenn man ehrlich ist, hatten wir zu diesem Zeitpunkt nicht mehr an den Aufstieg geglaubt“, meint Jürgen Stanek rückblickend. Den HVG-Spielern stand die Enttäuschung bereits ins Gesicht geschrieben. Selbst, als die Grasberger zwei Sekunden vor Ultimo einen Neunmeter zugesprochen bekamen, war die Hoffnung auf einen Sieg kaum vorhanden. Die Spielzeit war inzwischen abgelaufen, als Martin Behrens zum unwiderruflich letzten Wurf des Spiels, ja der Saison, ansetzte.

Neunmeter für Handball-Spieler sind so etwas wie Elfmeter für Fußball-Torhüter. Nur viel aussichtsloser. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Handball-Spieler aus neun Metern trifft, ist jedenfalls wesentlich geringer als die, dass der Fußball-Torwart aus elf Metern hält. Es bleibt eben kaum eine Lücke, wenn sich die gegnerischen Spieler in der Mauer aufbauen, auf die Zehenspitzen stellen und die Arme hochreißen, um das eigene Tor abzuwehren. Dahinter der Torwart. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, den Ball an diesem Bollwerk vorbei im gegnerischen Kasten unterzubringen. So musste sich auch Staneks Teamkollege Martin Behrens gefühlt haben.

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An ihm lag es jetzt, die Gesetze der Wahrscheinlichkeit auszuhebeln. Und er schaffte es tatsächlich. Sein Wurf wurde noch leicht abgefälscht und landete zur puren Glückseligkeit des HV Grasberg im gegnerischen Tor. 24:23! Gewonnen! Der HV Grasberg war zurück in der Bremen-Liga! Die voll besetzte Halle glich einem Tollhaus. „Das war ein echtes Highlight für uns, und nicht nur für uns, auch für den Verein“, meint Jürgen Stanek.

Wenn man so will, war dieser 27. April die Grundsteinlegung für eine dauerhafte Bremen-Liga-Zugehörigkeit. Seit diesem Tag ist der Verein nicht wieder abgestiegen. Er markiert in gewisser Weise einen Neubeginn. Denn viele Spieler blieben dank dieses Erfolgs im Verein, neue kamen hinzu. Auch Jürgen Stanek blieb. Natürlich. Drei weitere Jahre sollte er noch spielen, ehe auch er aufhörte. Aber für dieses Spiel hatte es sich gelohnt, so lange durchgehalten zu haben.

Info

Zur Person

Jürgen Stanek (52)

fing mit dem Handballspielen mit 13 Jahren bei der TSG WGE Grasberg an. Er durchlief sämtliche Jugendstationen im Verein und wechselte danach in den Herrenbereich, ehe er berufsbedingt für den TV Pflugfelden in Ludwigsburg spielte. Zurück in heimischen Gefilden, schloss er sich wieder seinem Heimatverein an, wo er bereits mit 18 Jahren zusätzlich als Trainer arbeitete. Er betreute im Laufe der Jahre so ziemlich jede Mannschaft im Verein, der sich 2010 in HV Grasberg umbenannte und in dem Jürgen Stanek als stellvertretender Vorsitzender agierte, ehe 2019 die Fusion mit dem TV Lilienthal zur HSG LiGra beschlossen wurde. Im Verein ist er jetzt der 1. Vorsitzende.

Info

Zur Sache

Samstag, 27. April 2013:

Letzter Spieltag der Handball-Stadtliga

HV Grasberg – SV Werder Bremen III 24:23 (10:12)

HV Grasberg: Stanek; Buschmann (4), Iwen, Torben Hilken, Dohrmann, Schnackenberg (5), Radeke (3/3), Koppen (3), Behrens (6), Meyer (1), Engler (2)

Weitere Informationen

Der bejubelte Aufstieg oder ein tränenreicher Abstieg. Ein unvergessener Sieg, oder die bittere Niederlage in letzter Sekunde. In unserer neuen Serie „Spiel meines Lebens“ erinnern sich Sportlerinnen und Sportler an den größten Moment ihrer Laufbahn – ganz egal, ob positiv oder negativ.

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