Maiklänge Sogar die Hauptstädter kommen

Die ersten Maiklänge unter freiem Himmel haben das Publikum voll überzeugt. Die Besucher schätzen die persönliche Note des Festivals.
31.05.2021, 16:55
Lesedauer: 4 Min
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Von Susanne Ehrlich

Musiker von Weltrang in allerbester Spiellaune, ein Programm voller Höhepunkte, drei Tage Begeiste­rung und Freude bei allen Beteiligten, das waren die Maiklänge 2021. Ja, das Verdener Kammermusikfest schaffte es sogar, den Mai hervorzulo­cken. Am Sonntag strahlte ununter­brochen die Sonne vom blitzblauen Himmel und machte das Maiklänge-Glück komplett.

Doch auch in den Konzerten der Vortage gab es nichts zu vermissen, denn warm eingepackt erlebte das Publikum vor dem Verdener Domgymnasium nach vielen Monaten der Kultur-Absti­nenz ein Feuerwerk an spannenden Werken, außergewöhnlichen Interpreta­tionen und Virtuosität. Das war, als hätte man einen Korken aus einer Flasche gezogen: Spielfreude und Begeisterung der Musiker sprudelten nur so von der Bühne, denn auch sie hatten sehr lange darauf warten müssen, end­lich das zu tun, was nicht nur ihr Beruf, sondern auch ihre Bestimmung und ihre Leidenschaft ist.

"Wir alle haben seit vielen Monaten nicht mehr vor Publikum auf der Bühne gestan­den", scherzte Maiklänge-Inten­dant Nabil Shehata, "und Sie sind jetzt sozusa­gen unsere Versuchskarnickel." Das ließen sich die Zuhörer nur allzu­gern gefallen: "Es war fantastisch zu er­leben, mit welcher Begeisterung die Mu­siker zu Werke gehen", freute sich der Verdener Günter Rogalinski am ersten Abend. "Besonders diese Petruschka-Version war große Klasse, ein ganz fas­zinierendes Erlebnis." Hin und weg war auch Verden Bürgermeister Lutz Brockmann: "Das tut so gut", rief er aus und setzte hinzu: "Ohne Kultur ist es doch kein Leben."   

Beeindruckt von der überaus gelungenen Improvisation eines Open-Air-Festivals zeigte sich auch Helmut Kruckenberg, Bio­loge und Journalist aus Verden, am zweiten Abend: "Einfach toll, dass es das überhaupt ge­ben kann", meinte er. "Und vor allem ist es erstaunlich, das man das alles völlig 'unplugged' so gut hören kann." Dies sei sicherlich nicht zuletzt der Bühne mit dem tollen Segeldach geschuldet.

Allerdings mussten die Musiker in ihrer weißen Bühnen-Muschel auch manch akustische und andere Überraschung hinnehmen. Die kurzen Stundenschläge der drei benachbarten Glockengeläute waren kein Problem, doch Marimbapho­nistin Ria Ideta musste ihren Solo-Auf­tritt in der Sonntagsmatinée ausgerech­net bei ihrer zarten Inter­pretation von Mozarts "Ave Verum Cor­pus" mit lang anhaltendem katholischem Glockengeläut teilen.

Beim selben Kon­zert mischten sich im Andante des Glinka-Klaviersextetts einige Singvögel von der benachbarten großen Eiche mit auftrumpfender Vehemenz in die lange, empfindsame Piano-Einleitung, sodass José Gallardo die Welt-Erst­auffüh­rung einer kleinen Sonate für Klavier und Vogelgesang feiern konnte.

Und auch der Wind, der tüchtig unter das Segel fuhr, spielte den Musikern Streiche. Sie mussten bei jedem Satz­wechsel mit einer Menge Wäscheklam­mern jonglieren, was dem Publikum mit Sicherheit mehr Vergnügen bereitete als ihnen selbst. Doch solch kleine Hürden nahmen sie mit Humor und Gelassen­heit, und immer wieder war es eine große Freude, ihre inspirierte Kommuni­kation untereinander, ihre scherzenden Blicke und zustimmenden Gesten zu be­obachten, mit denen sie sich und dem Publikum, immer mitten in der Musik bleibend, ihre Freundschaft und uner­schöpfliche Spielfreude zeigten.

