Inklusive Modellschule Jeder so, wie er kann

Inklusion in Schulen ist in Deutschland ein Reizthema. Wie gemeinsames Lernen funktionieren kann, zeigt eine Modellschule in Münster.
21.07.2018, 20:16
Lesedauer: 8 Min
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Jeder so, wie er kann
Von Melanie Reinsch

Es gibt ein Problem. Einige Mitschüler haben Ben* in der Pause beleidigt. „Vogel“, „Vogel“ haben sie ihm hinterhergerufen. Ben hat den Klassenkameraden gesagt, dass sie aufhören sollen. Doch die hätten ihn immer weiter beleidigt. „Ich war sehr wütend“, sagt der siebenjährige Junge, „und dann habe ich ihnen den Stinkefinger gezeigt.“ Zornig hat Ben seine Erlebnisse aus der Pause in ein Buch geschrieben.

Das Buch hat Schulleiter Reinhard Stähling gerade aufgeklappt, den Eintrag vorgelesen und Ben seine Geschichte vor allen anderen Schülern erzählen lassen. „Klassenrat“, so nennt sich die Stuhlkreis-Runde hier in der Modellschule Berg Fidel in Münster in Westfalen. Es ist eine Art Kinderparlament, in dem Probleme besprochen werden und in dem jeder seine Sicht auf die Dinge erzählen darf. Zuhören, beraten, Lösungen finden – im besten Fall geben sich die Kinder am Ende die Hand und entschuldigen sich.

„Ich war auch dabei, ich habe das auch gehört“, sagt Milan plötzlich. Alle Mitschüler richten ihre Augen auf den zwölfjährigen Jungen, hören ihm aufmerksam zu. Er spricht undeutlich und schnell, gestikuliert mit den Händen, wippt ein wenig mit dem Kopf. Für die anderen Kinder in der Klasse ist das nichts Besonderes. Milan ist geistig behindert. Und gehört dazu. Wie jeder andere auch. Manchmal übersetzt ein Klassenkamerad, wenn dieser Milan besser verstanden hat. Und der Lehrer fragt dann: „Milan, hast du das so gemeint?“ Dann nickt Milan oder schüttelt den Kopf.

Heterogenität ist Alltag

Der Junge mit dem dunklen Strubbelhaarschnitt lernt hier in der Klasse „Sonnenblumen“ mit allen anderen – mit Kindern, die schnell lernen, die langsam lernen, die Verhaltensstörungen haben oder als lernbehindert gelten. Kinder aus Syrien, Eritrea, aus Roma-Familien und eben auch aus bürgerlichen Münsteraner Familien. Einige sind fleißig, andere unkonzentriert. Manche Kinder in der Klasse überragen ihre Mitschüler um zwei Köpfe.

Milan fährt jeden Tag zehn Kilometer nach Berg Fidel, um hier lernen zu dürfen. Der Stadtteil gilt als sozialer Brennpunkt – trotzdem wollen immer Eltern genau in diesem Stadtteil ihre Kinder zur Schule bringen. Bis zur neunten Klasse können sie hier lernen und einen Abschluss machen. Eine Elterninitiative der Schule kämpft darum, dass die Jugendlichen an der Schule auch ihr Abitur ablegen können. Ausgang ungewiss.

Während sich die Politik noch den Kopf darüber zerbricht, wie Inklusion und Integration funktionieren kann, wird das in der Schule in Berg Fidel schon lange beispiellos gelebt. Heterogenität steht nicht auf dem Lehrplan, sondern ist hier Alltag. 20 Prozent der 430 Kinder haben einen sonderpädagogischen Förderbedarf, 70 Prozent einen Migrationshintergrund. 30 Nationen spielen auf dem Schulhof zusammen.

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Ein Junge im Rollstuhl ist ein begehrter Spielkamerad – die Kinder lieben es, den Jungen umherzuschieben. Acht Runden um den Schulhof hätten sie neulich in der Pause geschafft, erzählt ein Mädchen mit langen dunklen Haaren stolz. Der Junge strahlt über das ganze Gesicht. Die Schule lehnt kein Kind ab. Rund 50 Schüler werden so jedes Jahr neu eingeschult. Es fliegt auch keiner von der Schule, wenn es ein Problem gibt. Denn wenn es eins gibt, dann wird es gelöst. Es muss gelöst werden.

Mehrere Monate hat es gedauert, bis eine Schülerin, die ständig schrie, gemeinsam mit den anderen im Klassenverband lernen konnte. Jeden Tag ein paar Minuten mehr. „Man muss es nur wollen. Wir sind schon lange besser als andere Schulen, eben weil wir es müssen. Wir können es uns einfach nicht leisten, Fehler zu machen“, sagt Schulleiter Stähling. Stähling – kariertes Hemd, Birkenstock-Schuhe und Brille – sitzt mit übereinandergeschlagenen Beinen in seinem Zimmer.

