Bundesweiter Abbruch der Tischtennis-Saison

Große Diskussionen um Entscheidung des DTTB

Als die Bombe einschlug, da war die Reaktion der allermeisten Tischtennisspieler völlig identisch: Das muss ein Aprilscherz sein, so dachten bundesweit die Sportlerinnen und Sportler angesichts dieses Urteils.
03.04.2020, 08:45
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Große Diskussionen um Entscheidung des DTTB
Von Tobias Dohr
Große Diskussionen um Entscheidung des DTTB

Der Tischtennisball ruht – die Saison wurde vom Verband für beendet erklärt.

ROLAND WEIHRAUCH/DPA

Als die Bombe einschlug, da war die Reaktion der allermeisten Tischtennisspieler völlig identisch: Das MUSS ein Aprilscherz sein! So dachten wohl alle, die die offizielle Mitteilung des Deutschen Tischtennisverbandes lasen, die dieser am Mittwochnachmittag rausgeschickt hatte: Der DTTB und seine 18 Landesverbände hatten sich in einer Telefonkonferenz am Dienstagabend dazu entschieden, die Spielzeit 2019/2020 für den Mannschaftsspielbetrieb in ganz Deutschland von der untersten Kreisklasse bis zur Bundesliga inklusive der Pokal- und Relegationsspielen mit sofortiger Wirkung zu beenden.

Als diese Nachricht dann am Mittwoch die Runde machte, gab es viele entsetzte, zumindest aber fassungs- oder ratlose Reaktionen. Denn die von den Verbänden gewählte Variante war von vielen als das schlechteste und ungerechteste Szenario empfunden worden. Dazu muss man wissen, dass es im Tischtennis absolut üblich ist, dass schiefe Tabellenbilder entstehen, da es keinen genormten Spielbetrieb gibt, sondern die Vereine die Spieltermine größtenteils selbst koordinieren.

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So sind querbeet durch die Ligen Deutschlands Tabellen zu finden, in denen Teams oftmals ein oder zwei, in nicht seltenen Fällen sogar drei oder vier Spiele mehr absolviert haben als die Konkurrenz. Frank Mühlmann weiß sogar von einem Fall, wo eine Mannschaft erst zwölf, eine andere aber schon 17 Spiele absolviert hatte. Und das macht den Sportwart der TuSG Ritterhude regelrecht wütend: „So kann doch nie im Leben eine halbwegs gerechte Lösung aussehen“, sagt Mühlmann, der mit seinen eigenen Mannschaften sogar gleich doppelt bestraft ist.

Sowohl die erste Herren-Mannschaft in der Verbandsliga als auch die zweite Herren in der Landesliga steigen nun ab. Denn, so sieht es die Regelung des Verbandes vor: „Die Spielzeit 2019/2020 wird mit Wirkung vom 13. März für beendet erklärt. Es werden weder noch ausstehende Mannschaftskämpfe noch Relegationsrunden dieser Spielzeit zur Austragung kommen. Die aktuelle Tabelle wird zur Abschlusstabelle erklärt. Anhand dieser Tabelle werden Auf- und Abstieg geregelt.“

Laut Pressemitteilung hat sich der Verband im Umfeld ein umfassendes Stimmungsbild bei den Landesverbänden und Vereinen eingeholt und dieses dann unter „Berücksichtigung der juristischen Komponente“ bewertet. „Wir im TTVN haben uns dabei von der Tatsache leiten lassen, dass im Durchschnitt bereits circa 85 Prozent aller Spiele in den einzelnen Gruppen sportlich einwandfrei durchgeführt worden sind und diese große Anzahl an Ergebnissen bei der Wertung berücksichtigt werden sollte“, sagte Dieter Benen, Vizepräsident des Niedersächsischen Tischtennisverbandes.

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Die Ritterhuder Herren werden es freilich ganz anders empfinden: Sie hatten nämlich stets auf den Saisonendspurt gesetzt, standen in diesem doch noch drei Punktspiele gegen Gegner an, gegen die Siege absolut machbar waren. Diese Partien werden nun aber nicht mehr berücksichtigt. Ganz abgesehen davon, dass der ESV Lüneburg ein Spiel mehr absolviert und einen Minuspunkt mehr auf dem Konto hat als die TuSG, nun aber auf dem Relegatonsplatz stehend gerettet ist.

