Gedenkstätte Gelebte Erinnerungskultur

Der restaurierte Verdener Waggon soll am 25. Juni eingeweiht werden. Im Inneren erinnern die verkohlten Bohlen an den Brandanschlag aus dem Jahr 2007.
01.06.2021, 16:20
Lesedauer: 3 Min
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Von Jörn Dirk Zweibrock

Warum lassen sie die Vergangenheit nicht einfach hinter sich? Diese Frage wird den Mitgliedern des Vereins Verdener Waggon im Netzwerk Erinnerungskultur immer wieder gestellt. "Man kann nur bewusst nach vorne schauen, wenn einem klar ist, was hinter einem liegt. Und das ist jede Menge Dreck", sagt Wilhelm Timme, Vize-Chef des Vereins. Nachdem die Einweihung des restaurierten Waggons pandemiebedingt gleich zwei Mal verschoben werden musste, soll der ehemalige Reichsbahnwaggon (Baujahr 1910) nun am Freitag, 25. Juni, um 19 Uhr offiziell seiner Bestimmung übergeben werden – und zwar als Ort zum Erinnern, Gedenken und Lernen auf dem Gelände der Berufsbildenden Schulen (BBS) in Dauelsen. Die von einem halben Dutzend beleuchteten Info-Tafeln gesäumte Zuwegung erfolgt über die Bertha-Benz-Straße. Die inzwischen 96 Jahre alte Holocaust-Überlebende Esther Bejarano aus Hamburg kommt gemeinsam mit ihrer Band, der Microphone Mafia, zur Einweihung. Bejarano spielte einst im Mädchen-Orchester von Auschwitz.

Regionalhistoriker Joachim Woock hatte den Waggon 1998 auf einem Abstellgleis im ostdeutschen Wurzen aufgespürt. "Weltweit gibt es noch 53 solcher Waggons, die als Gedenkstätte fungieren", erläutert Timme und erinnert daran, dass der Verdener 2007 Opfer eines Brandanschlags wurde. Am Tag vor dem internationalen  Holocaust-Gedenktag ging der historische Waggon in Flammen auf. "Der nächtliche Brandanschlag auf die Gedenkstätte in Verden wirft ein bezeichnendes Licht auf die Geisteshaltung der Feinde unserer Demokratie. Diese heimtückische Brandtat zielt auf die Verunglimpfung aller Opfer des Holocaust. Sie tritt das Andenken an sechs Millionen Juden, die von den Nationalsozialisten gequält, verschleppt, ermordet wurden, mit Füßen", verurteilte der damalige Bundestags-Vizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) die Tat aufs Schärfste.

Nach dem Feuer stand der Waggon kurze Zeit auf dem Verdener Rathausplatz. Nach hitzigen Diskussionen über die Standortfrage und die Art der Präsentation wurde schließlich 2018 der Verein als Teil des Netzwerks Erinnerungskultur im Landkreis Verden gegründet. Dem Vorstand gehören Ehler Lohmann als Vorsitzender, Wilhelm Timme als sein Stellvertreter, Kassenwart Bernward Nüttgens, Schriftführerin Judith Wieters und Beisitzerin Anke Wieters als an.

Nachdem die Teilnehmer des Projekts Login die Holzarbeiten verrichtet hatten, wurde das Dach neu eingedeckt und die Elektrik installiert. Im Februar vergangenen Jahres wurde der Waggon wieder an seinen bisherigen Standort an der BBS gebracht.

Verbrannte Bohlen erinnern heute im Innenbereich an den Brandanschlag. Zur Diskussion stand auch, den ausgebrannten Waggon als unbegehbares Mahnmal auszustellen. Dafür wäre nach Aussage von Timme allerdings eine eigene Ausstellungshalle erforderlich gewesen, die letztendlich den Kostenrahmen gesprengt hätte. Für die Sanierung des Waggons hat der Landkreis Verden rund 35.000 Euro bereitgestellt. Künftig soll die Gedenkstätte in Dauelsen aber noch um Sitzflächen erweitert werden, "damit wir vor Ort auch mit Gruppen arbeiten können", erzählt Anke Wieters. Damit der Standort an der Bertha-Benz-Straße künftig als Lern- und Erinnerungsort dienen kann, wurde im Vorfeld extra ein pädagogisches Konzept dafür erstellt. Der 18-jährigen Jule Wieters liegt es besonders am Herzen, auch gerade Jugendliche für das Thema Erinnerungskultur zu sensibilisieren. "Seit ich mich im Vorstand des Vereins Verdener Waggon engagiere, habe ich viel mehr über Geschichte gelernt als in der Schule", gibt sie zu.

Warum der Verein Esther Bejarano nach Dauelsen eingeladen hat, erläutert Wilhelm Timme: "Zeitzeugen zu hören, solange wir sie noch haben, empfinde ich als großes Privileg. Gerade in Zeiten, in denen immer mehr Holocaust-Leugner aus der Deckung wagten, sei es umso wichtiger, sich von den Überlebenden erzählen zu lassen, was damals wirklich passiert sei. Filme über die NS-Zeit oder Artikel in Geschichtsbüchern könnten nun mal keine Gespräche mit Zeitzeugen ersetzen.

Anmeldungen für die Abendveranstaltung am 25. Juni nimmt Judith Wieters per E-Mail an FSJ-St.Jakobi@t-online.de entgegen. Auch Verdens Landrat Peter Bohlmann (SPD) hat sein Kommen bereits zugesagt. Die Einweihung wird von der Sparkassen-Stiftung sowie vom Weser-Aller-Bündnis Wabe unterstützt.

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