Überall stapeln sich Bücher, Ordner und Kartons in dem kleinen Büro, das nach geordnetem Chaos und viel Arbeit aussieht. Von draußen hört man spielende Kinder. In der Mitte des Holztisches steht eine Glasschüssel mit kleinen Edelsteinen. Jedes Kind, das in Berg Fidel eingeschult wird, darf sich einen bunten Stein aussuchen. Manche tragen ihn bis zum Ende der Schulzeit in ihrer Tasche – als Glücksbringer.

Schule neu denken

Von Beginn an stand hier in Berg Fidel in Nordrhein-Westfalen ein Leitgedanke im Vordergrund: Verlässlichkeit und Zuwendung. Das gilt ganz besonders für eine Schule, die in einem Armutsgebiet liegt – also dort, wo Kinder unter anderem durch fehlende Partizipation und Integration emotional stärker belastet sind. Jedes Kind sollte eine Chance haben, also wurde der Schulunterricht angepasst. Ein Randphänomen? Mitnichten. In Deutschland ist jedes fünfte Kind von Armut bedroht und hat mit ähnlichen Problemen zu kämpfen.

Stähling will Schule neu denken. Sonderschulen, in denen ausschließlich Kinder mit Förderbedarf zusammen lernen, lehnt Stähling strikt ab. Seine Erfahrung zeige: „Es klappt, wenn man will. Aber es ist auch viel Arbeit.“ An Leidenschaft und Engagement mangelt es den Pädagogen in Berg Fidel nicht. Aber an anderem: an Sozialarbeitern, an Personal, an Geldern, um stabilere Strukturen zu schaffen, die vielen Visionen und Ideen in die Tat umzusetzen. „Wir müssen um alles kämpfen“, sagt Stähling.

Inklusion in Schulen ist in Deutschland ein Reizthema. Lange hat die Politik das Thema kaum interessiert. Umso stärker scheint jetzt der Unmut auf beiden Lagern. Erst vor wenigen Tagen hat die Klage einer Schulleiterin in Bremen bundesweit für Aufsehen erregt. Sie wollte die Einrichtung einer Inklusionsklasse an ihrem Gymnasium verhindern. Und verlor vor dem Bremer Verwaltungsgericht. Bis zu fünf Behinderte sollen nach den Sommerferien nun zusammen mit 19 anderen Schülern lernen.

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Dies widerspreche dem Schulkonzept, argumentiert die Pädagogin. Mit dieser Meinung steht die Bremer Schulleiterin nicht allein. Hauptgegenargumente: Kinder mit Behinderung bremsen das Lerntempo, leistungsstarke Schüler werden nicht ausreichend gefördert, während die Lehrer überfordert sind, es fehlen Standards und Ausstattung.

Bremen gilt in Sachen Inklusionsunterricht als Vorreiter bei der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention, die die Bundesregierung im Jahr 2009 ratifiziert hat. 77 Prozent der Kinder mit Förderbedarf gehen in der Hansestadt Bremen in eine Regelschule. In Berlin sind es 57 Prozent, Hessen bildet mit 23 Prozent das bundesweite Schlusslicht.

Im 2011 veröffentlichte die Bundesregierung den Nationalen Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Konvention. Konkrete Ziele für Inklusion: Behinderte und Nicht-Behinderte besuchen gemeinsam Kindergärten und Schulen. Da Bildung Ländersache ist, geht jedes Land die Sache anders an: So hat sich Berlin bis zum Schuljahr 2020/21 vorgenommen, 36 Schulen für die Inklusion fit zu machen. Elf Schulen gibt es bereits. Insgesamt haben in Deutschland etwa eine halbe Million Kinder sonderpädagogischen Förderbedarf.

Über Rückschritt entsetzt

Während die frühere rot-grüne Landesregierung in Nordrhein-Westfalen die Inklusion gefördert hatte, schlägt die gelb-schwarze Regierung von Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) nun plötzlich eine Kehrtwende ein. Sie will Förderschulen erhalten, inklusiver Unterricht in Haupt-, Real-, Gesamtschulen und Gymnasien soll nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen angeboten werden. Dabei belegen Zahlen, dass drei von vier Eltern positive Erfahrungen mit dem gemeinsamen Lernen ihrer Kinder in einer inklusiven Schule machen – unabhängig vom Förderbedarf des Kindes.

Die behindertenpolitische Sprecherin der Grünen, Corinna Rüffer, ist über diesen Rückschritt entsetzt. Rüffer ist in diesem Sommer auf Deutschland-Tour, um sich inklusive Schulen im Land anzusehen. „Derweil arbeitet die neue Landesregierung in NRW leider weiter daran, die schulische Inklusion unter dem Deckmantel verbindlicher Qualitätsstandards einzuhegen und das ausschließende Förderschulsystem zu stabilisieren“, kritisiert sie.

