Kommentar über Joe Biden

Der Herausforderer sucht den Weg aus dem Keller

US-Präsidentschaftskandidat Joe Biden liegt in Umfragen vor Amtsinhaber Donald Trump. Dennoch machen sich die Demokraten Sorgen, analysiert unser Korrespondent Thomas Spang.
14.05.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Der Herausforderer sucht den Weg aus dem Keller
Von Thomas Spang
Der Herausforderer sucht den Weg aus dem Keller

Joe Biden macht, umringt von Studenten, ein Selfie – in Zeiten von Corona ist das nicht mehr möglich.

Jack Kurtz/DPA

Die Wahlkampfkundgebung des designierten Präsidentschaftskandidaten der Demokraten in Tampa im US-Bundesstaat Florida begann wie immer. Ein Schüler rezitierte den Treueschwur, ein örtlicher Unterstützer warb Freiwillige an und ein Discjockey spielte Rhythm & Blues-Musik. Dann meldete sich aus dem Off eine unsichtbare Stimme: “Bin ich zu sehen?”

Unbeabsichtigt formulierte Joe Biden damit die Gretchenfrage des Covid-19-Wahlkampfs, der den Herausforderer Donald Trumps seit März in den Keller seines Hauses in Wilmington im US-Bundesstaat Delaware verbannt hat. Dort richtete die Partei dem Kandidaten ein Fernsehstudio ein, aus dem sich Biden regelmäßig in den lokalen Medien der alles entscheidenden Wechselwähler-Staaten zu Wort meldet. In Tampa probierte er eine virtuelle Kundgebung aus – die nicht nur wegen der Zappel-Bilder und peinlichen Pausen problematisch war. Biden wirkte so distanziert, wie er es räumlich tatsächlich war. Tausende Kilometer entfernt vom Ort des Geschehens.

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Er würde gern erleben, dass Biden aus dem Keller herauskomme und spreche, verspottete US-Präsident Donald Trump den bisherigen Wahlkampf seines Konkurrenten. Und der Wahlkampfmanager des Präsidenten, Brad Parscale, warnte den demokratischen Herausforderer, er könne sich nicht ewig verstecken. In Kürze werde man zum ersten Mal den “Fire-Knopf" drücken, kündigte er einen Frontalangriff an, den er mit dem "Todesstern" aus "Star Wars" verglich.

Die beiden erfolgreichen Architekten der Wahlkämpfe Barack Obamas, David Axelrod und David Plouffe, sind sich in diesem Punkt mit Trumps Wahlstrategen überraschend einig. Online-Reden aus dem Keller reichten nicht, schrieben sie in einer Kolumne in der „New York Times“. Biden komme damit wie ein Astronaut rüber, der sich von der Internationalen Raumstation auf der Erde melde. In der Corona-Krise verkörpert der Demokrat für die im Kern verunsicherten Amerikaner ein Stück unaufgeregte Normalität. Als Vizepräsident Barack Obamas organisierte er nach dem Absturz der Finanzmärkte 2009 den Wiederaufbau der Wirtschaft und bewies Kompetenz in der Ebola- und in der H1N1-Krise (Schweinegrippe).

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Der Zwang, in den Zeiten von Covid-19 soziale Distanz zu halten, nimmt dem 77-Jährigen aber auch etwas von seinem größten Vorteil: Bidens menschliche Wärme und die aus eigener schmerzhafter Erfahrung erworbene Fähigkeit, echtes Mitgefühl zu zeigen. Seine Frau und zwei seiner Kinder sind verstorben.

In diesem Kontext spielen auch die Belästigungsvorwürfe der ehemaligen Mitarbeiterin seines Büros in Washington, Tara Reade, eine Rolle. Ihre mehrfach veränderten Schilderungen der Ereignisse vor fast drei Jahrzehnten werden von Biden entschieden bestritten und von keinem ihrer 21 ehemaligen Kollegen bestätigt. In den Umfragen zeigen die Vorwürfe bisher keine Wirkung.

Obwohl die meisten Amerikaner (86 Prozent) von Reade gehört haben, halten sie den Demokraten dadurch nicht für disqualifiziert. Im Gegenteil, Biden hält konstant einen Vorsprung vor Trump und führt überraschend stabil in den Wechselwähler-Staaten wie Michigan, Wisconsin, Florida, Arizona und Pennsylvania. Diese Staaten werden im November vermutlich darüber entscheiden, wer die Mehrheit im Wahlmänner-Kollegium gewinnt und damit Präsident wird.

Doch in den Reihen der Demokraten sorgt man sich auch um die vielen Unbekannten, die der erste US-Wahlkampf unter Pandemie-Bedingungen mit sich bringt. Das Virus raubte Biden bereits die traditionelle Siegerrunde nach den Vorwahlen, den Krönungsparteitag mit Tausenden von Anhängern und die Spannung bei der Wahl seines „Running-Mates“, des Kandidaten für das Vizepräsidenten-Amt.

Hinzu kommt der enorme Vorsprung, den der Reality-TV-Star Trump in den sozialen Medien hat. Deshalb braucht Biden dringend eine robuste Strategie, die ihn als echte Alternative zum Amtsinhaber erscheinen lässt. Die aus dem Off gestellte Frage “Bin ich zu sehen?”, muss jedoch bislang mit einem klaren “noch nicht” beantwortet werden.

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