Zahl der Beratungen steigt

Mehr Suchterkrankungen kommen ans Licht

Die Zahl der Beratungen zu Alkohol- und Drogenabhängigkeit ist beim Diakonischen Werk in Osterholz-Scharmbeck stark gestiegen. Die Expertinnen glauben, dies sei auf eine sinkende Dunkelziffer zurückzuführen.
05.05.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Mehr Suchterkrankungen kommen ans Licht
Von Mario Nagel

Landkreis Osterholz. Die Beratungen für Alkohol- und Drogenabhängige haben im vergangenen Jahr deutlich zugenommen. Das berichtet Martina Kögel von der Fachstelle für Sucht und Suchtprävention des Diakonischen Werkes des evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Osterholz-Scharmbeck. „Die Tage sind voll, die Sprechzeiten von 9 bis 18 Uhr werden komplett ausgereizt“, sagt Kögel. Insbesondere die Zahl der Beratungen für Alkoholkranke sei erheblich angestiegen. Das habe dazu geführt, dass es erstmals in der Geschichte der Beratungsstelle eine Warteliste gibt, die schon zu Beginn der Corona-Pandemie eingeführt wurde. Darauf stünden die Namen von 20 bis 30 Personen.

Im Jahr 2019 hatte es laut Martina Kögel in der Beratungsstelle des Diakonischen Werkes knapp über 300 Neuaufnahmen gegeben, telefonische Kontakte ausgenommen. „Im Jahr 2020 wird die Zahl sehr viel höher liegen.“ Wie hoch genau, werde gerade ermittelt. Im Juni sollen die Zahlen vorliegen. Dass durch die Pandemie mehr Menschen zur Flasche greifen, ließe sich aber nicht sagen, merkt die Suchtberaterin an: „Wir glauben eher, dass durch Corona mehr Fälle von Alkoholismus sichtbar werden.“ In den vergangenen Monaten habe sich der Großteil des Lebens zu Hause abgespielt – und damit auch der Alkoholkonsum.

Studie: 41 Prozent trinken aus Langeweile

Der Alkoholkonsum sei vor Corona leichter zu verheimlichen gewesen. „Aber jetzt können sich Suchterkrankte nicht mehr so einfach verstecken“, sagt Kögel. Das bestätigt der Global Drug Survey, die weltweit größte Umfrage zum Drogenkonsum, an der Menschen anonym teilnehmen können. Laut der Umfrage gaben 43 Prozent der über 58.000 Befragten an, während der Pandemie häufiger Alkohol zu trinken als zuvor. 36 Prozent gaben zudem an, mehr Alkohol als vorher zu konsumieren. Als Gründe nannten die Befragten, mehr Zeit dafür (42 Prozent) oder Langeweile (41 Prozent) zu haben.

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Martina Kögel glaubt allerdings nicht, dass Langeweile in der Pandemie der Hauptgrund für mehr Suchterkrankte sei. In den Beratungen hätten die Menschen unter anderem die Angst vor Arbeitslosigkeit oder einer Erkrankung, dem Eingesperrtsein oder allgemeine Existenzangst genannt. „Die Krise ist ein Gesamtproblem: Die Tagesstruktur, Freizeit und der Sport brechen weg. Der Tag besteht, grob gesagt, nur aus schlafen, essen und arbeiten – und dazwischen ist viel Leerlauf.“

Das werde auch an den jungen Menschen deutlich, die immer häufiger in der Osterholzer Beratungsstelle vorstellig werden. „Viele Jugendliche haben zwar schon vor Corona ein bisschen Alkohol konsumiert, hatten aber auch noch andere Freizeitmöglichkeiten. Die fallen nun komplett weg, und das fördert den Konsum“, sagt Magdalena Windey. Vor der Pandemie habe sie in Schulen Workshops durchgeführt und das Angebot zur Suchtberatung und -prävention vorgestellt. Ob die Zahl der suchtkranken Jugendlichen gestiegen oder die Dunkelziffer einfach nur gesunken ist, weiß Windey nicht.

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Dafür weiß die Suchtberaterin aber, dass die Jugendlichen nicht nur zum Alkohol, sondern auch immer mehr zu Cannabis und synthetischen Drogen greifen. „Ich betreue zum Beispiel eine Riege von Mädchen, die zwischen 13 und 15 Jahren alt sind und Amphetamine sowie Ecstasy nehmen. Die Mädchen sind vorher nicht aufgefallen, weil sie sich verstecken und heimlich konsumieren konnten. Jetzt geschieht das zu Hause oder in den Schulen. Das ist problematisch.“

Steigende Experimentierfreudigkeit

Häufig seien es die Eltern, die entsprechende Utensilien bei den Kindern gefunden oder sie gar beim Konsum erwischt hätten und sich an die Beratungsstelle wenden. „Wir erleben hier sowohl Eltern, die hochpanisch sind, als auch Eltern, die gefasster bleiben und sagen, die Kinder sollten sich das mal anhören“, sagt Windey. Und dann gebe es natürlich Erziehende, denen das Problem zwar bekannt, aber egal sei. In diesen Fällen würden sich vor allem Außenstehende an die Suchtberatung wenden, zum Beispiel das Jugendamt.

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„Durch die Pandemie ist bei den Jugendlichen zudem die Experimentierfreudigkeit gestiegen“, sagt Martina Kögel. In den Beratungen hätte sich gezeigt, dass besonders junge Menschen immer häufiger sogenannte Medikamentencocktails konsumieren. „Es ist schwieriger geworden, an Drogen zu kommen. Also versuchen einige umzusteigen. Da wird dann bei den Eltern oder Großeltern im Badezimmerschränkchen geguckt, was man so benutzen kann.“

Die Jugendlichen würden unter anderem mit Opiaten hantieren und zum Beispiel Tilidin oder Tramadol, starke Schmerzmittel mit hoher Suchtgefahr, mit alkoholischen Getränken wie Wodka mischen. „Das ist unglaublich gefährlich. Wenn wir das in der Suchtberatung hören, sind wir erstaunt, dass die Zahl der Drogentoten im Landkreis noch nicht angestiegen ist“, sagt Martina Kögel. Wie hoch diese Zahl ist, kann das niedersächsische Landesamt für Statistik nicht mitteilen. Auf Kreisebene ist die Zahl der Drogentoten in der Regel aber so niedrig, dass sie ohnehin der Geheimhaltung unterliege, teilt Julian Bartsch mit. Insgesamt starben in Niedersachsen im vergangenen Jahr 80 Menschen an den Folgen des Drogenkonsums.

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Telefonische Suchtberatung

Aufgrund der Corona-Pandemie führt die Fachstelle für Sucht und Suchtprävention des Diakonischen Werks des Kirchenkreises Osterholz-Scharmbeck ausschließlich telefonische Beratungen durch. Menschen, die Fragen zu missbräuchlichem, riskantem oder abhängigem Konsum von Alkohol, Drogen oder nicht-stoffgebundenen Abhängigkeiten haben, können unter der Telefonnummer 04791/ 80 682 einen Termin vereinbaren oder sich per E-Mail unter suchtberatung.osterholz-scharmbeck@evlka.de an die Beratungsstelle wenden. Die Beratung ist anonym und kostenlos.

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