Nachkriegsjahrzehnte

Niedersachsen lässt Medizinversuche untersuchen

Ärzte sollen in den 70er-Jahren an Hunderten Heimkindern in der Psychiatrie Arzneimittel getestet haben. Auch fragwürdige Untersuchungsmethoden sollen angewendet worden sein.
15.01.2018, 22:16
Lesedauer: 2 Min
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Von Michael Evers
Niedersachsen lässt Medizinversuche untersuchen

Niedersachsen lässt mögliche Medizinversuche an Heimkindern in den Nachkriegsjahrzehnten wissenschaftlich untersuchen.

dpa

Niedersachsen lässt Medizinversuche an Heimkindern in den Nachkriegsjahrzehnten, die der Pharmaindustrie gedient haben sollen, wissenschaftlich untersuchen. Ergebnisse sollen im Sommer vorliegen, teilte das Sozialministerium in Hannover am Montag mit. Untersucht werden soll insbesondere, ob und wie durch solche Versuche gegen ethische und rechtliche Vorgaben verstoßen wurde und in welchem Umfang die betroffenen Kinder darunter gelitten haben und Schäden davontrugen.

Auf umfangreiche Medizinversuche an Heimkindern in Westdeutschland deutet die 2016 veröffentlichte Dissertation der Krefelder Pharmakologin Sylvia Wagner hin. Mindestens 286 Kinder waren der Pharmakologin zufolge in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Wunstorf von Versuchen mit Schlafmitteln und Psychopharmaka betroffen.

Nach NDR-Recherchen sollen Ärzte dort in den 1970er-Jahren nicht nur Arzneimittel getestet, sondern auch fragwürdige Untersuchungsmethoden angewendet haben. So soll die damals bereits als Standarduntersuchung in der Psychiatrie nicht mehr übliche Rückenpunktion vorgenommen worden sein, bei der mit einer Spritze Gehirnflüssigkeit aus dem Wirbelkanal abgesaugt wird.

Rolle des Ministeriums wird geprüft

Für die Betroffenen waren diese mit tagelangen Kopfschmerzen und Erbrechen verbunden, wie Betroffene berichteten. Ärzten der Psychiatrie in Wunstorf, die nicht genannt werden wollen, sei die Häufung dieser Untersuchungen erst Jahre später aufgefallen, weil in den Krankenakten kein Grund für die Untersuchung vermerkt gewesen sei.

Das Sozialministerium lasse die möglichen Missstände untersuchen, weil es seinerzeit Träger der Kinder- und Jugendpsychiatrie war, die inzwischen zum Klinikum Region Hannover gehört, sagte ein Sprecher. Geklärt werden solle auch, inwieweit solche Medizinversuche damals durch das niedersächsische Sozialministerium gedeckt oder gefördert wurden.

Hierzu solle ebenfalls geprüft werden, in welchem Maße das Ministerium seinerzeit von den Arzneimittelversuchen Kenntnis bekommen hat und ob auf die Rahmenbedingungen der Studien Einfluss genommen wurde. „Medikamentenversuche an Kindern und Jugendlichen im Rahmen der Heimerziehung in Niedersachsen zwischen 1945 und 1976“ lautet der Forschungsauftrag, den das Ministerium an das Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung (IGM) in Stuttgart vergeben hat.

Forschungseinrichtung außerhalb Niedersachsens

Bewusst habe man sich für eine Forschungseinrichtung außerhalb Niedersachsens entschieden, die von der Pharmaindustrie unabhängig ist, so der Ministeriumssprecher. Auch in Nordrhein-Westfalen werden Medikamententests an Heimkindern mit oft verheerenden Folgen für die wehrlosen Opfer derzeit im Auftrag des Landschaftsverbands Rheinland (LVR) aufgearbeitet. Geklärt werden soll dort, ob Kinder und Jugendliche in Einrichtungen mit Psychopharmaka ruhiggestellt wurden oder ob Pharmakonzerne mit Unterstützung von LVR-Einrichtungen Testreihen durchgeführt haben.

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