Konkurrenz um Impfstoffe Wie Israel zum Corona-Impfweltmeister wurde

In Israel haben rund ein Drittel der Menschen bereits ihre erste Covid-19-Impfung erhalten, 1,7 Millionen schon die zweite. So viel wie nirgendwo sonst auf der Welt. Wie hat der jüdische Staat das geschafft?
31.01.2021, 16:45
Lesedauer: 5 Min
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Von Win Schumacher

Wer hätte gedacht, dass in Israel zu leben sich mal als Sicherheitsvorteil herausstellt?“, sagt Sarah Stricker und lächelt. „Sonst fragen mich Israelis oft, warum ich freiwillig hier wohne, wo ich es mir doch im sicheren Deutschland gut gehen lassen könnte. Schön, dass es ausnahmsweise mal umgekehrt ist.“ Die bei Speyer aufgewachsene Schriftstellerin zog vor elf Jahren von Berlin nach Israel. Bekannt wurde sie mit ihrem Roman „Fünf Kopeken“ und einer Reihe Kurzgeschichten, in denen es häufig um Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Deutschen und Israelis geht. Heute ist sie gemeinsam mit ihrem Freund auf dem Weg zu einem besonderen Termin. Um 17.36 Uhr sollen die beiden ihre erste Covid-19-Impfung erhalten, nur fünf Minuten zu Fuß von ihrer Wohnung im Zentrum von Tel Aviv.

„Ja, ein bisschen aufgeregt, bin ich schon“, sagt die 40-jährige, „aber vor allem glücklich. Gleichzeitig mischt sich auch ein wenig schlechtes Gewissen rein, dass ich eine Dosis bekomme, während meine Eltern und viele hochbetagte Menschen in Deutschland vorerst leer ausgehen.“ Dafür, dass Israel gerade den dritten strikten Lockdown bis Ende des Monats verlängert hat, ist die Stadt recht belebt. Mütter mit Kinderwagen bringen den Nachwuchs zum Spielplatz. Palästinensische Bauarbeiter rauchen vor einem eingerüsteten Hauseingang. Ein Jogger ohne Mundschutz schert sich wenig um die ihm entgegenkommenden Passanten. Hinter der offenen Tür einer Synagoge haben sich ein paar Ultraorthodoxe bereits zum Abendgebet versammelt. Eigentlich dürfen Israelis ihre Wohnadresse im Moment nur für Notfälle, dringende Arbeit oder Lebensmittel-Einkäufe verlassen – und das höchstens in einem Umkreis von einem Kilometer. Es gibt jedoch eine Reihe an Ausnahmen und die wenigsten scheinen die staatlichen Anordnungen sonderlich ernst zu nehmen.

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„Wie überall auf der Welt sind auch die Tel Aviver ziemlich corona-müde. Außerdem ärgern sich viele, dass in ultraorthodoxen Vierteln die Pandemie oft ignoriert wird“, sagt Sarah Stricker. Unter den strengreligiösen Juden – genauso wie unter den arabischen Israelis – waren die Fallzahlen bisher deutlich höher als in anderen Bevölkerungsgruppen. Während die Ultraorthodoxen zum Teil gewalttätig gegen die Lockdown-Maßnahmen protestieren, werfen viele säkulare Juden der Regierung vor, die Einhaltung von Restriktionen in Stadtteilen, in denen diese die Mehrheit stellen, nur halbherzig zu überwachen. Die dramatischen Fallzahlen der letzten Wochen sind die Quittung dafür.

Nachdem Israel im Frühjahr recht glimpflich durch die Pandemie gekommen war, traf die zweite Coronawelle im September und vor allem die dritte im Dezember das Land mit voller Wucht. Israel verzeichnet bisher mehr als 600.000 bestätigte Covid-19-Fälle, eine der höchsten Zahlen pro Einwohner im weltweiten Vergleich. In den letzten Wochen gerieten die Krankenhäuser an ihre Grenzen. Inzwischen sind mehr als 4600 Menschen an den Folgen der Viruserkrankung gestorben.

Gleichzeitig machte Israel zuletzt Schlagzeilen als das Land mit der höchsten Impfrate pro Kopf weltweit. Rund 4,7 Millionen Impfdosen wurden in Israel schon verabreicht, rein rechnerisch hat über die Hälfte der Bevölkerung bereits ein Mittel erhalten. Drei Millionen haben ihre erste Dosis bekommen, 1,7 Millionen schon die zweite. Nachdem sich am 19. Dezember Premierminister Benjamin Netanjahu medienwirksam als erster Israeli impfen ließ, erfasste eine regelrechte Impf-Euphorie das Land. Binnen eines Monats waren bereits die meisten Einwohner über 50 Jahre geimpft.

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Als am 19. Januar auch über 40-Jährige zur Impfung zugelassen werden, soll auch Sarah Stricker zu den Erstgeimpften gehören. Wie viele Israelis und Ausländer mit Aufenthaltsstatus im Land lässt sie sich über eine App ihrer Gesundheitskasse durch wenige Klicks einen Impftermin geben. Zunächst wird ihr ein Termin im Februar angeboten.

