Hans-Peter Bammann aus Hepstedt Fasziniert von pfeilschnellen Flugkünstlern

Hans-Peter Bammann aus Hepstedt hat in seinem Stall einige erfolgreiche Spitzensportler, die er auch mal mit einem Festschmaus belohnt. Seit 1967 züchtet er nun schon Brieftauben.
16.01.2021, 16:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Johannes Heeg

Hepstedt. Hans-Peter Bammann ist zwar Rentner, doch früh aufstehen muss er trotzdem jeden Tag. Sehr früh sogar: Um 6 Uhr lässt er seine Tauben raus. Die kreisen dann eine Stunde über den Dächern von Hepstedt, dann ist das Training vorbei. „Die wissen, wenn ich die Fahne am Taubenschlag einhole, gibt es Futter“, sagt der 66-jährige Dachdeckermeister. Die Routine ist wichtig für die gefiederten Leistungssportler, die schon so manches Rennen gewonnen haben.

Zehn Jahre alt war der Hepstedter, als er dem Reiz der Taubenzucht erlag. Ein Nachbar habe Brieftauben gehabt, „und ich fand das faszinierend, wie die nach ihren Flügen aus 200 Meter Höhe pfeilschnell herunterkamen“, erzählt er. Eines Tages habe er auf dem Hof eine Haustaube gefangen, und ein Freund brachte ihm Tauben vom Bremer Hauptbahnhof mit. „So hat das angefangen“, erinnert sich Bammann.

Seit 1967 züchtet er nun schon Brieftauben, erzählt der Vorsitzende einer Reisevereinigung, mit deren Hilfe auch Brieftaubenvereine aus Grasberg, Gnarrenburg und Osterholz-Scharmbeck ihre Vögel in den Süden fahren. Das war 2020 wegen Corona erst Mitte Mai wieder möglich. Immerhin habe es noch zehn Preisflüge gegeben. Einer der Startpunkte war Ettenheim bei Freiburg, 565 Kilometer von der Heimat entfernt. Während die Fahrt mit dem vereinseigenen Lkw zwei Tage dauerte, schafften die Tauben die Distanz in sieben Stunden. „Die sind dann mit einer Geschwindigkeit von bis zu 110 Kilometer in der Stunde in Richtung Heimat unterwegs“, berichtet Bammann.

Eisenhaltige Nervenäste

Wie die Tauben das mit der Orientierung hinkriegen? Wissenschaftler haben im Schnabel der Taube eisenhaltige Nervenäste gefunden. Sie vermuten, dass die Taube so das Magnetfeld der Erde erspürt und daraus eine Karte zusammensetzt. Im Auge habe sie wie viele Zugvögel einen Magnetkompass, der ihr zeigt, in welche Richtung sie fliegt. Möglich auch, dass Tauben ihren Geruchssinn nutzen, um sich zu orientieren. Und für den Fall, dass sich Brieftauben mal verfliegen, ist am Beinring ein Aufkleber mit der Telefonnummer des Züchters angebracht.

Der Ring enthält auch einen Chip, der am heimischen Schlag eine Sekunden genaue Erfassung der Flugzeit ermöglicht. Manipulationen seien somit ausgeschlossen, sagt Bammann, der vor drei Jahren Deutscher Meister geworden ist. Unter Tausenden Züchtern in Deutschland habe er immerhin die siebtbeste Taube gehabt, und sein bestes Weibchen habe es auf Platz 17 gebracht. Wie das geht? Man müsse einfach die richtigen Weibchen mit den richtigen Männchen zusammenbringen. Ob der Nachwuchs die erforderlichen Eigenschaften mitbringt – Schnelligkeit, Zuverlässigkeit, den richtigen Körperbau – das zeige sich dann schon. Dass er offenbar einiges richtig macht, beweisen seine jüngsten Erfolge: 2020 machten ihn seine Tauben zum Meister der Reisevereinigung Bremen-Nordost, und auch die Jährigenmeisterschaft entschied er für sich. Zudem hatte er innerhalb der Reisevereinigung das beste jährige Männchen und das beste jährige Weibchen.

