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Buchkritik: Sophie Passmanns „Alte weiße Männer“

Autorin Sophie Passmann hat sich auf die Suche nach dem alten weißen Mann gemacht, dem Feindbild aller Feministinnen. Herausgekommen ist ein kluges Plädoyer für eine vernachlässigte Praxis: das Gespräch.
07.03.2019, 21:27
Lesedauer: 6 Min
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Buchkritik: Sophie Passmanns „Alte weiße Männer“
Von Katharina Frohne
Buchkritik: Sophie Passmanns „Alte weiße Männer“

Sophie Passmann begibt sich in ihrem Buch auf die Suche nach dem "alten weißen Mann" und plädiert dafür miteinander in den Dialog zu treten.

Asja Caspari

Der Rote-Bete-Tannennadel-Drink ist noch nicht ganz leer, da muss Sophie Passmann sich fragen, ob das alles eine gigantische Schnapsidee war. Sommer 2018, ein veganes Restaurant in München. Passmann gegenüber massakriert Rainer Langhans, 68er-Ikone und Alt-Kommunarde, seine mit Sojahack gefüllte Aubergine. Und während er das macht, sagt er einen Satz, dem viele ähnliche folgen werden. Dieser ganze „Opfer-Feminismus“ sei der komplett falsche Ansatz, verkündet Langhans. Die Me-Too-Debatte zum Beispiel. Würden Frauen Vergewaltigungen nicht als Vergewaltigungen ansehen, sondern als Handel, wäre doch allen geholfen. „Toller Sex“ gegen „tolle Jobs“. Das sei „der Deal“.

Wäre Passmann – 25, Autorin, „Zeit“-Kolumnistin und Social-Media-Junkie – Langhans nicht in der Wirklichkeit begegnet, sondern auf Twitter, sie hätte ihn vielleicht ignoriert, wahrscheinlicher hätte sie ihn verbal auseinandergenommen, sich sehr trocken und sehr genüsslich über ihn lustig gemacht. Jetzt aber muss Passmann zuhören, schließlich hat sie gefragt.

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Was ist ein alter weißer Mann? Der abfällig gebrauchte Ausdruck ist zum Synonym für das Feindbild der feministischen Bewegung geworden. Der alte, weiße, mächtige, heterosexuelle Mann, er scheint momentan nichts richtig machen zu können. Er ist der Frauenverachter, der Altherrenwitzerzähler, der Umweltverschmutzer, der Fortschrittsverweigerer. Er zerstört die Welt und schämt sich nicht mal dafür, schließlich gehört sie ihm; er trampelt blind auf den Gefühlen anderer herum, schließlich können sie ihm gar nichts.

Das Cover von Sophie Passmanns "Alte weiße Männer".

Das Cover von Sophie Passmanns "Alte weiße Männer".

Foto: Kiwi-Verlag

Es ist so einfach jemanden als alten weißen Mann abzustempeln

Das Verlockende daran, jemanden als alten weißen Mann abzustempeln, sei ja, dass es so einfach sei, sagt Passmann im Gespräch mit dem WESER-KURIER. Sie selbst gehe zugegebenermaßen großzügig mit dem zweifelhaften Prädikat um. „In meinem Bekanntenkreis würde ich nicht gerade auf Widerrede stoßen, wenn ich sagen würde: Die alten weißen Männer sind an allem schuld.“ Doch Passmann ist viel zu reflektiert, als dass sie das wirklich ernst meinen würde. Natürlich sei nicht jeder alte weiße Mann respekt- und rücksichtlos, und natürlich können auch nicht-alte, nicht-weiße Männer Arschlöcher sein. Was also ist gemeint, wenn vom alten weißen Mann die Rede ist? Passmann hat sich auf die Suche nach einer Antwort gemacht. Monatelang ist sie durch Deutschland gereist, um mit denen zu sprechen, die qua Alter und Geschlecht unter Generalverdacht stehen. In Berlin-Kreuzberg hat sie Suppe mit Ex-„Bild“-Chef Kai Diekmann gegessen, in Dresden den Politikwissenschaftler Werner Patzelt besucht, am Wannsee mit dem Moderator Jörg Thadeusz Kaffee getrunken. Herausgekommen ist ein Buch in 16 kommentierten Dialogen, erschienen an diesem Donnerstag: „Alte weiße Männer. Ein Schlichtungsversuch.“

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Schlichtungsversuch – das klingt verdächtig kuschelig aus dem Mund einer Frau, die sehr gern austeilt. Auf Twitter, wo Passmann mehr als 73 000 Menschen folgen, lässt sie nichts, das ihr missfällt, unkommentiert. „Jede Frau, die Feminismus ernsthaft betreibt, muss sich von der Idee verabschieden, sich damit beliebt zu machen“, heißt es dann auch im Vorwort. Also kein Kuschelkurs, sondern Konfrontation? Vor allem gehe es ihr darum, überhaupt ins Gespräch zu kommen, sagt Passmann. Und schreibt: „In Zeiten, in denen wir am liebsten unter uns bleiben, das eigene Meinungskonstrukt an manchen Tagen so angreifbar erscheint, dass bereits ein Gegenargument wie ein Angriff wirkt, ist eine Unterhaltung bereits ein radikaler Akt.“

Robert Habeck

Robert Habeck, Vorsitzender der Grünen: „Ich wollte nicht Teil der patriarchalen Machtdominanz sein. Aber auch wenn ich mir einbilde, ein verständnisvoller Mann zu sein, bin ich ja trotzdem in der Logik gefangen. Für Männer ist es nicht so leicht, aus dem Verhaftetsein in der starken Rollenperformanz auszubüchsen."

