Arztbesuch nur noch im Notfall Pilotprojekt soll Notaufnahmen entlasten

Im Oldenburger Land und Delmenhorst sollen zwei Pilotprojekte Rettungseinsätze neu organisieren helfen. Damit der Arzt nur noch kommt, wenn es nötig ist und der Andrang in Notaufnahmen nachlässt.
13.03.2018, 20:59
Lesedauer: 4 Min
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Pilotprojekt soll Notaufnahmen entlasten
Von Justus Randt

Überfüllte Notaufnahmen am Wochenende, Rettungssanitäter, die wegen Lappalien gerufen werden: „Das ist ein bundesweites Phänomen“, weiß Bodo Rotter. Er ist beim Verband der Ersatzkassen in Niedersachsen (VDEK) zuständig für den Rettungsdienst und damit auch für ein Pilotprojekt, das im Oldenburger Land Abhilfe schaffen soll. Ab Sommer bereiten sich sogenannte Gemeindenotfallsanitäter darauf vor, im kommenden Jahr ihren Job aufzunehmen. Der besteht nach Angaben der Stadt Oldenburg darin, den Rettungsdienst systematisch zu entlasten. „Gemeinhin wird in der Branche davon ausgegangen, dass notfallmedizinische Einsätze sich im Nachhinein zu 20 bis 30 Prozent als nicht erforderlich erweisen.“

Einsatzgebiete sind die Stadt Oldenburg und die Landkreise Cloppenburg, Vechta und Ammerland. In jedem dieser vier Rettungsdienstbereiche soll ein Fahrzeug rund um die Uhr besetzt und einsatzbereit sein. Rettungsdienst und Notarzt werden notfalls von den Gemeindenotfallsanitätern alarmiert. Die sogenannten Paramedics sind bereits in den USA und in Skandinavien verbreitet. In den vier Rettungsdienstbezirken wird während der zweijährigen Pilotphase mit einer Entlastung um rund 10.000 Einsätze gerechnet.

Hintergrund ist „ein verändertes Verhalten der Menschen“, wie es Bodo Rotter vorsichtig formuliert. „Es kommt immer öfter vor, dass nach einem Einsatz festgestellt wird: Ein absoluter Notfall war das nicht, trotz Abfragen der Leitstelle am Telefon.“ Manchmal habe dagegen schon ein beruhigendes Gespräch geholfen.

Hilfe für den Bürger aus einer Hand

Das bestätigt auch die Projektgruppe, die den Pilotversuch mit ausgearbeitet hat. Neben der Oldenburger Berufsfeuerwehr gehören das Rote Kreuz Cloppenburg, der Malteser Hilfsdienst Oldenburg und Vechta sowie der Rettungsdienst Ammerland dazu. „Bei einem Großteil der Einsätze“ sei eine notfallmedizinische Versorgung nicht erforderlich, „sondern es fehlt eine Alternative, die die Patienten in ihrer zwar unklaren, aber nicht lebensbedrohlichen Situation professionell unterstützt“.

Voraussetzung ergänzender Modelle sei es gewesen, „dass die Hilfe für den Bürger weiterhin aus einer Hand, also durch den Rettungsdienst, organisiert und durch die Rettungsleitstelle eingesetzt wird“. So werde sichergestellt, dass die Rettungskette „auch bei akuten Krankheitsbildern ohne Verzögerung“ funktioniere.

In der Leitstelle wird also auch künftig entschieden, „ob es sich um einen Notfall handelt“, wie Rotter sagt, oder ob die Situation weniger dramatisch ist. Dazu müsse nicht unbedingt der mit zwei Helfern besetzte Rettungswagen eingesetzt werden, da reiche auch eine Person.

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Auch die Gemeindenotfallsanitäter sollen medizinisch qualifizierte Fachkräfte sein. In Zusammenarbeit des Malteser-Schulungszentrums Nellinghof mit der Rettungsdienstschule der Berufsfeuerwehr der Stadt Oldenburg werden die Einsatzkräfte ausgebildet und „in verschiedenen Bereichen der Versorgung von kranken Menschen“ trainiert, fasst die Stadt Oldenburg zusammen. „Zur Unterstützung in der Einsatzsituation kann der Gemeindenotfallsanitäter auf telemedizinische Unterstützung aus dem Klinikum Oldenburg zurückgreifen.“ Das Krankenhaus betreibt bereits seit mehreren Jahren eine Telemedizin-Zentrale und versorgt so Beschäftigte in Offshore-Windparks.

Bereits im Sommer soll ein ähnliches Versorgungsmodell – allerdings für den kassenärztlichen Bereitschaftsdienst – im Versorgungsbezirk Delmenhorst starten, zu dem auch Lemwerder und Ganderkesee zählen. Das Erprobungsgebiet wurde ausgewählt, „weil hier sowohl ländliche als auch städtische Gebiete zu versorgen“ seien. Ein mehrstufiges System „wird mit Hilfe telemedizinischer Methoden den Einsatz eines physisch anwesenden Arztes auf ein erforderliches Maß reduzieren“, heißt es in der Projektbeschreibung des Amtes für regionale Landesentwicklung Weser-Ems.

Erprobungsgebiet Delmenhorst

Das Modell der Kassenärztlichen Vereinigung, ebenfalls als Pilotprojekt ausgewiesen, soll jeweils freitags bis sonntags unter der Telefonnummer 11.61 17 erreichbar sein. „Gesundheitsfachkräfte“ können dann, falls nötig, virtuell einen Arzt des Klinikums ­Oldenburg zur realen Behandlung von Patienten hinzuziehen und, wenn erforderlich, die „Maximalversorgung“, den Transport in die Notaufnahme eines Krankenhauses, veranlassen. Auch dieses Projekt, Träger ist das Klinikum Oldenburg, ist zunächst auf zwei Jahre angelegt. Dafür stehen knapp 363.000 Euro zur Verfügung, knapp 218.000 Euro stammen aus dem Europäischen Sozialfonds.

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Für Bodo Rotter vom Verband der Ersatzkassen ist die Frage: „Wie viele solche Einsatzfälle kann man so bedienen, ohne gleich das volle Instrumentarium aufzufahren? Die Alternative wären noch mehr Personal und noch mehr Autos.“ Die Krankenkassen finanzieren das Modellprojekt. Rotter geht davon aus, dass in jedem der vier Rettungsdienstbereiche pro Jahr 250.000 Euro Personal- und Sachkosten zusammenkommen. In den Jahren 2015 und 2016 hätten sich die Rettungsdienstkosten in der Stadt Oldenburg und den Kreisen Cloppenburg, Vechta und Ammerland auf jährlich rund 35 Millionen Euro belaufen.

Krankenkassen und die am Projekt beteiligten Rettungsdienste gehen davon aus, dass das Projekt hilft, die Zahl unnötiger Einsätze der Notfallrettung deutlich zu senken. Sollte das Modell wider Erwarten nicht erfolgreich sein, sei ein Ausstieg bereits nach einem Jahr möglich. „Bislang“, sagt Bodo Rotter, kenne das niedersächsische Rettungsdienstgesetz nur Einsätze von Rettungswagen, Krankentransportwagen, Notarzteinsatzfahrzeugen und Rettungshubschraubern – „eine Experimentierklausel für einfachere Varianten kennt es nicht“. Deshalb sei der Modellversuch eng mit dem ­Innenministerium abgestimmt worden.

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