75 Jahre WESER-KURIER

Die Wümme-Region im Wandel

Nordöstlich von Bremen ist es schön. Die Wümme eignet sich als gutes Ausflugsziel für Naturfreunde und Fans von gemütlicher Gastronomie. Aber die Region und ihre Bewohner sind vielen Veränderungen ausgesetzt.
18.09.2020, 07:06
Lesedauer: 4 Min
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Die Wümme-Region im Wandel
Von André Fesser

So ein Ausflug ans Wasser ist im Großraum Bremen schnell gemacht. Dabei muss das Ziel aber nicht unbedingt die Weser sein. Es gibt Flüsse, die kaum weniger Erlebnispotenzial bieten. Die Wümme ist ein Beispiel dafür. Zumal der Fluss eine ganze Region prägt.

Gewiss, wer Schiffe angucken oder Wassersport betreiben will, ist hier falsch. Die Wümme ist eher was für Naturfreunde, die vom Kanu aus Vögel und Insekten beobachten und sich anschließend in einem der verbliebenen flussnahen Ausflugslokale mit einem Glas Alster oder einem Stück Torte stärken wollen. Rund 120 Kilometer misst die Wümme von ihrem Ursprung in der Lüneburger Heide bis zur Vereinigung mit der Lesum zur Hamme bei Wasserhorst. Der vielfach noch naturnahe Flussverlauf malt wunderschöne Bilder. Die Kollegen des Magazins „Stern“ waren vor zwei Jahren derart verzückt von der Wümme, dass sie sie zu einem der 50 schönsten Ausflugsziele in Deutschland erklärten.

Der Fluss ist der Stellvertreter für eine ganze Region, die vor allem eines ist: grün. Das zeigt sich schon im Bremer Blockland und in Bremen-Borgfeld, wo es den Menschen bislang gelungen ist, ein naturnahes Zuhause zu erhalten. Das zeigt sich aber auch, wenn man mit der Straßenbahn über Borgfeld hinaus nach Lilienthal oder später dann mit dem Fahrrad oder Auto weiterfährt nach Grasberg, Worpswede oder in die Samtgemeinde Tarmstedt im Landkreis Rotenburg. Die Region ist geprägt von ländlichem Charme und bietet so unmittelbar vor der Großstadt gute Möglichkeiten, den Kopf freizubekommen.

Doch die Metropole macht sich breit. Mit der Straßenbahn, deren Verlängerung über Borgfeld hinaus vor sechs Jahren eröffnet wurde, kamen auch die Menschen nach Lilienthal. Der Wohnungsbau hat zugenommen und das Bild der ländlichen Idylle verändert. Das ist nicht nur im bremennahen Lilienthal so. Auch in den Gemeinden Grasberg und Worpswede sowie im Großraum Tarmstedt wachsen die Neubauten aus der Erde und dokumentieren so den Wandel, dem die Region ausgesetzt ist. Zumal es sich bei dem, was da wächst, in der Regel um Stadtvillen handelt und nicht um Bauernhäuser.

Das passt in den Augen vieler, die in dieser Gegend zu Hause sind, rein gar nicht in eine Region, die eine landwirtschaftliche Prägung ausweist und ihre Tradition aus der Besiedelung und Nutzbarmachung des Moors ab dem 18. Jahrhundert bezieht. Das Erbe dieser Zeit wird einem vor allem in diesem Jahr vor Augen geführt, in dem Heimathistoriker den 300. Geburtstag Jürgen Christian Findorffs feiern, des Moorkommissars, der die Besiedelung des Moors möglich machte, indem er es entwässerte und vermaß. Findorffs Arbeit prägte die Gegend rund um Wümme und Hamme nachhaltig.

An vielen Stellen in der Region kann man die Geschichten, die die Region schrieb, noch heute sehen. Wer es sich aber leicht machen möchte, fährt einfach nach Worpswede. Das Künstlerdorf ist in kultureller Hinsicht der Fixstern in der Gegend. Und wem der Sinn nach einem Eindruck von der Vergangenheit steht, der muss sich einfach nur auf die Arbeiten der alten Meisterinnen und Meister einlassen, die vor gut hundert Jahren damit begannen, das Leben der Menschen und ihre Eigenarten im Bild festzuhalten.

Worpswede ist aber auch darüber hinaus ein geeigneter Anlaufpunkt für Besucherinnen und Besucher, die sich einfach mal treiben lassen wollen, um später noch im Buchladen zu stöbern oder einen Teller Knipp zu verdrücken. Doch so schön die Fassade auch ist, die das Künstlerdorf bietet – wie in der ganzen Region ist hier der Bedarf spürbar, den Wandel anzugehen und die Zukunft zu gestalten. Doch die Kassenlage in der Gemeinde ist schlecht. Vom schönen Schein bleibt im Dorf nicht genug hängen, es bräuchte einfach mehr und nachhaltigeren Zuspruch als den durch die Tagestouristen.

Dabei wünschen sich die Menschen wie überall im ländlichen Raum mehr Möglichkeiten. Durch den Breitbandausbau zum Beispiel oder durch mehr Mobilitätsangebote, die sie – egal, ob jung oder alt – im Alltag unabhängig machen und auch mal in die Großstadt bringen. Mehr Mobilität kann aber auch Folgen haben. In Lilienthal hat die Straßenbahn verdeutlicht, dass Zuzug mit einer Erwartungshaltung verbunden ist, die nicht so einfach zu bedienen ist. Die Neuen – die mit der Linie 4 in den Ort kamen – suchen Bildung und Betreuung für ihre Kinder. Und es braucht Gewerbeflächen, die Arbeit ermöglicht, um die Menschen in der Region und den Standort lebensfähig zu halten.

Es braucht also Ideen, die helfen, den zwangsläufigen Wandel zu gestalten. Die WÜMME-ZEITUNG begleitet diese Veränderungen seit mittlerweile mehr als 140 Jahren und dokumentiert die Ideen, die es in dieser Zeit gegeben hat. Die Region hat über Schönes und Grünes hinaus aber viel mehr zu bieten, worüber es sich zu berichten lohnt.

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Die WÜMME-ZEITUNG berichtet aus und für die Region – seit mehr als 140 Jahren. 1879 erschien die erste Ausgabe der Zeitung. Seit dem 6. August 1974 ist die WÜMME-ZEITUNG eine Regionalausgabe des WESER-KURIER.

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Dieser Artikel ist Teil der Sonderveröffentlichung zum 75. Geburtstag des WESER-KURIER. Am 19. September 1945 erschien die erste Ausgabe unserer Zeitung. Anlässlich des Jubiläums blicken wir zurück auf die vergangenen Jahrzehnte: Erinnern uns an die Anfänge unserer Zeitung und auch an die ein oder andere Panne. Und wir schauen nach vorn: Wie werden Künstliche Intelligenz und der Einsatz von Algorithmen den Journalismus verändern? Natürlich denken wir auch an Sie, unsere Leser und Nutzer. Wer folgt unseren Social-Media-Kanälen, wer liest unsere Zeitung? Was ist aus den Menschen geworden, über die wir in den vergangenen Jahren berichtet haben? Und wie läuft er eigentlich ab, so ein Tag beim WESER-KURIER?

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