Bremer Schülerinnen in Hamburg

Greta ganz nah

Sie schwänzten die Schule, um sich für das Klima einzusetzen und die schwedische Aktivistin Greta Thunberg zu treffen: Bremer Schülerinnen sind am Freitag zur Demonstration nach Hamburg gefahren. Wir haben sie begleitet.
01.03.2019, 22:11
Lesedauer: 5 Min
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Greta ganz nah
Von Nico Schnurr
Greta ganz nah

„Wir haben unsere Hausaufgaben bereits gemacht, die Politiker nicht“, sagt Greta Thunberg. Am Freitag hat die schwedische Klimaaktivistin in Hamburg demonstriert.

Vasil Dinev

Die Mutter ist schuld. Ohne sie wäre Nona Reinke wohl nie auf die Idee gekommen, die Schule zu schwänzen. Es ist der 17. Dezember, kurz vor Mitternacht, als die Mutter einen Link in den gemeinsamen Whatsapp-Chat kopiert. Nona Reinke ist noch wach in ihrem Bremer Jugendzimmer. Sie klickt auf das Video und sieht, wie ein schüchternes Mädchen, mürrische Miene, die Haare zu Zöpfen geflochten, auf einer abgedunkelten Bühne von einer düsteren Zukunft spricht. Dann liest Reinke die nächste Nachricht ihrer Mutter: „Wäre ein Schulstreik im großen Stil…So richtig groß meine ich, nicht eine gute Idee???!“

Zweieinhalb Monate später ist Nona Reinke dabei, die Idee ihrer Mutter in die Tat umzusetzen. Freitagmittag, Hamburger Rathausmarkt. Eingewickelt in einen wuchtigen Parka, schiebt sich Reinke, durchs Pappschildergewirr, vorbei an einigen Tausend anderen Schülern, die hier für besseren Klimaschutz demonstrieren, hin zu einer Bühne. Dabei wird Reinke, 17 Jahre alt, noch einmal bewusst, wie schnell das alles gerade geht.

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11. Januar ihre erste Demo. Eine Woche später die erste Rede. Inzwischen organisiert sie die Bremer Schulstreiks der Bewegung, die sich „Fridays for Future“ nennt. Und nun reckt sich Reinke, um zu sehen, wie das Postergirl dieser weltweiten Bewegung, Greta Thunberg, das mürrische Mädchen aus dem Video, auf der Hamburger Bühne ein Mikrofon mit ihren Kinderhänden umklammert.

Ein halbes Jahr ist es her, als Greta Thunberg an einem Freitag erstmals nicht zur Schule geht, sondern zum Reichstag in Stockholm.

Dort sitzt sie für Stunden vor dem Gebäude, alleine zunächst, um auf die Klimakrise aufmerksam zu machen. Erst interessiert das niemanden, dann die halbe Welt. Es folgen Auftritte auf der UN-Klimakonferenz und beim Weltwirtschaftsforum.

Thunberg, 16, hat gerade Ferien, also tingelt sie mit dem Zug durch Europa. Jede Stadt ein Schulstreik. Brüssel, Paris, Antwerpen. Jetzt Hamburg. Wieder halten Tausende Smartphones in zittrigen Bildern fest, wie eine wollbemützte Schwedin rhetorisch perfekte Protestprosa aufsagt. „Wir haben unsere Hausaufgaben bereits gemacht, die Politiker nicht“, sagt sie. Und dann, ohne einen Anflug von Ärger in ihrem Ausdruck: „Wir sind wütend, weil die Alten uns die Zukunft klauen.“

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Sie staunt noch, wie routiniert Thunberg ihr Programm so runterspult, da bemerkt Nona Reinke, dass dem blassen Gesicht ihrer Bewegung ein kurzer Stockfehler passiert. Für einen Moment verliert Thunberg den Faden. „Sie hat doch keine übernatürlichen Kräfte“, sagt Reinke. Sie meint das ironisch und klingt dabei doch etwas erleichtert. „Das hat Greta ganz nah wirken lassen“, sagt die Bremerin. „Eine faszinierende Persönlichkeit.“ Aber warum eigentlich? Warum folgen so viele dem Beispiel dieser Jugendlichen, die aussieht wie ein Kind und redet wie eine Erwachsene?

Die erste Antwort gibt es beim Kaffee. Ein Einfamilienhaus in der Neustadt, Freitagmorgen, fünf Uhr. Während Anna Körner, 16 Jahre alt, ebenfalls Organisatorin der Bremer Schulstreiks, mit Zahnbürste im Mund durch die Küche ihrer Eltern huscht, sitzt Nona Reinke am Tisch und bastelt an einem Pappschild für den Protest. Auf dem Schild steht: „Wir schwänzen nicht, wir kämpfen“. An der Pappe kleben rote Flecken. Tomatensoße. Reinke hat den Deckel eines alten Pizzakartons genommen. „Wir nehmen das mit dem Recycling sehr ernst.“ Stichwort Ernsthaftigkeit, da wäre man ja auch schon bei Greta Thunberg.