„Wir sind dann wie viele andere doch schon einen Abend danach zum nächsten Impfzentrum gegangen, um vielleicht schon vorab eine der Dosen zu bekommen, die am Ende des Tages übrig bleiben und sonst weggeworfen werden müssen“, erzählt sie. An diesem Abend durfte sich jedoch nur noch ein 43-Jähriger über seine erste Impfung freuen. Stricker und ihr Freund mussten ungeimpft zurück nach Hause. Am Tag darauf erhielt sie jedoch schon eine Nachricht auf ihrem Handy. Bereits am 24. Januar seien noch Impftermine verfügbar.

Einen großen Anteil am Erfolg der Impfaktion in Israel hat das digitalisierte Gesundheitssystem. Wie aber hat das Land es geschafft, so schnell an den begehrten Impfstoff für die rund neun Millionen Menschen zu kommen? Entscheidend waren frühzeitige Gespräche zwischen Netanjahu, dem israelischen Gesundheitsminister Juli-Joel Edelstein und Pfizer-Chef Albert Bourla. Die Israelis erreichten eine Abmachung, für die Durchführung einer im Eiltempo vorangetriebenen Impfaktion Daten über die Auswirkungen der Pandemie an den Pharmakonzern weiterzureichen. Welche Summe für den Biontech-Pfizer-Impstoff floss, ist nicht bekannt, nach Medienberichten waren es deutlich mehr als etwa in Europa und den USA.

Netanjahus Kritiker bemängeln den Impfstoff-für-Daten-Deal. Linke und internationale Menschenrechtsorganisationen empören sich, dass die palästinensischen Gebiete vorerst wohl weitgehend leer ausgehen, obwohl Israel im März voraussichtlich mehr Impfstoff zur Verfügung stehen wird, als pro Einwohner nötig wäre. Siedler im Westjordanland, die in die israelische Krankenkasse einzahlen, werden hingegen versorgt. Weil für das Gesundheitswesen der Palästinenser die Autonomiebehörde zuständig ist, haben diese keinen Zugang zu dem Impfstoff.

Für Netanjahu könnte sich der Deal auszahlen. Der Premierminister hat ein Korruptionsverfahren am Hals und zuletzt politisch enorm an Rückhalt verloren. In den letzten Monaten gab es landesweit Proteste gegen den Regierungschef. Durch einen Erfolg seiner Impfpolitik könnte Netanjahu zum wiederholten Mal bei den im März anstehenden Neuwahlen, den vierten innerhalb von zwei Jahren, als Sieger hervorgehen – allen politischen Skandalen und einer ansonsten katastrophalen Corona-Bilanz zum Trotz.

Als Stricker und ihr Freund am Impfzentrum ankommen, warten draußen einzelne Tel Aviver auf ihren Termin. Lange Schlangen wie zu Beginn der Impfungen gehören in Israel bereits der Vergangenheit an. Für die Schriftstellerin geht alles ganz schnell. Sie zieht ihre Gesundheitskarte durch ein Lesegerät und wird keine zehn Sekunden später aufgerufen. Ein Stockwerk höher empfängt sie ein arabischer Pfleger, stellt drei Fragen und bittet sie, ihren Ärmel hochzukrempeln. Ein kurzer Pieks. Ein Foto. Schon steht sie wieder draußen auf der Straße.

„Die Israelis sind sehr gut darin, sich in Ausnahmesituationen nicht lange mit Planen aufzuhalten, sondern einfach mal zu machen – das spart alles Zeit.“ Den Termin für ihre zweite Impfung hat Stricker bei Bestätigung des ersten automatisch über die App erhalten. Er fällt auf den 14. Februar, den Valentinstag. „Schön, oder?“, sagt sie, „ausgerechnet am Tag der Liebe komme ich dem Ziel näher, meine Lieben hoffentlich schon sehr bald wieder umarmen zu können.“

Info

Zur Sache

Hohe Wirksamkeit

Erste Auswertungen über die Wirksamkeit der Impfungen in Israel klingen vielversprechend. Nach Daten der Krankenkasse Maccabi wirken die Impfungen sogar schneller als zunächst angenommen. Die Wahrscheinlichkeit eines schweren Covid-19-Krankheitsverlaufs sinkt den Zahlen nach bereits 18 Tage nach der ersten Impfung deutlich. Schon zwei Tage nach der zweiten Impfung fällt bei 60-jährigen und älteren, deren Daten ausgewertet wurden, das Risiko stationär behandelt werden zu müssen, um 60 Prozent. Nach jüngsten Zahlen des israelischen Gesundheitsministeriums infizierten sich nur 0,01 Prozent aller, die bereits zwei Dosen erhalten hatten, mit dem Virus – bisher erkrankte keiner davon schwer.

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