„Das Spiel meines Lebens“: Lars Hausmann

Wie Lars Hausmann im April 1992 mit der TuSG Tischtennis-Geschichte schrieb

Der bejubelte Aufstieg oder tränenreicher Abstieg. Ein unvergessener Sieg, oder die bittere Niederlage. In der Serie „Spiel meines Lebens“ erinnern sich Sportler an ihren größten Moment. Heute: Lars Hausmann
10.07.2020, 09:35
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Von Frank Mühlmann
Wie Lars Hausmann im April 1992 mit der TuSG Tischtennis-Geschichte schrieb

Bis heute unvergessen: Die TuSG-Aufstiegshelden, wie sie am 28. April 1992 im Osterholzer Kreisblatt gewürdigt wurden, mit (hinten von links) Siegfried Wagner, Oliver Fockert, Egbert Simon und Bernd Wacker. Vorne (von links) Lars Hausmann, Holger Krückemeier und Stefan Wendler.

Frei

Ritterhude. Die über 100-jährige Riesturnhalle hat in ihrer Geschichte so manch mitreißenden und spektakulären Tischtennis-Thriller gesehen. Doch um ein Spiel ranken sich noch heute wahre Mythen. Am 25. April 1992 besaß die TuSG Ritterhude die historische Chance, als erste Herren-Mannschaft des Landkreises Osterholz in die Oberliga, damals die bundesweit vierthöchste Klasse, aufzusteigen. Auch die Kulisse war einmalig. Nie wieder seitdem fanden etwa 300 Zuschauer auf extra organisierten Tribünen in dem altehrwürdigen Gemäuer Platz.

Eine Zahl, die selbst heute noch vielerorts für ein Tischtennis-Bundesligaspiel herhalten könnte. Dass die Partie eine derartige Strahlkraft hatte, lag auch an der immens spannenden Ausgangssituation. Schließlich war es am letzten Spieltag ein echtes Endspiel um die Verbandsliga-Meisterschaft. Die TuSG benötigte zwingend einen Sieg, Gegner und Tabellenführer MTV Tostedt genügte bereits ein Unentschieden zum Aufstieg. Die Hausherren gingen als klarer Außenseiter ins Match, hatten auch in der Hinrunde bereits in Tostedt mit 4:9 deutlich den Kürzeren gezogen. „Auf zehn bis 20 Prozent schätzte ich damals unsere Siegchance“, erinnert sich Lars Hausmann, einer der Protagonisten, heute.

Hausmann, erst vor Saisonbeginn aus Zeven zu den Hammestädtern gewechselt, war zu jener Zeit der Spitzenspieler einer aufstrebenden Ritterhuder Mannschaft. Der damals 22-Jährige erlebte gerade, ohne zu übertreiben, seine sportliche Blütezeit. Hausmann war nicht nur amtierender Bezirksmeister, sondern brachte die TuSG mit der besten Verbandsliga-Einzelbilanz (32:4 im oberen Paarkreuz) überhaupt erst in diese erfolgsversprechende Ausgangsposition. Gleichzeitig lastete auf dem Angriffsspieler aber auch ein enormer Druck. „Für das Wunder waren vier Punkte von mir inklusive Doppel praktisch fest eingeplant“, erklärt Lars Hausmann rückblickend.

Die Spannung vor diesem Gipfelduell war bereits in den Tagen zuvor greifbar. Tostedts Teammanager Udo Bade hatte in einem Zeitungsinterview mit dem Zitat „Wir können einfach nicht verlieren“ siegessichere Grüße nach Ritterhude geschickt. Auch direkt vor dem Spiel ließen die Gäste die Muskeln spielen. Tostedts Nummer eins Matthias Graf führte sein Team mit einem Ghettoblaster auf den Schultern in die Halle, in einer Lautstärke, die die heimische Musikanlage um ein Vielfaches übertönte. Bei der Begrüßung legte Udo Bade eine weitere Kampfansage nach und wünschte der TuSG fast beiläufig „viel Spaß in der Relegation“. Man kann sich vorstellen, dass dieser Satz die letzten, nötigen Prozentpunkte Motivation beim Ritterhuder Sextett herauskitzelte. Noch 28 Jahre später geistert diese Aussage wie ein geflügeltes Wort durch die Riesturnhalle.

