Moderne Container-Frachter könnten ein Terminal bei Bohmte nur halb leer anlaufen

Hafen für halb volle Schiffe

Bohmte·Osnabrück. Ein Hafen ohne Schiffe ist keine erfreuliche Perspektive. Zumindest mittelfristig plant der Landkreis Osnabrück mit drei seiner Gemeinden aber offenbar genau diesen – und zwar sehenden Auges.
12.10.2015, 00:00
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Hafen für halb volle Schiffe
Von Martin Wein

Ein Hafen ohne Schiffe ist keine erfreuliche Perspektive. Zumindest mittelfristig plant der Landkreis Osnabrück mit drei seiner Gemeinden aber offenbar genau diesen – und zwar sehenden Auges. Die gemeinsame Betriebsgesellschaft „Hafen Wittlager Land“ geht davon aus, dass noch im kommenden Winter der Bauplan für das Areal am Mittellandkanal in der Gemeinde Bohmte abgesegnet wird. Dort soll nach Fertigstellung des Terminals zunächst ein Container-Binnenschiff mit einer Länge bis zu 110 Metern abgefertigt werden können. Später könne man dann aufstocken. Gedacht ist allerdings nur an eine Verladung vom Schiff auf Lkw und umgekehrt. Ein Schienenanschluss ist mittelfristig nicht geplant. Den gebe es ja im bestehenden Osnabrücker Stadthafen 15 Kilometer weiter, erklären die Bauherren. 13,6 Millionen Euro soll das Projekt in der ersten Ausbaustufe kosten. Die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes übernimmt 42 Prozent oder 4,6 Millionen Euro davon. Gegen die Entscheidung des Bunds hat ein privater Konkurrent, der nebenan bereits einen Hafen betreibt und die Gelder samt Containerverkehr selbst gerne hätte, allerdings zum zweiten Mal geklagt. Das Verwaltungsgericht Osnabrück hat sich noch nicht geäußert, ob es das Verfahren zulässt. So lange liegen die Planungen auf Eis. „Wir sind im Besitz eines gültigen Förderbescheides“, betont allerdings Siegfried Averhage. Averhage ist als Leiter des Geschäftsbereichs Wirtschaft und Arbeit beim Landkreis Osnabrück auch einer der beiden Geschäftsführer der Hafengesellschaft Wittlager Land.

Martin Becker, ein engagierter Grüner aus Bohmte, versteht den ganzen Plan nicht. Er spricht von einem „Millionengrab“, das da geschaufelt werde. Becker hat sich mit der Verkehrsanbindung des vorgesehenen Terminals befasst und kommt zu einem vernichtenden Urteil: Von den Seehäfen Antwerpen und Rotterdam sei der neue Hafen mit einem modernen 110-Meter-Binnenschiff, wie sie etwa auf dem Rhein verkehren, gar nicht erreichbar. Der Grund: Unter 22 Brücken auf dem Dortmund-Ems-Kanal passen auf der Strecke nur Schiffe hindurch, die niedriger sind als 5,25 Meter. „Das bedeutet aber, dass nur eine Lage Container transportiert werden kann – ein Viertel der tatsächlichen Ladekapazität“, sagt Becker. In Richtung Bremen / Bremerhaven sieht es besser aus. Hier passen immerhin zwei Container übereinander, ebenso in Richtung Hamburg. Auf letzterer Strecke versperrt allerdings das Schiffshebewerk Lüneburg-Scharnebeck den Weg. In dessen Wanne passen nur 100 Meter lange Schiffe rein. Moderne Schiffe müssen einen langen, teuren Umweg über Magdeburg einlegen. Von den Hafenbauern wird der Befund nicht geleugnet. Er sei in den Planungen berücksichtigt, schrieb Geschäftsführer Averhage Hafenkritiker Becker im Sommer: „Hamburg und Antwerpen sind dabei die anzufahrenden Hauptdestinationen“. 50 000 Standardcontainer (TEU) wolle die lokale Wirtschaft in Bohmte gerne umschlagen, habe eine Befragung unter Unternehmen ergeben. Damit sei das Projekt rentabel. Da könnte er sich täuschen: Fabian Spieß vom Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt (BDB) betont, zwei Containerlagen seien das absolute Minimum, um Güter auf Binnenschiffen wettbewerbsfähig zu transportieren. Antwerpen scheidet damit auf längere Sicht als Partner von Bohmte aus. Erst im Sommer hatte das Bundesverkehrsministerium es abgelehnt, die Brücken am Dortmund-Ems-Kanal und auf der Strecke zwischen Osnabrück und Minden für den zweilagigen Verkehr anzuheben. Sie wurden aus dem Bundesverkehrswegeplan 2015 gestrichen. „Die Möglichkeit, bei detaillierter Bewertung die Rentabilitätsschwelle doch noch zu erreichen, ist bei diesen Vorhaben ausgeschlossen“, ließ das Ministerium wissen. Damit bleibe Containerverkehr im Kanalgebiet ein Zukunftsprojekt, erklärt Binnenschifffahrts-Funktionär Spieß.

Hinzu kommt, dass nicht nur die Osnabrücker einen neuen Umschlaghafen planen. An der Landesgrenze zu Nordrhein-Westfalen und damit näher zu Bremerhaven und Hamburg planen Minden und Bückeburg den RegioPort Weser. In Kürze soll auch dieses Projekt Baurecht erhalten. Auf einer Fläche von 14 Hektar – sie wurde im Zuge der Planungen halbiert – sollen ein Anschluss an die Bundesstraße 482 und die Bahnstrecke Minden–Nienburg entstehen. Nach mehrjähriger Verzögerung erwartet die dortige Hafengesellschaft derzeit eine Inbetriebnahme Ende 2017. Proteste gibt es dort ebenfalls, aber zumindest ist ein Bedarf erkennbar. 2014 wurden im bisherigen Mindener Hafen 133 000 Standardcontainer umgeschlagen. Er ist damit an seiner Kapazitätsgrenze.

Martin Becker aus Bohmte stellt sich indessen die Frage, ob wirklich kaum 40 Kilometer weiter westlich Bedarf an einem zusätzlichen Hafen besteht, zumal den nur fast leere Großschiffe anlaufen können. Er vermutet, der neue Hafen werde gezielt als Geisterhafen geplant, um damit später die Aufgabe des Osnabrücker Stadthafens begründen zu können.

Der liegt nämlich an einem Stichkanal des Mittellandkanals – und die Schleusen dorthin sind nur auf die alten 85-Meter-Schiffe ausgelegt. Becker vermutet, da Fördergelder nicht für Unternehmensumzüge bewilligt werden dürften, hätten die Verantwortlichen die ursprünglich angedachte Verlagerung des Hafens zunächst ausgespart. Später könnten dann die Osnabrücker Hafenflächen als neues Wohn- und Geschäftsareal zu Geld gemacht werden.

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