Winterdienst bis Ernteeinsatz Hans-Hermann Schüür arbeitet mit wuchtigen Maschinen

Tagein tagaus an der Drehbank stehen – das kam für Hans-Hermann Schüür nicht infrage. Ebenso wenig wie der Friseurberuf. Vor fast 30 Jahren fing der Neuenkirchener an, für ein Lohnunternehmen zu arbeiten.
10.12.2022, 10:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Ulrike Schumacher/usch

Wenn es nach der Familientradition gegangen wäre, dann würde Hans-Hermann Schüür jetzt in einem Friseursalon an einem Waschbecken stehen und Köpfe shampoonieren. Sein Vater war in Neuenkirchen Friseur und die Schüürs vor ihm auch. Sein Urgroßvater sei mit 13 Geschwistern aufgewachsen, erzählt Hans-Hermann Schüür, "und alle waren Friseure". Glücklicherweise sei der Kelch an ihm vorübergegangen. "Mein Vater musste der Tradition noch folgen und Friseur werden. Aber eigentlich wollte er das nicht." Zumindest der Sohn sollte sich frei entscheiden können.

Lockenwickler drehen und Haare schneiden wäre Hans-Hermann Schüür nicht in den Sinn gekommen. Handwerk ja, aber dann etwas Handfestes. Der Neuenkirchener machte eine Lehre zum Metallbauer mit der Fachrichtung Konstruktionsmechaniker. "Früher sagte man Schlosser." Ein paar Jahre hatte er in dem Beruf gearbeitet. Dann nahm sein Leben noch einmal eine Kurve. Ihm hätte nichts Besseres passieren können, blickt der 54-Jährige zurück und zündet sich eine Zigarette an.

Morgens um drei zur Arbeit

Kurze Mittagspause im Grünen. Hans-Hermann Schüür und sein Kollege haben am Rande der Wiesen an einem Regenwasser-Rückhaltebecken Gras gemäht. So lautete der Auftrag für diesen Tag. Morgen kann schon wieder etwas anderes auf dem Zettel stehen. Sein Chef, der Lohnunternehmer Rönner in Aschwarden, bietet diverse Dienstleistungen an. Ernteeinsätze im Sommer und Herbst gehören ebenso dazu wie Winterdienst. "Wenn abends um zehn starker Schneefall einsetzt, muss ich raus", sagt Schüür. "Manchmal auch morgens um drei." Und im Sommer, wenn Erntezeit ist? "Kann die Arbeitswoche auch schon mal sieben Tage haben", ergänzt er. Der Sonne sei es egal, dass Sonntag ist. Muss die Ernte rein, wird angepackt und nicht auf die Uhr geschaut. Herrlich findet Hans-Hermann Schüür das.

Genau das sei es, was ihn an der Arbeit reizt. Dass sie so abwechslungsreich ist. "Jeden Tag das Gleiche ist langweilig", meint der Neuenkirchener. "Acht Stunden an der Drehbank ist für mich wie Gefängnis." Deshalb hatte er seinen Job als Konstruktionsmechaniker später auch aufgegeben. Im April 1994 fing er bei der Firma Rönner als Aushilfe an. "Ich wollte damals was dazuverdienen, um den LKW-Führerschein machen zu können." Und er blieb. Seit dem 1. Mai 2001 ist Hans-Hermann Schüür bei dem Lohnunternehmer fest angestellt. Den Arbeitsvertrag habe er mit dem Chef damals per Handschlag geschlossen.

Es gebe Leute, die wechseln alle naselang den Job. Für ihn sei dieser Arbeitsplatz erst der zweite in seinem Leben, fügt er nicht ohne Stolz hinzu. Statt Schlosser ist Hans-Hermann Schüür jetzt Dienstleister im ländlichen Bereich. Autodidakt, fügt er hinzu. Denn in die neuen Aufgaben musste er sich hineinarbeiten. "Ich mach alles, was kommt", sagt er. "Ich fahre Trecker, LkW und Erntemaschinen." Und wie es kommt, nimmt der langjährige Mitarbeiter gelassen. Zum Beispiel, dass die Erntemaschinen mit der Zeit immer wuchtiger wurden. Habe ihn nicht weiter gekratzt, erzählt Schüür. Er lenke die großen Maschinen wie zuvor die kleinen. "Man wächst schnell zusammen." Mensch und Maschine – "die werden miteinander groß".

Mit dem Motorrad nach Sizilien

Ausgeglichen, sagt der Kollege Joshua Wrieden. Das falle ihm spontan zu Hans-Hermann Schüür ein, der im Übrigen "ein toller Kollege" sei. "Den bringt so schnell nichts aus der Ruhe." Der könne einem geduldig alles erklären und habe eine verblüffende Ortskenntnis. "Stimmt", bestätigt Schüür. "Nördlich von Göttingen brauche ich kein Navi. Da fahr ich aus dem Kopf." Längere Touren mit dem Lkw hatte er für Rönner auch schon auf dem Arbeitszettel. Aber meistens liege sein Einsatzgebiet in Bremen, Bremerhaven und dem Landkreis Osterholz. Die weiteste Strecke habe er mal auf zwei Rädern zurückgelegt. "Ist aber schon 20 Jahre her." Damals war er mit seinem englischen Motorrad der Marke Triumph Trophy 1200 nach Sizilien gefahren.

Hilfsbereitschaft ist auch ein Stichwort, das einem zu dem 54-Jährigen einfallen könnte. Als Jugendlicher ist Hans-Hermann Schüür bei der Freiwilligen Feuerwehr Neuenkirchen eingestiegen, bei der er immer noch aktiv ist und zwischendurch auch stellvertretender Ortsbrandmeister war. Langeweile – die kennt der Mann auch in seiner Freizeit nicht. "Dafür hat der Tag viel zu wenige Stunden", sagt Hans-Hermann Schüür, der seit 54 Jahren in seinem Elternhaus lebt – "1729 erbaut und das älteste Haus in Neuenkirchen". Es gibt noch so einiges, was den Mann reizt: Beim plattdeutschen Theater auf der Bühne stehen zum Beispiel. Oder im Sommer zum Heavy-Metal-Festival nach Wacken. Ziemliches Kontrastprogramm, würden die Kollegen sagen. Aber gerade das reizt ihn ja.

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