Kommentar zum Tischtennis-Saisonabbruch

Ein Urteil zum Schämen

Man kann den Kopf gar nicht so heftig schütteln, wie man es möchte angesichts der Entscheidung des Deutschen Tischtennis-Bundes - findet Sportredakteur Tobias Dohr. Dieses Urteil ist schlichtweg skandalös.
03.04.2020, 10:10
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Ein Urteil zum Schämen
Von Tobias Dohr

Man kann den Kopf gar nicht so heftig schütteln, wie man es möchte angesichts der Entscheidung des Deutschen Tischtennis-Bundes. Warum? Warum jetzt? Warum in dieser Form? Und warum am 1. April? Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen: Da verkündet der Verband eine derart wichtige und weitreichende Entscheidung ausgerechnet am 1. April und wählt in seinem ersten Satz des offiziellen Statements dann allen Ernstes diese Formulierung: „Auch wenn es das Datum nahelegt: Es handelt sich bei dieser Meldung nicht um einen Aprilscherz!“ Geht‘s noch DTTB?

Zynischer kann man wohl nicht zeigen, dass man sich offenbar absolut bewusst ist, wie viel Kopfschütteln und Ungläubigkeit diese Entscheidung unter den Aktiven hervorrufen wird. Dass sie dennoch von den Verbandsfunktionären allen Ernstes als „bestmöglich“ verkauft wird, macht die Sache nur noch schlimmer. Man muss es so deutlich sagen: Mit dieser Entscheidung hat sich der DTTB und all seine Landesverbände einen Bärendienst erwiesen. Auch wenn es der Verband behauptet – die Mehrheit der Vereine und Sportler hat definitiv nicht eine zeitnahe Entscheidung des Verbands erwartet.

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Vielmehr hätte man zwingend die kommenden drei Wochen abwarten müssen, um die allgemeine Entwicklung rund um die Corona-Krise gewissenhaft beurteilen zu können. Der Zeitdruck ist beim Tischtennis vergleichsweise klein gewesen. Die laufende Saison hätte in diesem Ausnahmefall verlängert, die Wechselfrist verschoben werden müssen. Auch die neue Spielzeit hätte notfalls noch später beginnen können. Laut Verband war die Zusammenfassung aller Vorschläge „36 Seiten in Punktgröße zehn“ lang. Und da soll die jetzige Lösung wirklich die am wenigsten ungerechte gewesen sein? Wohl kaum.

Hätten die Funktionäre mal beim Volleyball abgeguckt: Dort wurde das Thema wirklich im Sinne des Sports behandelt. Diejenigen Mannschaften, die zum Zeitpunkt des Saisonabbruchs als Aufsteiger beziehungsweise Absteiger eindeutig und sportlich nicht mehr änderbar feststanden, müssen auf- beziehungsweise absteigen. Mannschaften, die auf einem Abstiegsplatz stehen, den Klassenerhalt aber rechnerisch hätten schaffen können, erhielten das Angebot, in der jeweiligen Klasse zu bleiben. Potenzielle Aufstiegskandidaten wiederum, auch wenn sie zum Zeitpunkt des Abbruchs auf keinem Aufstiegsplatz stehen, dürfen für die höhere Spielklasse melden.

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Diese Regelung bedeutet einen erheblichen Mehraufwand für die Verbände. Die Ligenstärke wird in der kommenden Spielzeit sehr variieren, was den Staffellleitern deutlich mehr abverlangt. Aber es ist eine wirklich faire Lösung im Sinne der Vereine und Sportler. Und dazu muss man noch sagen: Die Volleyballsaison war sogar noch etwas weiter fortgeschritten als beim Tischtennis – und trotzdem hat sich der Verband so entschieden. Eben weil in der Corona-Krise niemand unnötig bestraft werden soll. Diese Chance haben die Tischtennis-Verbände wissentlich ignoriert und mit Füßen getreten. Dafür sollten sich die Verantwortlichen einfach nur schämen.

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