In der Anfangsphase war Lars Hausmann an der Seite von Holger Krückemeier der einzige Sieg der Gastgeber im Doppel vergönnt. Folglich betrat Ritterhudes Spitzenspieler beim erwartbaren Stand von 1:2 zum ersten Einzel die Box. Gegen den vorhandlastigen Lars Wilken, zu jener Zeit als „Enfant terrible“ der Szene verschrien, ging Hausmann dank einer stark positiven Bilanz im direkten Duell optimistisch ins Match. Mit vielen schnellen Rückhandtopspinschlägen sicherte sich Hausmann den ersten Satz deutlich, gab den zweiten allerdings ebenso klar ab, auch weil Wilken häufig mit seinen gefährlichen Aufschlägen die Punkte diktierte. Im finalen Durchgang agierte Hausmann aber wieder mit Auge, guckte sich seinen Kontrahenten regelrecht aus und glich mit einem 21:12 letztlich doch locker für seine Mannschaft aus.

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In der Folge gelang den teilweise wie entfesselt aufspielenden Gastgebern im unteren Paarkreuz das erste „Break“. Zum Ende der ersten Einzelrunde führte die TuSG erstmals mit 5:4, woraufhin Lars Hausmann im Spitzeneinzel gegen Matthias Graf ranmusste. Normalerweise beherrschte der Ritterhuder seinen sportlichen Rivalen, doch im Hinspiel unterlag Hausmann erstmals, wofür sich „Showmensch“ Graf damals ordentlich feiern ließ, theatralisch auf den Rücken fiel und sich bewusst von seinen heraneilenden Teamkameraden unter einer Jubeltraube begraben ließ. Ein demütigendes Bild, das Hausmann jederzeit während der Revanche im Kopf hatte. Mit 21:8 ging der erste Durchgang überdeutlich an den bis in die Haarspitzen motivierten Ritterhuder, der die eklatante Rückhandschwäche seines Gegenübers häufig ausnutzte. Der zweite Satz verlief enger, aber Hausmann blieb nervenstark und ließ sich den Sieg durch ein 22:20 nicht mehr nehmen.

Krückemeiers Mut

„Spätestens jetzt, als auch das Duell der beiden Alphatiere aus unserer Sicht verloren ging, sind wir mit den Nerven zu Fuß gegangen“, hat Andreas Raeder, der damals für die Gäste auflief, heute noch vor Augen. Natürlich war es aber nicht nur Hausmann, der Anteil am späteren Ritterhuder Triumph besaß. Auch Holger Krückemeier gelang beispielsweise ein mehr als außergewöhnlicher Abend. Seine beiden herausragenden Erfolge über den wieselflinken Alf Pessel und den mit einer Vorhandpeitsche ausgestatteten Ralf Schweneker waren ebenso Meilensteine auf dem Weg zur Sensation. Zwei bedeutsame Zähler steuerte außerdem Stefan Wendler bei, der erst kurzfristig als Joker für Bernd Wacker ins Team gerückt war. Damals waren die Tische in der Rieshalle noch anders aufgebaut, und Abwehrspieler Wendler klebte pausenlos an der Wand, als er mit spektakulären Defensivschlägen gegen Jens Gerlach für das 8:7 und damit den ultimativen Showdown sorgte.

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Vor dem Schlussdoppel, das nun über sportliches Glück und Leid entschied, sprach plötzlich alles für den eigentlichen Underdog, denn Tostedt hatte sich im Gefühl des sicheren Sieges bereits zu Beginn bei der Doppelaufstellung verkalkuliert und nicht ihr bestes Duo an Position eins aufgeboten. Hausmann/Krückemeier stellten sich nach bereits über vier Stunden Spielzeit Pessel/Schweneker in den Weg. „Wir waren wie im Tunnel“, erinnert sich Hausmann, der auch in diesem Spiel wieder seine ganze Klasse unter Beweis stellte.

Als beim Stand von 21:18 und 19:19 aus Ritterhuder Sicht nur noch zwei Bälle zur Sensation fehlten, verspürte Hausmann kurz vor dem Ziel große Nervosität und kaum noch Gefühl in seinem Arm. „Ich wollte möglichst nicht mehr an den Ball kommen und hatte Holger gebeten, volles Risiko beim Return zu gehen“, erklärt Lars Hausmann. Wie prognostiziert fabrizierte Ralf Schweneker zwei lange Aufschläge, und Holger Krückemeier zog zweimal mutig durch. Beide Bälle saßen, und Partner Lars Hausmann hüpfte voller Freude sekundenlang auf der Stelle.