Foto: Martin Schutt /dpa

Oft ergeben sich spannende Wortwechsel

Was Passmann sich erhofft hat, funktioniert. Längst nicht jedes Treffen gerät zum frustrierenden Abgleich konträrer Weltauffassungen wie mit Langhans, oft ergeben sich spannende Wortwechsel, gehen Passmann und ihr Gegenüber erstaunlich offen aufeinander ein. Mit Interneterklärer Sascha Lobo (Passmann: „Sein Wort ist kein Gesetz, wird aber oft retweetet“) versucht sie, dem Typus hinter dem Label auf die Spur zu kommen. Ist der alte weiße Mann ein gesellschaftlich einflussreicher Mann „ab mindestens 80 000 Euro im Jahr und ab Golf-Handicap 18“? Oder gehe es nicht viel mehr um Privilegien, um den größten „Startvorteil“ im Leben, um Bedingungen, die vielleicht nicht perfekt sind, aber für niemand anderen so gut?

„Es gibt immer Türen, die bleiben dir verschlossen, wenn du eine Frau bist, wenn du jung bist oder schwarz“, sagt Lobo. Einem alten weißen Mann hingegen stünden alle Türen offen. „Man kann immer noch Pech haben, man kann immer noch arm dran sein, aber die Werkseinstellung für dich ist die beste, wenn du ein Mann bist.“ Klar sei das den wenigsten Männern. Lobo gibt zu: „Mindestens 50 Prozent von dem, was ich heute mache, kann und bin, der Erfolg, der ökonomische und der Status, ist Glück und Mechanismen zu verdanken, für die ich nichts kann.“

Werner Patzelt

Werner Patzelt, Politikwissenschaftler: „Ob jemand Macht hat, ist keine Frage des Alters oder des Geschlechts oder der Pigmentierung der Haut."

Foto: Karlheinz Schindler /dpa

Mit Grünen-Chef Robert Habeck erörtert Passmann, warum es Männern so schwerfällt, sich dieses angeborenen Vorsprungs bewusst zu werden, warum es so mühsam ist, ein System zu hinterfragen, von dem man zeit seines Lebens profitiert hat. Aus der Politikerwarte analysiert Habeck: „Viele Politiker versuchen, das Bestehende zu verteidigen, letztlich beharren sie drauf: Wir hatten doch immer recht. Das kann doch nicht sein, dass wir möglicherweise Unrecht hatten.“

Ist es typisch alter weißer Mann, Feministinnen zu belächeln, weil sie etwas fordern, für das man selbst nie kämpfen musste? Etwas, das man befürchtet, künftig teilen zu müssen? Für Passmann ist klar: Das Nichternstnehmen emanzipatorischer Bestrebungen, die Tendenz, sich lustig zu machen, ist konstituierend für den Habitus des alten weißen Mannes, der das Patriarchat für eine eigentlich ganz feine Sache hält.

Sascha Lobo Meister

Sascha Lobo, Blogger und Buchautor: „Der alte weiße Mann gehört zu der amwenigsten diskriminierten Gruppe in der westlichen Zivilgesellschaft, es gibt keine Tür, die ihm verschlossen bleibt."

Foto: Britta Pedersen /dpa

Vater mit genauen Vorstellungen, wie sich Frauen zu verhalten haben

Einen besonders interessanten Gedanken fasst Passmann im Dialog mit Gesprächspartner Nummer acht: ihrem Vater. Chauvinismus komme eben nicht immer in Reinform daher, es können einzelne Sätze aus dem Mund eines intelligenten, reflektierten Mannes sein, die verletzen. Passmann schreibt: „Mein Vater hat genaue Vorstellungen, wie Menschen sich verhalten sollen, wenn sie denn gemeinsam eine gute Zeit auf dieser Erde verbringen wollen. Vor allem aber hat er eine Menge Ideen, wie speziell Frauen sich verhalten sollten.“ Rauchen auf offener Straße? Schlampig. Frauen mit modischen Kurzhaarfrisuren? Irritierend. Auffallend charmante Frauen? Haben wahrscheinlich irgendeine unanständige Agenda.

Gleichzeitig sei es ihr manchmal so plakativ urkonservativer Vater, der ihr beigebracht habe, Klischees nicht zu trauen, immer noch einmal hinzusehen. Passmann mag oft nicht, was ihr Vater sagt. Aber sie mag ihren Vater. Es falle ihr deshalb schwer, streng mit ihm zu sein, wo sie es müsste – weil sie ja weiß: Eigentlich ist er gar nicht so. Auch diese Hemmung, geliebte Menschen zu konfrontieren, sagt sie im Gespräch, sei etwas, das Frauen ablegen müssen, wenn sie tief verwurzelte Vorurteile bekämpfen wollen.

Passmanns Buch ist nicht nur eine sehr kluge, passmanntypisch selbstironische und oft hochkomische Meditation auf eine wichtige Frage, es ist ein überzeugendes Plädoyer für den Dialog. Auch wenn der unbequem ist, auch, wenn der am Ende keinen Konsens abwirft. In Passmanns Worten: „Die Welt wird dadurch nicht zwangsweise einfacher, aber aus jeder Chiffre wird plötzlich ein Mensch. Das erschwert ungerechte Urteile und schlechte Witze, zwei Dinge, von denen wir heute mehr als genug haben.“ Ihr Buch, schreibt sie im Vorwort, sei ein „Gesprächsangebot“. Es ist ein Angebot, das sich anzunehmen lohnt.

Weitere Informationen

Sophie Passmann: Alte weiße Männer. Kiepenheuer & Witsch, Köln. 304 Seiten, 12 €.

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