Sie sehe das mit dem Personenkult schon sehr kritisch, sagt Reinke. Der Hype schade am Ende allen, „der Greta“ und ihrem Privatleben, der Bewegung und ihrer Wahrnehmung. Aber der Ernst, mit dem Thunberg bei der Sache sei, den bewundere sie schon sehr. Anna Körner, inzwischen fertig mit dem Zähneputzen, stimmt mit ein: „Sie macht keine halben ­Sachen. Greta ist unglaublich beharrlich. Einen Streik anzufangen und weiterzumachen über Monate, trotz großem Druck einfach durchzuziehen, das ist total radikal. Und diese Radikalität muss gerade einfach sein.“

Halb sieben, kurz hinter Sagehorn wird mit den Erwachsenen abgerechnet. Draußen ziehen im Halbdunkel die Bahnhofslichter vorbei. Drinnen im Wagen vier der Nordwestbahn nach Hamburg, Richtung Protest, diskutiert die Bremer Reisegruppe. Darunter auch eine Teenagerin mit Tunnelohrringen und Trainingsjacke. Lea Egdmann, 17, die dritte der drei Organisatorinnen, setzt an zur Anklage gegen die Alten.

„Das Schwänzen ist unser Druckmittel.“ Die Bremer Schülerinnen auf dem Weg zur Kundgebung in Hamburg.

„Das Schwänzen ist unser Druckmittel.“ Die Bremer Schülerinnen auf dem Weg zur Kundgebung in Hamburg.

Foto: XYZ

„Viele der Erwachsenen und wir, das sind zwei verschiedene Welten“, sagt sie. „Die Älteren ruhen sich auf ihrem Erwachsensein aus. Die Politiker reden nur und handeln nicht. Aber bei den Klimazielen braucht es mehr als nur Versprechen.“ Die Vorwürfe gegen die Bewegung können sie nicht mehr hören. Sie leben vegan oder versuchen es. Auf Ersatzprodukte wie Tofu verzichten sie, Soja, schlecht für den Regenwald. Die Klamotten kaufen sie gebraucht, secondhand. Manche von ihnen bringen den Eltern bei, wie man ohne viel Plastik einkauft. „Trotzdem suchen die Leute nach Kritikpunkten, um das große Ganze schlecht zu machen“, sagt Nona Reinke. „Und dann werfen sie einer Greta eben vor, während einer langen Zugfahrt aus einer Plastikschüssel zu essen.

Das ist doch absurd.“ Noch nerviger, sagt Egdmann, sei nur das Gefühl, vollkommen unterschätzt zu werden. „Viele Erwachsene denken, wir planen den großen Aufstand, aber haben keine Ahnung vom Leben.“ Dabei wohne sie längst alleine, sagt Egdmann, die 17-Jähige. „Wir wollen ernst genommen werden.“

Gänsemarkt, Hamburger Innenstadt, kurz vor acht.

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Noch eine gute halbe Stunde, dann beginnt die Demonstration. Es wird noch ein paar Minuten dauern, bis ein Bus nach dem nächsten vorfahren und streikende Schüler ausspucken wird. Und so kommt in diesem Moment noch, grob überschlagen, ein Journalist auf drei Schüler. „Die Medien haben die Bewegung erst groß gemacht“, sagt Reinke. „Das Schwänzen ist ein Tabubruch, in jeder zweiten Überschrift ist davon die Rede. Erst das bringt uns die Aufmerksamkeit, die wir brauchen.“

Also keine Alternative, einfach in der Freizeit zu protestieren? Das muss während der Unterrichtszeit stattfinden? Alles andere ausgeschlossen? „Das Schwänzen ist unser Druckmittel“, sagt Egdmann. „Wenn wir keine Regeln brechen würden, dann würde das hier keinen kümmern. Die Medien nicht, die Politik sowieso nicht. Kein Streik, kein Interesse. So einfach.“ Also auch dieser Freitag ohne Mathe, Geografie, Französisch. Es wird nicht der letzte bleiben. Am 15. März planen sie einen besonders großen Streik in Bremen.

Die Bremerinnen Nona Reinke und Anna Körner bahnen sich ihren Weg durchs Pappschildergewirr. Am Freitag haben sie die Schule geschwänzt, um in Hamburg für besseren Klimaschutz zu protestieren.

Die Bremerinnen Nona Reinke und Anna Körner bahnen sich ihren Weg durchs Pappschildergewirr. Am Freitag haben sie die Schule geschwänzt, um in Hamburg für besseren Klimaschutz zu protestieren.

Foto: Vasil Dinev

Vorher geht es nun aber mit inzwischen Tausenden die Alster entlang. Einige haben sich Boxen auf den Rücken geschnallt, aus denen Beats bollern. Im Takt wippen Pappschilder auf und ab, auf den Einfälle stehen wie: „The Snow must go on“, „2050 bin ich erst 45“, „Die Dinos dachten auch, sie hätten Zeit“. Vorne, am Kopf des Protestzuges, wo sie ein langes Banner schleppen, läuft Greta Thunberg. Die mürrische Miene als Markenzeichen, als sei es morgen schon vorbei mit dem Planeten. Weiter hinten geht es heiterer zu. Es wird getanzt, gelacht, teilweise auch getrunken. Die drei Bremerinnen üben sich schunkelnd im Galgenhumor. Aus voller Kehle schmettern sie einen Song der Band K.I.Z., der nun aus der Anlage wummert. Sie grölen: „Und wir singen im Atomschutzbunker: Hurra, diese Welt geht unter.“

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