Sekt und Freibier flossen, doch die durchaus party-gewöhnten Meister waren völlig ausgelaugt und viel zu erschöpft, um die Nacht durchzuziehen. „Um 2 Uhr waren wir alle müde und glücklich zu Hause“, meint Hausmann fast drei Dekaden später. Noch heute hängt ein Bild von den Ritterhuder Helden im Aufenthaltsraum der Riesturnhalle. Der MTV Tostedt gewann übrigens kurz darauf die Relegation, stieg aber dennoch nicht auf, weil in der Relegation – anders als heute – nur um einen möglichen Nachrückerplatz gespielt wurde, der tatsächlich aber nicht frei wurde.

Und wer glaubt, dass die Verlierer wie gewöhnlich dieses denkwürdige Match schneller aus dem Gedächtnis gestrichen hätten, irrt sich gewaltig. „Wenn ich mit meinem Freund Ralf Schweneker über Tischtennis philosophiere, kommt mindestens einmal im Jahr diese Partie wieder auf den Tisch“, berichtet Andreas Raeder, der im Hittfelder Trikot zuletzt im November 2019 auf Lars Hausmann und die TuSG Ritterhude traf.

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Info

Zur Person

Lars Hausmann (50)

kam durch seinen Onkel im Alter von sechs Jahren zum Tischtennis, das er bei der TSG Wörpedorf-Grasberg-Eickedorf erlernte. Mit 15 wechselte er zum TuS Zeven, wo er gleich in seiner ersten Halbserie mit einer 17:0-Bilanz im unteren Paarkreuz der Verbandsliga für Aufsehen sorgte. Eine Anfrage vom damaligen Zweitligisten Helga Hannover lehnte Hausmann ab, der sich stattdessen mit 22 Jahren der TuSG Ritterhude anschloss und diese in die Oberliga führte. 1995 verließ er die Hammestädter in Richtung BSV Bremerhaven, von wo es ihn nur ein Jahr später zu einem weiteren Oberligisten, dem TTSV Delmenhorst, zog. Seine zweite Tischtennis-Heimat nach Ritterhude fand Hausmann beim SV BW Langförden, dem er zwölf Jahre lang die Treue hielt und half, von der Bezirksliga bis in die Oberliga durchzumaschieren. Seit 2009 spielt er wieder in Ritterhude und ist noch heute ein fester Bestandteil der ersten Herrenmannschaft. Hausmann war im Einzel Bezirksmeister, Vierter der Norddeutschen Rangliste und holte im Doppel mit Ralf Schweneker Bronze bei den Norddeutschen Meisterschaften. Als Schüler nahm Hausmann auch einmal an den deutschen Titelkämpfen teil. Lars Hausmann ist als Außendienstmitarbeiter im Sanitär- und Heizungsgroßhandel tätig und lebt mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern in Lilienthal.

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Zur Sache

Der bejubelte Aufstieg oder ein tränenreicher Abstieg. Ein unvergessener Sieg, oder die bittere Niederlage in letzter Sekunde. In unserer neuen Serie „Spiel meines Lebens“ erinnern sich Sportlerinnen und Sportler an den größten Moment ihrer Laufbahn – ganz egal, ob positiv oder negativ.

Weitere Informationen

Sonnabend, 25. April 1992:

Letzter Spieltag der Verbandsliga-Saison

TuSG Ritterhude – MTV Tostedt 9:7: Hausmann/Krückemeier – Raeder/Schneider 2:0 (1:0); Simon/Wacker – Pessel/Schweneker 0:2 (1:1); Wagner/Wendler – Graf/Wilken 0:2 (1:2); Hausmann – Wilken 2:1 (2:2); Wagner – Graf 0:2 (2:3); Krückemeier – Pessel 2:1 (3:3); Simon – Schweneker 0:2 (3:4); Focke – Gerlach 2:0 (4:4); Wendler – Raeder 2:1 (5:4); Hausmann – Graf 2:0 (6:4); Wagner – Wilken 0:2 (6:5); Krückemeier – Schweneker 2:1 (7:5); Simon – Pessel 1:2 (7:6); Focke – Raeder 1:2 (7:7); Wendler – Gerlach 2:1 (8:7); Hausmann/Krückemeier – Pessel/Schweneker 2:0 (9:7) FM

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