Umfrage Landessportbund Niedersachsen

Millionen-Schäden und Existenzängste

Schon jetzt schweben erste Sportvereine in existenzieller Not. Nach einer Umfrage des LSB Niedersachsen sehen sich rund ein Viertel der Vereine akut bedroht, wenn die aktuelle Corona-Krise noch Monate anhält.
18.05.2020, 16:57
Lesedauer: 4 Min
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Von Thomas Müller
Millionen-Schäden und Existenzängste

Verwaistes Spielfeld, verwaiste Tribünenplätze im Stadion Osterholz-Scharmbeck – müssen wir uns an solche Bilder in Zeiten der Corona-Pandemie wohl gewöhnen?

Maximilian von Lachner

Landkreis Osterholz. In der Corona-Pandemie, deren Ende ja überhaupt noch nicht absehbar ist, schweben bereits erste Sportvereine in existenzieller wirtschaftlicher Not. Nach einer Umfrage des Landessportbundes Niedersachsen (LSB) aus dem April sehen sich 2,2 Prozent der Vereine akut bedroht. Ein zunächst mal recht niedriger Wert. Aber: 22,7 Prozent der Vereine sehen sich in großer Gefahr, wenn die aktuelle Situation mehrere Monate anhält. Das ist dann schon mal rund ein Viertel der 3757 Vereine, die dem LSB antworteten und eine Einschätzung abgaben.

Es geht um Millionen-Summen. Beim LSB haben sie ausgerechnet, wie hoch die Defizite, beziehungsweise die Schäden sind: Allein bei den Vereinen 5,8 Millionen Euro. Dazu kommen 705 000 und 111 000 Euro durch die Landesfachverbände und die Sportbünde, die ebenfalls an der Umfrage teilnahmen. Insgesamt 6 641 791 Euro. In Wirklichkeit dürften die Summen noch um ein Mehrfaches höher liegen; denn geantwortet hat ja nur ein gutes Drittel der 9367 Vereine im LSB.

„Wir beobachten das mit großer Sorge, was auf unsere Vereine zukommt“, sagt Kristian Tangermann, der in mehrfacher Hinsicht Schlüsse aus der Umfrage ziehen kann. Tangermann ist Vize-Präsident im LSB-Präsidium, stellvertretender Vorsitzender im KSB Osterholz und dort für die Finanzen zuständig sowie Bürgermeister der Gemeinde Lilienthal. Der LSB habe bereits Kontakt aufgenommen zum niedersächsischen Innenministerium, um ein Sondervermögen in Höhe von mehreren Millionen Euro anzapfen zu können (siehe auch eingeklinkten Text).

Die Daten aus dem Kreissportbund Osterholz decken sich durchaus mit denen auf Landesebene. Akut bedroht sehen sich hier drei Vereine (4,8 Prozent), 14 (22,6 Prozent) sind es dann schon, wenn die Corona-Krise anhält. Das finanzielle Defizit liegt demnach bei 115 350 Euro. Ausfälle bei Kursgebühren (23 450 Euro) und eigenen Veranstaltungen (16 750 Euro) sind zwei Hauptpunkte neben sonstigen Defiziten (45 500). Auf der anderen Seite bleiben die laufenden Kosten und Verpflichtungen: 74 084 Euro für Personal, 59 032 Euro an Hallenkosten. Kein Wunder, dass schon elf Vereine (17,2 Prozent) erklärt haben, dass sie Hilfsprogramme in Anspruch nehmen oder das zumindest beabsichtigen. An der Umfrage beteiligten sich 64 der 132 KSB-Vereine.