Ganz wichtig sei das Futter, besonders während der Mauser im Herbst nach der Flugsaison, wenn sich das Gefieder der Vögel erneuere. „Durch diese sensible Phase müssen die ohne Federschäden durch“, erklärt Bammann. Dann sei eiweiß- und fetthaltige Kost angesagt, also Erdnüsse, Sonnenblumenkerne und zweimal die Woche noch abwechselnd Leinöl und Distelöl, zur Entgiftung der Leber. Wenn sie von einem Flug zurückkommen, können die Tauben schon mal ein Drittel ihres Gewichts verloren haben. Zur Begrüßung gebe es erst mal leicht verdauliches Futter, Gerste und Reis etwa. Am Abend dann serviere er einen Festschmaus: Soja, Mais und Erbsen, angemacht mit Olivenöl und Knoblauchöl.

50 Weibchen und 50 Männchen hat Bammann in seinem Schlag. 60 von ihnen teilt er seiner Reisemannschaft zu, die übrigen 40 bleiben zuhause und sollen für Nachwuchs sorgen. Fünf bis sechs Mal im Jahr legten Tauben ein bis zwei Eier, die in 17 Tagen ausgebrütet werden. „Wenn es gut läuft, sind das die Sieger von morgen“, sagt der Hepstedter, der noch vier weitere Züchterkollegen im Dorf hat. Die gehörten allerdings einem anderen Verein an als er. Die Jungvögel, die bei den Testflügen Talent zeigen, behält er, die übrigen Tiere landen im Kochtopf. So ergeht es auch den älteren Tauben, die nicht mit der Konkurrenz mithalten können. „Ich esse gerne Taubensuppe“, sagt Bammann. Der gibt seinen Tieren zwar keine Namen, kann sie aber trotzdem alle auseinander halten. Umgekehrt, weiß er, könnten sich Tauben bis zu 200 menschliche Gesichter merken.

Eine Delikatesse sind Tauben auch für den Wanderfalken, der in Hepstedt gerne zugreift, wenn sich Gelegenheiten bieten. „Voriges Jahr hat er sich bestimmt sieben Stück weggeholt“, so Bammann. Seine wertvollen Zuchttauben könne er daher nicht rauslassen aus der Voliere. Leider gingen auch während der Flüge immer mal wieder Tauben verloren. „Die Falken holen sich die schnellsten und die langsamsten, die nicht direkt im Schwarm fliegen.“

Taube für 1,7 Millionen Euro

Und wie ist das nun mit den schwerreichen Asiaten, die sich in Europa für Millionensummen mit guten Brieftauben eindecken? Die gebe es tatsächlich, sagt Bammann. Erst neulich sei in Belgien eine Taube für 1,7 Millionen Euro nach China verkauft worden. Auch er habe nach seinem Erfolg bei der Deutschen Meisterschaft Anfragen bekommen, allerdings seien die gebotenen Summen im vierstelligen Bereich gewesen, so dass er abgewinkt habe. Eher gebe er Tauben an Neuzüchter ab. „Wir haben zwei neue Mitglieder im Verein, einen pensionierten Lehrer und einen pensionierten Finanzbeamten, und beide wollen an Wettkämpfen teilnehmen. Die haben Jungtauben von mir bekommen, damit sie einen vernünftigen Start haben“, sagt Bammann. Mit dem Nachwuchs sehe es an ansonsten eher mau aus, räumt der Taubenfreund ein. Innerhalb seiner Familie sei der Funke jedenfalls nicht übergesprungen: Seine Frau und die Töchter halten Islandpferde, und der Enkel spiele Fußball.

Info

Zur Sache

Rennpferde des kleinen Mannes

Rund 30.000 Brieftaubenzüchter gibt es in Deutschland, heißt es von der Dachorganisation des Brieftaubensports, dem Verband Deutscher Brieftaubenzüchter mit Sitz in Essen. Als Mutterland der Brieftaubenzucht gilt Belgien, Hochburgen sind auch die Niederlande und Deutschland, besonders das Ruhrgebiet. Dort heißen die Brieftauben auch „Rennpferde des kleinen Mannes“. Der erste Verein in Deutschland wurde um 1834 in Aachen gegründet. Weitere Informationen zum Brieftaubensport in der Region gibt es bei Hans-Peter Bammann von der Reisevereinigung Bremen Nordost. Der Hepstedter ist unter Telefon 04283/8271 erreichbar.

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