Euro Auf Talfahrt

Der Euro wertet gegenüber dem US-Dollar deutlich ab. Und die Talfahrt könnte noch weitergehen. Die Ursachen sind vielfältig - es ist mehr als nur der Krieg in der Ukraine. Die wichtigsten Fragen und Antworten.
12.07.2022, 19:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Wolfgang Mulke

Der Euro wertet gegenüber dem US-Dollar deutlich ab, am Dienstagnachmittag setzte die Europäische Zentralbank den aktuellen Dollar-Kurs auf nur noch 1,0042 Euro fest. Und die Talfahrt könnte  weitergehen. Die Ursachen sind vielfältig – es ist mehr als nur der Krieg in der Ukraine. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Was spüren die Verbraucher vom Wertverlust des Euro?

Die Abwertung wirkt sich nur in wenigen Fällen direkt auf die Verbraucher aus. So bekommen zum Beispiel Urlauber, die in die USA reisen, beim Umtausch weniger Dollar als noch vor einem Jahr. Die Ferien in Amerika werden also teurer. Die indirekten Folgen spüren die Konsumenten  hierzulande. Denn für Importe von Waren, die in US-Dollar abgerechnet werden, müssen deutsche Unternehmen mehr Euro bezahlen. Das ist zum Beispiel beim Erdöl der Fall. Diese höheren Kosten geben die Importeure an ihre Kunden weiter. So steigen tendenziell der Spritpreis an der Zapfsäule oder die Preise für Produkte, die auf der Basis von Öl hergestellt werden. 

Warum sinkt der Eurokurs?

Dafür gibt es vor allem zwei Gründe. So bekämpft die amerikanische Notenbank Fed die starke Inflation in den USA durch kräftige Zinserhöhungen. Investoren erhalten dadurch für Anlagen in Amerika höhere Zinsen als in Europa. Deshalb ziehen Anleger ihr Geld in Europa ab und legen es in Übersee wieder an. Das steigert die Nachfrage nach US-Dollar – als Folge davon legt der Kurs der amerikanischen Währung zu. Ein weiterer Grund ist die unsichere politische und wirtschaftliche Entwicklung in Europa. Angesichts des Krieges und der explodierenden Energiekosten droht eine Rezession. Da bringen Investoren ihr Kapital verstärkt im vermeintlich sicheren Hafen USA unter. „Da fällt es auch nicht ins Gewicht, dass die US-Wirtschaft selbst mit einem Bein schon in der Rezession steckt“, stellen die Analysten der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) fest.

Hat die Abwertung auch Vorteile?

In einer exportorientierten Wirtschaft wird eine Abwertung der eigenen Währung unter normalen Umständen gerne gesehen. Denn die Ausfuhren der Unternehmen gewinnen an Wettbewerbsfähigkeit. Die Produkte und Dienstleistungen verbilligen sich für ausländische Käufer, in direkter Folge steigt dann die Nachfrage danach. So lässt sich durch eine bewusst herbeigeführte Abwertung der Währung die heimische Konjunktur ankurbeln. Die Zeiten sind jedoch aktuell nicht normal. Gestörte Lieferketten, der Krieg in der Ukraine sowie die dadurch explodierenden Energiekosten belasten die Wirtschaft. Das zeigt sich unter anderem am Außenhandelsdefizit, das Deutschland im Mai erstmals seit langer Zeit wieder verzeichnet hat. 

 

Gab es so eine Entwicklung schon einmal?

Schwankungen bei den Wechselkursen sind normal. Sie hängen von vielen Faktoren ab, wie der Inflation, der Konjunkturentwicklung oder auch von politischen Krisen. Der Euro hat sich dabei nach einer anfänglichen Schwächeperiode nach seiner Einführung 1999 als sehr stabil erwiesen. Zunächst gib es mit dem Wert damals kräftig bergab. Den Tiefstand erreicht der Wechselkurs zum Dollar im Oktober 2000, als man für einen Euro nur 83 US-Cent bekam. Aber es ging auch zeitweise in die andere Richtung. 2008 erreichte der Wert seinen bisherigen Höhepunkt, als für einen Euro 1,60 Dollar bezahlt wurden, also fast doppelt so viel. Selbst wenn die Abwertung anhält, ist der Euro momentan noch weit von seinen historischen Tiefstständen entfernt.

Droht eine neue Euro-Krise? 

Die aktuelle Abwertung des Euro hat mit der Euro-Krise nach 2008 nichts gemein. Damals drohte die hohe Verschuldung von Euro-Ländern, insbesondere der Griechen, die Währungsgemeinschaft zu gefährden. Eine ähnliche Gefahr befürchten Pessimisten zwar auch in diesen Tagen. Denn die Europäische Zentralbank (EZB) wird die Zinsen zur Bekämpfung der Inflation anheben. Dann müssten hoch verschuldete Länder wie Italien mehr Zinsen für ihre Kredite bezahlen. Doch das hat mit der aktuellen Wechselkursentwicklung nichts zu tun. 

Wie geht es weiter?

Da sind sich die Experten uneins. Ein weiterer Wertverfall deutlich unter die Parität wird ebenso wenig ausgeschlossen wie eine Erholung des Eurokurses. Eine aktuelle Analyse der LBBW zeigt das Ausmaß der Unsicherheit bestens auf. „Nach unserer Prognose wird die EZB in den kommenden Monaten mehrere Leitzinserhöhungen größeren Ausmaßes vollziehen“, schreiben die Analysten, „dies sollte eine Erholung des Euro gegenüber dem US-Dollar bewirken. Sollte es jedoch tatsächlich zu einem Ausfall der russischen Gaslieferungen kommen, werde dies auch unser Prognosebild komplett verändern.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+