In manchen Vereinen habe es bereits Mitgliedsaustritte gegeben, weiß Kristian Tangermann. Er könne das nachvollziehen. Wer von Kurzarbeit oder gar Arbeitslosigkeit bedroht sei, müsse eben scharf rechnen. Aus den Lilienthaler Sportvereinen habe er aber noch keine Vereinsaustritte gehört. Auch der Landessportbund habe Probleme durch Einnahmeausfälle: „Eigentlich sollten die Bundesleistungszentren wieder arbeiten. Da sollte jetzt die neue Trainingsphase beginnen.“ An der Basis, also im KSB Osterholz, müsse man auch flexibel arbeiten: „Ende Mai soll eigentlich die nächste Vorstandssitzung stattfinden.“ Ob man sich da physisch treffe? Noch sei es ja verboten. Bisher habe man über Video-Konferenzen kommuniziert und per E-Mail.

Edith Hünecken, die 1. Vorsitzende im KSB Osterholz, mag erst mal nur eine vorsichtige Wertung der LSB-Umfrage vornehmen: „Es ist ein recht früher Zeitpunkt für eine realistische Einschätzung.“ Der LSB sei aber in Verhandlungen mit dem Land Niedersachsen, um an Zuschüsse zu kommen. Auch in ihrem eigenen Verband gebe es Probleme durch Ausfälle. Die Arbeit von Diplom-Sportlehrerin Viviana Trentin sei sozusagen auf Eis gelegt. Eventuell werde man noch für Mai Kurzarbeitergeld beantragen. Was die nächste Vorstandssitzung betrifft, ist Edith Hünecken ganz optimistisch: „Mit bis zu sechs Personen ist das jetzt ja erlaubt.“ Ob man dagegen den nächsten Kreissporttag abhalten kann, der für November im „Grasberger Hof“ geplant ist, da sei sie skeptisch: „Ja, es ist eine schreckliche Situation für uns alle.“ Ob und wie das große Jubiläum stattfinden kann – der Kreissportbund Osterholz wird am 31. März 2021 75 Jahre alt – daran mag sie zunächst erst mal gar nicht denken.

Info

Zur Sache

Mitgliederrückgang im KSB Osterholz

Dem Landessportbund Niedersachsen (LSB) gehören derzeit 9367 Vereine an mit 2 625 577 Mitgliedern, das sind 808 (0,03 Prozent) weniger als im Vorjahr. 2012 waren das noch 2 738 389 Mitglieder in 9710 Vereinen. Für 2018 betrug der Organisationsgrad (Mitgliedschaften im Verhältnis zur Einwohnerzahl) 32,9 Prozent. Am niedrigsten ist der Organisationsgrad in Delmenhorst (19,9 Prozent), am höchsten im Landkreis Rotenburg (50,4 Prozent). Der Landkreis Osterholz liegt im Mittelfeld: Die 38,46 Prozent ergeben sich aus 43,93 Prozent Organisationsgrad bei der männlichen Bevölkerung und 33,18 Prozent bei der weiblichen. Seit Jahren verläuft die Kurve hier leicht abwärts. 2001 betrug der Gesamtwert noch 44,43 Prozent.

Landesweit sind die meisten Niedersachsen in Turnvereinen organisiert (791 167), gefolgt vom Fußball (615 205) und Schießsport (208 053). Kleinster Landesfachverband ist für den Rasenkraftsport (175). Unter den 47 Sportbünden (Stadt, Kreis und Region) liegt der RSB Hannover mit 666 Vereinen und 178 976 Mitgliedern an der Spitze, kleinster Verband ist der SSB Emden (56/18 287). Dazwischen liegt der KSB Osterholz (132/43 481). Im Jahr 2001 gehörten dem KSB Osterholz noch 49 529 Menschen an, der Wert sackte auf 44 984 in 2013. Seit 2014 sind die Rückgänge nur minimal, sie liegen im 43 000er-Bereich (jeweils bezogen auf den 1.1. des folgenden Jahres).

Unterdessen verzeichnet die Bevölkerung im Landkreis Osterholz wachsende Zahlen: Von 112 793 in 2004 stiegen sie auf 113 517 im Jahre 2018 (bezogen auf den 31.12. des Jahres).

Quelle: Landessportbund

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