Komentar über Ägypten Missbrauchte Demokratie

97 Prozent für Staatschef al-Sisi - das ist das offizielle Ergebnis der Wahl in Ägypten. An dem Resultat aber darf gezweifelt werden, an ägyptischer Demokratie erst recht, urteilt Birgit Svensson.
02.04.2018, 17:48
Lesedauer: 1 Min
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Missbrauchte Demokratie
Von Birgit Svensson

Es ist nur noch peinlich, was derzeit in Ägypten passiert. Zunächst hieß es, Staatspräsident Abdel Fattah al-Sisi habe 90 Prozent der Stimmen auf sich vereinen können. Das war für einige wohl zu wenig, da er beim letzten Mal auf 97 Prozent gekommen war. Hätte man das Resultat so stehen lassen, es wäre ein Makel für seine zweite Amtszeit gewesen. Die ägyptischen Medien sprachen nämlich schon nach den Zwischenresultaten am Freitag von einem Erdrutschsieg. Also musste nach oben korrigiert werden, obwohl eine gewisse Bescheidenheit dem auf Gigantomanie spezialisierten Generalissimus gut angestanden hätte.

Auch seine Freunde im Westen hätten vielleicht ein weniger übertriebenes Resultat für gut befunden. Aber auf deren Urteil gibt der Machthaber nichts mehr. Er hat auch nichts zu befürchten. Für Donald Trump ist al-Sisi „ein toller Kerl“, und aus Berlin und anderen europäischen Hauptstädten kommen höchstens lauwarme Kommentare auf unterster Ebene.

Es stört auch nicht, dass das Wort Demokratie derart missbraucht wird, dass es einem bitter aufstößt. So zeigt die amtliche Tageszeitung „Al-Ahram auf ihrer Titelseite jubelnde Kinder, die ägyptische Fahnen in der Hand halten. Bildunterschrift: „Kinder im ganzen Land erlernen den demokratischen Prozess.“ 60 000 politische Gefangene, 15.000 Prozesse vor Militärgerichten, Folterverhöre und endlose Untersuchungshaft ohne Gerichtsverfahren: Das ist Demokratie am Nil.

Und selbstverständlich könne jeder in Ägypten seine Meinung frei äußern, behauptete al-Sisi in einem TV-Interview vor der Wahl. Die Sängerin Sherine Abdel-Wahab kann davon ein Lied singen. Bei einem Konzert in den Vereinigten Arabischen Emiraten im November wollten Fans, dass sie einen Song spielt, der übersetzt „Hast du Nilwasser getrunken?“ heißt. Die Sängerin verneinte und sagte: „Dann bekommst du Bilharziose, trink lieber Evian, dann bist du besser dran.“ Wegen Beleidigung Ägyptens wurde sie jetzt zu einer Haftstrafe von sechs Monaten verurteilt.

birigt.svensson@weser-kurier.de

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