TTVN-Präsident Heinz Böhne sagte in diesem Zusammenhang: „Wir sind uns darüber im Klaren, dass diese Entscheidungen nicht alle unsere Vereine und Mannschaften zufriedenstellen werden. Es wird Fälle geben, in denen die getroffene Regelung ungerecht erscheinen mag.“ Ungerecht wäre fast noch zu gelinde ausgedrückt für die Emotionen, die Frank Mühlmann und viele andere Tischtennisspieler derzeit empfinden. „Es ist genau das schlimmste Signal, das man senden konnte. Gerade in dieser schwierigen Zeit, in der von der gesamten Gesellschaft doch Solidarität und ein vernünftiges Miteinander erwartet wird, hätte es eine andere Lösung geben müssen.“

Und Szenarien gab es ja durchaus genügend: Nur die Hinserie werten beispielsweise, dann wäre die Tabelle zumindest von der Anzahl der Spiele her vergleichbar gewesen. Oder die Saison gar nicht werten und neu starten. Oder aber eine Regelung, wie sie der Volleyball-Verband gewählt hat: Niemand, der den Klassenerhalt noch hätte abwenden können, muss absteigen – kann dies aber durchaus freiwillig tun. Eines treibt Frank Mühlmann aber am meisten um: „Warum wurde diese Entscheidung jetzt getroffen?“

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Während alle anderen Verbände das Ende der Osterferien abwarten, um dann die neuen Vorgaben der Politik bewerten zu können, ist der Tischtennis-Verband nun vorgeprescht. „Und das wäre doch absolut nicht nötig gewesen. Im Tischtennis haben wir mehr als bei den meisten anderen Sportarten die Chance, die laufende Saison zu verlängern oder die neue Saison etwas später beginnen zu lassen“, so Frank Mühlmann.

Die TuSG Ritterhude jedenfalls wird Einspruch gegen das Urteil einlegen und wenn nötig den Rechtsweg beschreiten. Und damit dürften die Hammestädter nicht die einzigen sein. Bereits am Mittwochabend wurde eine Online-Petition ins Leben gerufen, um die Entscheidung des DTTB zu revidieren. Bis zum späten Donnerstagnachmittag hatten sich dort bereits zahlreiche Menschen eingetragen. Auch Frank Mühlmann. „Mein Telefon stand gestern fünf Stunden lang nicht still. Ich habe wirklich niemanden gesprochen, der diese Lösung als gerecht oder gut empfindet, niemanden. Und ich habe sogar mit unseren direkten Konkurrenten aus Hittfeld gesprochen. Ich muss sagen, ich schäme mich wirklich für meine Sportart.“

Der Präsident des Deutschen Tischtennis-Bundes, Michael Geiger, lobte hingegen die erfolgreiche Umsetzung der von allen Seiten gewünschten bundeseinheitlichen Lösung und ließ sich mit folgenden Worten zitieren: „Ein Trainer würde stolz sagen: Das war eine geschlossene Mannschaftsleistung. In dieser Krisensituation haben alle an einem Strang gezogen.“ Für Frank Mühlmann und Tausende Tischtennisspieler in Deutschland werden diese Worte wie der blanke Hohn klingen. „Es gibt viel Wichtigeres als Tischtennis“, sagt Frank Mühlmann. „Niemand kann etwas für diese Situation, in der wir uns befinden. Niemand hat Schuld daran. Aber durch diese Verbandsentscheidung sind jetzt wissentlich Verlierer produziert worden."

Info

Zur Sache

Die Entscheidungen des Verbandes in der Übersicht

Das TTVN-Präsidium hat in Abstimmung mit den betroffenen Ressortleitern für den Punktspielbetrieb in Niedersachsen folgende Regelung zur Wertung der Saison 2019/2020 beschlossen. So lauten die offiziellen Vorgaben:

- Die Spielzeit 2019/2020 wird mit Wirkung vom 13. März 2020 für beendet erklärt. Es werden weder noch ausstehende Mannschaftskämpfe noch Relegationsrunden dieser Spielzeit zur Austragung kommen.

- Die aktuelle Tabelle (Stand: 13. März 2020) wird zur Abschlusstabelle erklärt. Anhand dieser Tabelle werden Auf- und Abstieg geregelt

- Da es keine Relegationen geben kann, werden alle potenziellen Relegationsteilnehmer zu Siegern der Relegation erklärt. Das bedeutet, dass alle Tabellenzweiten die höhere Spielklasse angeboten bekommen und alle Tabellenachten in ihrer Gruppe bleiben können.

- Im Rahmen der Vereinsmeldung kann dann jeder Verein entscheiden, ob er die angebotenen Spielklassen in Anspruch nehmen möchte.

- Die Fristen für die Vereins- und Mannschaftsmeldung bleiben unverändert, ebenso die Wechselfrist.

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