Zu Gast bei Trump Macrons Bilderbuch-Besuch in Washington

Sie zeigen sich wie ein Herz und eine Seele: Emmanuel Macron und Donald Trump. Doch das täuscht nicht darüber hinweg, dass inhaltlich durchaus Konflikte bestehen.
24.04.2018, 21:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste

Donald Trump hatte alles besonders fein herausputzen lassen für Emmanuel Macron. Bis an den Rand hat er ihn aufgeladen, den ersten Staatsbesuch seiner Amtszeit im Weißen Haus. Die "wunderbare", die "große", die "ganz besondere" Freundschaft, allenthalben wurde sie an diesem sehr körperlichen Dienstag beschworen, man fasste sich sehr viel an.

Wangenküsse hier und dort, Pathos und Treueschwüre machten den Anfang. Mit den Gattinnen Melania und Brigitte schlenderten die Staatsmänner durch den Garten, es wurde gelacht und sogar ein Baum gepflanzt. Die Kameras klickten und filmten immer schön mit.

Es gab aber auch beredte andere Bilder - und einige Überraschungen. Etwa als der 71-jährige Amerikaner seinen 40-jährigen Gast doch sehr bestimmt an der Hand über den Balkon zog, als er ihm im Weißen Haus merkwürdig auf der Anzugschulter herumtupfte, weil Schuppen den "perfekten" Gast beeinträchtigten, da wusste Macron kaum, wo er sich lassen sollte. Und so wirkte die Freundschaft zwischen den beiden Männern doch eher etwas aufgesetzt, der Griff zum Spaten, die Küsschen und Handshakes als Teile eines Drehbuchs für ein exakt kalkuliertes Bilderbuch.

Donald Trump und Emmanuel Macron gewährten einander einen starken Auftritt - was aber passiert, wenn die Kirschzweige abgeräumt und die Reden verklungen sind, das muss man sehen.

Der Europäer war mit lauter Forderungen angereist, die so gar nicht auf Trumps Linie liegen: Syrien, Iran, der Handel. Trump denkt Politik als Schlacht, will alles gewinnen, Kompromisse gelten ihm als schwächlich. Das machte er auch am Dienstag deutlich. Es könnte sein, dass er es in Macron mit einem gewiefteren Spieler zu tun hat als er das vorher ahnte. Nur ist der Iran-Deal schon für sich ein multidimensionales Schach - wer weiß noch genau, wer am Zug ist?

Zunächst weicht Trump an diesem Dienstag keinen Deut von seiner harten Haltung ab, scharf kritisiert er das Land, mehrfach droht er Teheran. Ob ein besserer Deal möglich sei, das müsse man erstmal sehen. Dann kommt Macron mit der Forderung nach einem "neuen" Deal - und irgendwo in seinem rhetorischem Sperrfeuer lässt Trump erkennen, dass das zumindest nicht ausgeschlossen sei. Nötig sei ein "solides Fundament".

Das wäre neu. Nur gilt Trump nicht als derjenige, der sich konsequent an eine einmal gesetzte Botschaft hält. Der eine Position besetzte und danach bei einer Linie bliebe.

Was Macron jedenfalls im Gepäck hatte, war ein Verknüpfen der Komplexe Syrien und Iran - beides ist ja schon für sich beileibe kompliziert genug. Regionale Stabilität in Nahost sei ohne eine Lösung für Syrien nicht möglich, diese wiederum hänge unmittelbar mit dem Iran zusammen. Das klang, als solle der Iran-Deal von einer vierten Säule mit Syrien flankiert werden, um Trump ein Aussteigen noch weniger schmackhaft zu machen. Wenn der Eindruck nicht trog, nickte der US-Präsident dabei zumindest leicht.

Bis zum 12. Mai muss Trump über einen Verbleib im Deal entscheiden. Indem Macron Trumps Forderungen zumindest zum Teil aufgreift, zeigt der Franzose womöglich einen Weg auf - wenn seine Position auch unverändert ist.

Dass nun Macron und Trump so gut miteinander klarkommen, war für viele von Beginn an überraschend. Hier der Populist und Vertreter von "America First", dort der bekennende Vertreter des Multilateralismus, der die Rechtspopulistin Marine Le Pen und ihren Abschottungskurs mit einem pro-europäischen Wahlkampf besiegt hat. Hier Macron, der Hegel zitiert und über die Bedeutung der Kultur für seinen Werdegang spricht - dort Trump, der auf Twitter Beschimpfungen in die Welt posaunt und auf Benimm pfeift.

Für Trump definiert sich internationale Politik oft nach der Frage, wie er persönlich mit jemandem kann. Land und Person fallen dabei oft so weit auseinander, als hätten sie nichts miteinander zu tun. China stellt er ein ums andere Mal in den Senkel, aber Präsident Xi Jinping kann er nicht oft genug loben. Russland wird öffentlich harsch kritisiert, zu Wladimir Putin will er ein gutes Verhältnis. Großbritannien findet er klasse und hat dort einen Golfplatz, aber mit Theresa May wird er nicht warm. Japan wird für seine Handelspolitik gescholten, Premier Shinzo Abe ist ihm "wahrer Freund" und besucht Trump in Florida.

Bei Macron könnte das tatsächlich anders sein. Wie ähnlich man doch sei, sagte Trump im Weißen Haus nach den ersten Treffen mit Macron. Beide seien sie gewählt worden, weil sie viel besser als andere auf die Stimme des Volkes gehört hätten. Und auch bei den Problemen mit der Einwanderung seien die USA und Frankreich einander nahe, sagt der Amerikaner - so als gäbe es ein Gebilde wie die Europäische Union gar nicht.

Lesen Sie auch

Die Denkfabrik Atlantic Council analysierte, Macron verstehe vielleicht besser als die meisten ausländischen Spitzenpolitiker, dass er auf politischer Ebene Unabhängigkeit demonstrieren könne, wenn er Trump auf persönlicher Ebene schmeichele und Respekt erweise. Macrons fließendes Englisch, sein Geschäftswelt-Hintergrund, sein Outsider-Status und das Fehlen einer Geschichte mit Trumps Vorgänger Barack Obama habe ihm eine einzigartige Position verschafft, um ein Vertrauensverhältnis mit Trump aufzubauen.

Freitag kommt Angela Merkel nach Washington

Der Staatsbesuch war für beide ein großes Schaufenster. Militärische Ehren, Salutschüsse, Geschichte satt und sehr viel Symbolik. Der Amerikaner sprach in höchsten Tönen von Macron, vor allem seit der dem US-Präsidenten am französischen Nationalfeiertag im Juli 2017 den ganz großen Bahnhof bot. Der retournierte zunächst mit Pathos und Emphase. Wie viel er tatsächlich mitnimmt aus Washington nach Europa, wird erst in einigen Wochen klar sein. Sollten die USA sowohl den Atom-Deal nicht verlassen als auch Trumps geforderten Truppenabzug aus Syrien verschieben, würde sich das der selbstbewusste Franzose gewiss auf die Fahnen schreiben.

Am Freitag kommt die Kanzlerin nach Washington. Wenn Frankreich und Deutschland die gleiche Botschaft für Trump haben, wird das von Vorteil sein. (dpa)

Lesen Sie auch

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+