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Jeder zweite Beschäftigte erlebt sexuelle Belästigung

Berlin·Bremen. Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz kommt offenbar weitaus häufiger vor als gedacht. Einer repräsentativen Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) zufolge hat mehr als die Hälfte aller Beschäftigten in Deutschland im Job schon einmal Belästigungssituationen erlebt.
04.03.2015, 00:00
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Jeder zweite Beschäftigte erlebt sexuelle Belästigung
Von Alexander Pitz

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz kommt offenbar weitaus häufiger vor als gedacht. Einer repräsentativen Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) zufolge hat mehr als die Hälfte aller Beschäftigten in Deutschland im Job schon einmal Belästigungssituationen erlebt. „Das ist ein unhaltbarer Zustand“, sagte ADS-Leitern Christine Lüders bei der Präsentation der Studie. Solche Vorkommnisse könnten traumatische Folgen haben und dürften keinesfalls folgenlos bleiben. Lüders kritisierte, dass viele Betroffene nur unzureichend über ihre Rechte informiert seien. So wüssten 81 Prozent nicht, dass der Arbeitgeber verpflichtet sei, seine Angestellten aktiv vor sexueller Belästigung am Arbeitsplatz zu schützen.

Frauen sind laut Umfrage deutlich häufiger von körperlichen Übergriffen betroffen als Männer. Knapp jede fünfte Befragte berichtete von unerwünschten körperlichen Annäherungen oder Berührungen, bei den Männern beträgt der Anteil rund zehn Prozent. Verbreiteter sind zweideutige Kommentare und Witze mit sexuellem Bezug. 47 Prozent der Frauen und 39 Prozent der Männer haben dies schon einmal selbst erlebt. In einem Punkt ist die Umfrage allerdings eindeutig: Die Täter sind in der Regel männlich.

Auffällig ist zudem, wie unterschiedlich Menschen sexuelle Belästigung wahrnehmen. So gab rund ein Zehntel der Befragten an, aus ihrer Sicht seien Sprüche wie „Setz dich auf meinen Schoß“ gar keine Belästigung. Überhaupt förderte die Studie große Wissenslücken über die Thematik zutage. Nur 17 Prozent der Frauen und sieben Prozent der Männer waren sich darüber im Klaren, dass es sich bei den abgefragten Beispielen um Vorfälle handelt, die gemäß Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz (AGG) verboten sind. Dass etwa unerwünschte Mails oder SMS mit anzüglichem Inhalt ebenfalls unter die Regelung fallen, ist vielen gar nicht bewusst.

„Da besteht noch jede Menge Aufklärungsbedarf“, sagte Christine Lüders, die speziell die Unternehmen in der Pflicht sieht. Denn laut Studie wissen selbst die befragten Personalverantwortlichen und Betriebsräte allzu oft kaum etwas mit dem Thema anzufangen. 60 Prozent konnten nichts Konkretes zu Schutzmaßnahmen gegen sexuelle Belästigung in ihren Häusern berichten. Konkrete Verbesserungsvorschläge bis hin zu Gesetzesänderungen soll in den nächsten Monaten eine von der Antidiskriminierungsstelle einberufene Expertenkommission auf den Weg bringen. Vorsitzende sind die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, Jutta Allmendinger, und der ehemalige Berliner Bürgermeister, Klaus Wowereit (SPD).

Dass sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz auch in der Hansestadt ein Problem ist, bestätigte Susanne Gieffers, Sprecherin der Bremischen Zentralstelle für die Verwirklichung der Gleichberechtigung der Frau. „Wir haben viel mit jungen Frauen zu tun und stellen fest, dass die Sensibilität für Alltagssexismus deutlich zugenommen hat“, sagte Gieffers. Immer mehr Betroffenen werde klar, dass sie sich dumme Sprüche von Kollegen gar nicht bieten lassen müssten. Mit Fällen, in denen es zu körperlichen Übergriffen gekommen sei, habe die Zentralstelle aber eher selten zu tun. „Das passiert vier-, fünfmal pro Jahr“, so Gieffers. Bei der Arbeitnehmerkammer Bremen, die Diskriminierungsopfern Beratung anbietet, ist sexuelle Belästigung indes nur „ganz selten“ ein Thema, wie Claudius Kaminiarz, Leiter der Rechtsberatung, berichtete. Ohnehin sei das Phänomen „eher ein gesellschaftliches als ein rechtliches Problem“.

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