Sie fordert, dass die Bundesregierung gemeinsam mit den Ländern eine Strategie und einen Zeitplan entwickle, um das inklusive System in Deutschland umzubauen. „Statt halbherzig hier und da Projektchen zu fördern und Inklusion in bildungspolitischen Vorhaben weitgehend auszuklammern, muss die Bundesregierung sich mit den Ländern auf klare Zielvorgaben verständigen“, findet die Grünen-Politikerin.

"Argumente und Vorurteile müssen entkräftet werden"

Das Menschenrecht auf inklusive Beschulung gebe es nicht umsonst. „Wir werden es nur erreichen, wenn die vorhandenen Mittel und die sonderpädagogische Förderung konsequent an die Regelschulen umgeschichtet werden. Solange sich Politik vor dieser Entscheidung drückt, bleiben viele Kinder auf der Strecke.“ Trotzdem oder auch gerade weil die schulische Inklusion in Deutschland so polarisiert, ist der Schulleiter von Berg Fidel der Meinung, dass man die Sorgen und Ängste der Eltern ernst nehmen müsse.

„Die Argumente und Vorurteile müssen entkräftet werden. Am besten durch positive Beispiele wie hier in Berg Fidel“, sagt er. Und: Nicht jede Schule müsse inklusiv sein, „sondern nur die, die auch bereit dafür sind und wollen“. Die Arbeit dieser Schulen müsste unterstützt und nicht noch zusätzlich Arbeit erschwert werden. Stähling wünscht sich, dass man die Experten fragt, was sie wirklich für ihre Arbeit benötigten.

In der Klasse „Sonnenblumen“ ist das, worüber Eltern, Politiker und Pädagogen hitzig debattieren, so selbstverständlich, als wäre es nie anders gewesen. Wie kann das funktionieren? Es ist kurz vor acht Uhr morgens, als die Kinder nach und nach in die Klassenräume strömen. Manche von ihnen haben vorher in der Schule gefrühstückt. Ein freiwilliges Angebot. Einige Kinder setzen sich gleich hin, arbeiten konzentriert an den Tischen, andere sind noch viel zu hibbelig, um sich an die Bruchrechenaufgaben zu setzen. Die Lehrerin spielt mit ihnen, langsam kommen sie runter, werden ruhiger.

Auflösung der Jahrgangsgrenzen

Hier lernt jedes Kind nach eigenem Tempo, auf seinem Niveau, an seinen eigenen Aufgaben, die aufeinander aufbauen. Jetzt ist Mathe dran, später Deutsch. In jeder Klasse sitzt auch ein Integrationshelfer. Dieser betreut Milan, den geistig behinderten Jungen. Die beiden sitzen an einem Rechner, machen Übungen. Zwei Mädchen – die eine geistig behindert, die andere lernschwach – sitzen zusammen und helfen sich gegenseitig.

Frontalunterricht an der Tafel mit festen Sitzplätzen? Fehlanzeige. „Ich mache keinen Unterricht. Ich mache ‚Lernen‘, sagt Stähling. „Ich stehe keine Minute an der Tafel“. Stähling sitzt an einen Tisch inmitten des Raums. Immer wieder kommen die Kinder zu ihm, lassen sich ihre Aufgaben abzeichnen, sich Übungen erklären. Stähling weiß genau, auf welchen Wissenstand jedes Kind ist. Hat einerder Schüler eine neue Aufgabe geschafft, macht der Lehrer ein Häkchen auf seine Liste, klopft dem Kind väterlich auf die Schulter und gibt eine neue Anweisung. Alles läuft routiniert, konzentriert. Wenn eine Schülerin träumt, sagt Stähling sanft: „Mach doch einfach kurz eine Pause.“

Das wichtigste Element bei der schulischen Inklusion sei die Auflösung der Jahrgangsgrenzen, meint Stähling. Der Pädagoge setzt da an, wo die Kinder stehen. Ganz gleich wo das ist. Egal, ob jemand schon im Kopf dividieren kann oder noch am Rechner grübelt, aus wie vielen halben Tortenstücken ein ganzer Kuchen zusammengesetzt ist. Für ihn ist das „ganz logisch“. Er kann einfach nicht verstehen, dass Schüler in Regelschulen mit Defiziten in einigen Fächern weiter versetzt werden, obwohl sie etwas nicht verstanden haben. „Das ist doch fatal. Und das ist überall so“, moniert er. Als Stähling den Kindern erklärt, was die Grünen-Politikerin Corinna Rüffer da eigentlich im Bundestag den ganzen Tag so macht, ruft Milan in die Runde: „Können wir jetzt mal endlich mit dem Kinderrat weitermachen?“ Sein syrischer Mitschüler knufft Milan liebevoll in die Seite, sie lachen.

*Die Namen der Kinder wurden aus Schutzgründen geändert.

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