Heinrich Bedford-Strohm legt Bericht vor EKD-Chef kritisiert Missbrauchsaufarbeitung

EKD-Ratschef Heinrich Bedford-Strohm ist unzufrieden mit der Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in der evangelischen Kirche. "Wir sind noch nicht so weit gekommen, wie wir wollten", sagte er am Sonntag.
07.11.2021, 20:26
Lesedauer: 2 Min
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Von Benjamin Lassiwe

Seit 2014 ist er das Gesicht der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD): Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der EKD und Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Doch am kommenden Mittwoch endet die Amtszeit des früheren Professors für systematische Theologie: Dann wird die nach einem Corona-Impfdurchbruch im Internet tagende Synode eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger für den 61-jährigen Theologen wählen.

Am Sonntagmorgen hatte die Synode mit einem vom Fernsehen übertragenen Gottesdienst im Bremer St. Petri Dom begonnen. Anschließend trat Bedford-Strohm an das Rednerpult im fast menschenleeren Tagungssaal des Congress Centrums. Nur das Präsidium und wenige Ausschussvorsitzende waren noch im Raum, als die Rede von Bedford-Strohm aufgezeichnet und ins weltweite Datennetz übertragen wurde. Mit deutlichen Worten ging er in seinem Bericht dann auch auf die aktuelle Corona-Pandemie ein. So gehöre die ungerechte Verteilung der Impfstoffe weltweit zu den größten Defiziten der Pandemiebewältigung: „Während wir hierzulande fast verzweifelt dafür werben, dass mehr Menschen sich impfen lassen, weil das die einzig wirklich wirksame Möglichkeit ist, die Pandemie zu bekämpfen, hat ein großer Teil der Menschheit noch immer gar nicht die Möglichkeit dazu“, sagte Bedford-Strohm. Die Impfrate in Afrika liege noch immer erst knapp über fünf Prozent.

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Bedford-Strohm äußerte sich auch zum Umgang mit Impfgegnern in Deutschland: „Dass Geimpfte beziehungsweise Genesene, Getestete und Ungeimpfte je unterschiedlich behandelt werden, hat – jedenfalls, wenn sich nicht falsche Untertöne daruntermischen – nichts zu tun mit Ausgrenzung oder Diskriminierung, sondern es ist schlicht den je unterschiedlichen faktischen Risikolagen geschuldet“, sagte Bedford-Strohm. Wer sich gegen eine Impfung entscheide, stelle nach der klaren wissenschaftlichen Erkenntnis ein deutlich höheres Risiko für andere dar. „Das ist ein schlichtes Faktum“, sage Bedford-Strohm. „Deswegen ist es legitim, wenn der Staat durch entsprechende Maßnahmen andere schützt.“

Deutliche Kritik übte Bedford-Strohm an der Missbrauchsaufarbeitung in der eigenen Kirche. „Wir sind manchen Schritt vorangekommen, aber dennoch muss ich an dieser Stelle auch selbstkritisch sagen: Wir sind noch nicht so weit gekommen, wie wir wollten“, sagte Bedford-Strohm. Dabei zeigte sich der Theologe auch offen für eine Beteiligung Dritter, etwa des Staates, an der Aufarbeitung. „Wir sind mitten in einem umwälzenden Lernprozess, nichts weniger, und es liegt noch ein langer Weg vor uns“, sagte er. „Ein Weg, bei dem wir verstärkt auf Unterstützung von außerhalb der Kirche hoffen.“

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Zuvor hatten auch Betroffenenvertreter deutliche Kritik an der Aufarbeitung des Missbrauchs in der EKD geäußert und eine Aufarbeitung durch staatliche Stellen angemahnt. „Der Betroffenenbeirat ist fulminant gescheitert“, sagte die Betroffenenvertreterin Katharina Kracht. Sie erklärte, die Betroffenen wollten eine „reale, angemessene, transparente und nachvollziehbare Anerkennung ihres Leids“. Nötig seien „Transparenz, die Schaffung einer Ombudsstelle und Fachlichkeit bei der Besetzung von Stellen.“ Die Betroffenen wollten nicht „als zu therapierende Objekte vom Bischof liebevoll betüddelt werden“.

Der Vater eines sexuell missbrauchten Kindes, Henning Stein, sagte, am Runden Tisch zu den Heimkindern saßen die Betroffenen auf Augenhöhe neben den Regierungsvertretern. „Die Kirche hat Angst vor dem Verlust ihrer Macht“, sagte Stein. Deswegen versuche sie, den Missbrauch selber aufzuarbeiten. Aber sei es einem Täter schon einmal gelungen, „sich selber aufzuarbeiten“, fragte Stein. „Wir brauchen eine Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs durch den Staat.“

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