St.-Nikolai-Gemeinde Modell der Namensgeberin

Die St.-Nikolai-Gemeinde am Plattenberg verdankt ihren Namen einer Kirche, die es schon lange nicht mehr gibt. Das Gotteshaus stand im Sandbergviertel. Ein Modell erinnert nun an die Vergangenheit.
01.06.2021, 16:04
Lesedauer: 3 Min
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Von Marie Lührs

Die St.-Nikolai-Gemeinde in Verden feiert in diesem Jahr ihr 50-jähriges Bestehen. Trotz des für eine Kirchengemeinde zarten Alters kann sie auf eine lange Geschichte zurückblicken. Denn Namensgeberin war eine Kirche, die um das Jahr 1254 in Verden erbaut und nicht nur für religiöse Zwecke genutzt wurde. Das Gotteshaus, dessen Reste noch heute an der Nikolaistraße zu erahnen sind, beherbergte im Laufe der Jahrhunderte auch ein Lazarett, ein Brauhaus und eine Brennerei. Schließlich kamen sogar ein Fitnesscenter und eine Diskothek in den alten Gemäuern unter, die zu dieser Zeit dank vieler Umbauten jedoch kaum noch als Gotteshaus zu erkennen war.

Das Jubiläum wollte die St.-Nikolai-Gemeinde nutzen, um auf die eigene Geschichte zurückzublicken, erklärt Pastor Holger Hermann. Eben dabei ist der Blick ein wenig weiter in die Vergangenheit geglitten. Zu verdanken ist dies einem Wahlpflichtkurs der Oberschule Verdener Campus, in dem sich Zehntklässler unter der Leitung von Lehrerin Ursula Fisser-Blömer zunächst mit der Entwicklung des Stadtteils rund um das heutige Gemeinde- und Begegnungszentrum St. Nikolai beschäftigt haben. Bis in die 1960er-Jahre gingen die Lernenden dafür zunächst zurück. "Die Schüler wollten die Entwicklung des Stadtteils in Modellen sichtbar machen", erzählt Fisser-Blömer. Die Schülerinnen Xenia Maier, Leona Jukovic und Sofia Wagner nahmen zudem ein Teilprojekt in Angriff und begaben sich auf die Spuren der Nikolaikirche im Sandbergviertel.

Unterstützung bekam das Trio von Carl Christian Hesse, der selbst einmal Besitzer der Immobilie am Sandberg gewesen war. Er stellte den jungen Frauen Unterlagen und historischen Zeugnisse aus der Familiengeschichte zur Verfügung. Helfend zur Hand ging ihnen außerdem Architekt Heinrich Wessel. Mit seiner Hilfe entstand schließlich das Modell, das die St.-Nikolai-Kirche so zeigt, wie sie ausgesehen haben könnte. Denn nachdem sie mehrfach baulich verändert wurde, war es für den Architekten schwer, ihr ursprüngliches Antlitz herauszuarbeiten.

Inspiration bot dem Fachmann ein Kupferstich des Verdener Künstlers Erich Wessel aus dem Jahr 1927. Die Maße des Gotteshauses berechnete Heinrich Wessel anhand des Turms, dessen Maße - vier mal fünf Meter - noch heute nachvollziehbar seien. Anhand dieser Zahlen berechnete der Architekt die fehlenden Angaben. Auch ein historisches Foto, das den Chorraum vor seinem Abriss zeigt, diente Architekt Wessel als Vorlage. 

„So oder zumindest etwa so könnte sie ausgesehen haben, als sie im 13. Jahrhundert gebaut wurde“, sagt Heinrich Wessel mit Blick auf das Modell, das die Schülerinnen gemeinsam mit ihm und ihrer Lehrerin im Gemeinde- und Begegnungszentrum vorgestellt haben. Die Nikolaikirche war, erklärt er, ein typischer gotischer Sakralbau und sei in der Größe mit der Andreaskirche vergleichbar. Bei dem Modell kam allerdings auch ein wenig Fantasie zum Einsatz, denn die Gestaltung der Fenster hat er mangels Quellen selbst übernommen. 

Im 30-jährigen Krieg und in späteren Kriegszeiten wurde das Gotteshaus mehrfach als Lazarett zweckentfremdet. 1677 wurde die Nikolai-Gemeinde mit der Domgemeinde vereinigt. Das Gotteshaus im Sandbergviertel kam noch gelegentlich für Predigtgottesdienste der Garnison zum Einsatz. 1810 war auch damit Schluss. Das Gebäude war baufällig, der Unterhalt zu kostspielig. Es folge der Verkauf an einen Gastwirt und das zweite Leben als Brauerei. Im Laufe der Zeit wurde die Kirche baulich immer weiter verändert, sodass sie heute als einstiges Gotteshaus nicht mehr zu erkennen ist.

Als rund 160 Jahre nach dem Verkauf eine neue Gemeinde in Verden entstand, gingen die Beteiligten auf die Suche nach einem geeigneten Namen und wurden mit der ehemaligen Nikolai-Kirche fündig. Der Name erinnert somit nicht nur an den heiligen Nikolaus von Myra, sondern eben auch an die fast vergessene Gemeinde aus dem Sandbergviertel. Dass sich damals ein Name mit Stadtbezug fand, freut auch den heutigen Pastor Holger Hermann. Nun auch ein Modell der Namensgeberin zu haben, sei etwas Besonderes. Das Werk soll im Zuge der Jubiläumsfestivitäten in einer Ausstellung zu sehen sein. Auch auf die Feier zum 50-jährigen Bestehen der Gemeinde freut sich Hermann. "Vor 50 Jahren wurde hier zur Einweihung Rockmusik gespielt", erzählt er. Ein ebenso rauschendes Fest wünscht er sich auch für dieses Jahr und hofft, dass die Pandemielage es zulässt.

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