Kommentar über Vorsorge

Impfgegner sind immun gegen Beweise

Impfverweigerer setzen Unbeteiligte einem unnötigen Risiko aus, ohne ein überzeugendes Argument vorweisen zu können. Das ist keine Lebenseinstellung, die Respekt verdient, schreibt Sebastian Krüger.
23.09.2018, 22:09
Lesedauer: 3 Min
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Impfgegner sind immun gegen Beweise
Von Sebastian Krüger
Impfgegner sind immun gegen Beweise

Natürlich kann der Staat keine Impfungen gegen den Wunsch der Eltern verordnen, dafür genießt die elterliche Erziehung einen zu hohen Stellenwert.

Ralf Hirschberger/dpa

Für viele Eltern ist Impfen ein sensibles Thema. Sie fühlen sich unsicher und wollen vorsichtig sein, schließlich geht es um das Wohlbefinden des eigenen Kindes. Wer sich im Internet über Impfungen informieren möchte, ist jedoch nur einen Mausklick entfernt von Pseudowissenschaft und gefährlichem Halbwissen. Manche Impfgegner treten auf wie Verschwörungstheoretiker.

Wer ihnen die vielfach bewiesenen Vorteile einer Impfung erläutern möchte, wird kurzerhand zum Lobbyisten einer allmächtigen Pharma-Mafia abgestempelt. Sie als Impfskeptiker zu bezeichnen, lässt ihnen zu viel Ehre zuteilwerden: Skeptiker beäugen Dinge zuerst kritisch, lassen sich jedoch durch überzeugende Argumente beeindrucken. Impfgegner hingegen sind immun gegen Beweise und schenken dubiosen Internetforen mehr Glauben als renommierten Forschern. In der Debatte geben gefühlte Wahrheiten den Ton an.

Menschen sehnen sich nach Spiritualität

Schlüsselfigur der selbsternannten Impfkritiker ist Andrew Wakefield. Der britische Arzt veröffentlichte 1998 eine Studie, die angeblich einen Zusammenhang bewies zwischen dem Dreifach-Impfstoff gegen Masern, Mumps und Röteln und Autismus. Erst später kam ans Licht, dass die Studie gefälscht war. Wakefield wollte seinen eigenen Impfstoff vermarkten und nahm große Geldsummen von Impfgegnern entgegen, um die herkömmliche Masernimpfung zu diskreditieren. Er darf nicht mehr als Arzt praktizieren und ist unter Wissenschaftlern geächtet.

Trotzdem führen Impfgegner seine Thesen nach wie vor an. Eine Erklärung: Immer mehr Menschen sehnen sich nach Spiritualität. In harmlosen Fällen sollen Edelsteine das Trinkwasser wiederbeleben oder Zuckerkügelchen eine Erkältung kurieren, die nach zwei Tagen von selbst verschwindet. Ernster wird es, wenn das Misstrauen der Schulmedizin gegenüber so stark wird, dass ihre Erkenntnisse kategorisch abgelehnt werden.

Der neu entdeckte Hang zur Esoterik ist besonders in der höheren Bildungsschicht vorzufinden. Nicht ohne Grund kommt es vor allem in wohlhabenden Gegenden Deutschlands immer wieder zu Masernausbrüchen. In Berlin erkrankten 2015 mehr als 1300 Menschen, ein Kind starb. Das Robert-Koch-Institut bezeichnete den Vorfall als den größten Ausbruch seit Einführung der Meldepflicht. Besonders das hippe, junge und stark gentrifizierte Szeneviertel Prenzlauer Berg ist immer wieder das traurige Schlusslicht in Sachen Impfquote. Dass Kinder eine Masernerkrankung stets folgenlos überstehen, ist ein gefährlicher Irrtum: Eines von 1000 erkrankten Kindern entwickelt eine Enzephalitis, manche erleiden bleibende Schäden oder sterben sogar daran. Die Komplikationen treten mitunter erst Jahre später auf.

Im gut situierten Süden Deutschlands gibt es ebenfalls viele Impfverweigerer. In der Kleinstadt Murnau erkrankten Kinder nach Recherchen der „Süddeutschen Zeitung“ sogar an Keuchhusten und Pneumokokken. Die deutsche Impffaulheit schlägt sich auch auf das Ausland nieder: Anfang des Jahres meldete Guatemala eine Masernerkrankung, obwohl das Land seit 20 Jahren als masernfrei gilt. Eine Schülerin schleppte das Virus ein – nach einem Austausch in Deutschland.

Taten müssen folgen

Neben dem Immunschutz des Einzelnen bieten flächendeckende Impfungen einen weiteren Schutz: die Herdenimmunität. Sind 95 Prozent der Bevölkerung geimpft, können sich einzelne Erkrankungen nicht verbreiten. Herdenimmunität bietet so denen Schutz, die nicht selbst immun sind. Das sind wohlgemerkt nicht nur die Kinder von Impfgegnern, sondern auch Menschen, die zu jung sind oder aus gesundheitlichen Gründen nicht geimpft werden können. Babys und chronisch Kranke etwa sind auf die Herdenimmunität angewiesen, da sie selbst keinen Schutz aufbauen können. Impfgegner nehmen in Kauf, dass ihre Kinder vermeidbare Krankheiten auf sie übertragen. Sie schaden nicht nur sich selbst oder ihren eigenen Kindern, sie leben ihre irrationale Überheblichkeit auf Kosten der Schwächsten aus.

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Wo Vernunft und Dialog an ihre Grenzen stoßen, müssen Taten folgen. Natürlich kann der Staat keine Impfungen gegen den Wunsch der Eltern verordnen, dafür genießt die elterliche Erziehung einen zu hohen Stellenwert. Allerdings kann der Staat den Schaden minimieren, den Impfgegner aus reiner Selbstherrlichkeit anrichten. Daher sollte ihren Kindern der Zugang zu Kitas und Schulen verwehrt werden. Impfverweigerer setzen Unbeteiligte einem unnötigen Risiko aus, ohne ein überzeugendes Argument vorweisen zu können. Das ist keine Lebenseinstellung, die Respekt verdient.

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