Die Liste der Musiker war so internatio­nal wie hochkarätig: Nabil Shehata, ehemaliger Domgymnasiast, internatio­nal renommierter Dirigent und Welt­klasse-Kontrabassist, bringt in jedem Jahr Musiker-Freunde und Weggefähr­ten mit ebenso spannenden Karrieren und außergewöhnlicher Meisterschaft nach Verden, so den französischen Solo-Fagottisten Gilbert Audin, Weltklasse-Klarinettist Chen Halevi aus Israel, den japanischen Geiger Daishin Kashimoto und seine Ehefrau Ria Ideta, Ma­rimbaphonistin von Weltrang. Der Süd­afrikaner Gareth Lubbe und Konstantin Sellheim besetzten die Violen und der Koreaner Timothy Park und Zwi Plesser aus Israel die Celli. Der Argentinier José Gallardo ist einer der bedeutendsten Kammermusik-Pianisten der Welt, und dass musikalische Hochkaräter wie er sich mit solcher Begeisterung in das kleine Verden einladen lassen, ist das ganz große Wunder, das Nabil Shehata vollbringt. Ganz besondere Akzente setzte in diesem Jahr der Bandoneonist und Komponist Marcelo Nisinman, ebenfalls aus Argentinien, der für zeitgenössische Kammermusik in den spannendsten Be­setzungen steht und für das Verdener Publikum den Tango neu definierte.

Lena Neudauer, Professorin für Violine an der Musik­hochschule München, sprang spontan als zwölfter Festspielgast für die Geigerin Natalia Lomeiko ein, die Corona-bedingt aus London nicht anrei­sen durfte. Nur allzu gerne hätte sie She­hatas Einladung angenommen: "Es ist doch eine große Freude, endlich wieder spielen zu können!", sprach sie auch ih­ren Kollegen aus dem Herzen. Sofort verschmolz sie mit dem Ensemble – un­fassbar, dass sie erst Tage zuvor einge­stiegen war und es kaum gemeinsame Proben gegeben hatte.

Und auch das Publikum der Maiklänge kam von weither. Vom ersten Konzert im Jahr 2017 an ständig dabei sind Ur­sula und Rainer Stiff aus Berlin. "Wir kommen wegen der Musik und den Mu­sikern, aber auch wegen der besonderen Atmosphäre" sagte Ursula Stiff, und ihr Mann ergänzte: "Wir mögen die persönli­che Note dieses Festivals, seine Interna­tionalität und Weltoffenheit." Dass das Ganze in einer so kleinen Stadt statt­finde, dass Shehata damit seiner ehema­ligen Schule so viel zurückgeben könne und dass Schulleitung, Musikpädagogen und Schüler des Domgymnasiums dieses Festival so engagiert mittragen, das ma­che es "zu einem ganz besonderen Er­eignis, das wir schon ein Jahr vorher im Kalender anstreichen".

So lang herbeige­sehnt, so oft gefährdet – und so schnell wieder vorüber! Beim Abschlusskonzert unter dem Motto "Ohne Musik wär' alles nichts" strahlte der Himmel mit der Mu­sik um die Wette; mit dem Quintettsatz F-Dur von Mozart und seiner Sonate KV 292, die Shehata für Cello und Kontra­bass arrangiert hatte, gab es noch einmal intime Kammermusik vom Allerfeins­ten. Zwei Werke für Marimbaphon und Klavier wurden zum außergewöhnlichen Klangerlebnis, bevor das hinreißend schöne, mit begeisternder Inspiration ge­spielte Klaviersextett des erst 15-jähri­gen Mendelssohn der Maiklänge-Selig­keit die Krone aufsetzte und ein letztes Mal ein vor Be­geisterung jubelndes Publikum zurück­ ließ. 

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