Schwierige Reform Das neue Dilemma der Nato

Die Politik der Türkei hatte Frankreichs Präsident Macron zu einer vernichtenden Kritik an der Zusammenarbeit innerhalb der Nato bewegt. Jetzt startet das Militärbündnis eine Reformdebatte.
01.12.2020, 19:23
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Das neue Dilemma der Nato
Von Detlef Drewes

Die Bauarbeiten an einer neuen Nato haben begonnen. Als Jens Stoltenberg, der Generalsekretär der Allianz, am Dienstag die 30 Außenminister der Mitgliedsstaaten des Bündnisses vor ihren Bildschirmen begrüßte, lag das lang erwartete Werk mit dem Titel „Nato 2030 – vereint für eine neue Ära“ als Erstes auf dem Tisch. Auf 67 Seiten hatten die Mitglieder einer Expertengruppe aus zehn Mitgliedstaaten (darunter der frühere deutsche Innen- und Verteidigungsminister Thomas de Maizière) 138 Vorschläge zusammengetragen, wie die Allianz aus ihrem Tief herauskommen soll. „Es gibt viele Bündnispartner, die an der einen oder anderen Stelle … ein Problem haben werden“, zeigte sich Berlins Außenamtschef Heiko Maas (SPD) sicher.

Denn tatsächlich enthält das Dokument viel Zündstoff – wie den Verzicht auf die Einstimmigkeit bei Entscheidungen, die zum wiederholten Ausbremsen der Allianz geführt hatte. Und auch die Anregung, den europäischen Arm des Bündnisses mehr mit der Verteidigungspolitik im Rahmen der Europäischen Union zusammenzuführen, schmeckt einigen nicht. Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron hatte den Anstoß zu der „Reflexionsphase“ gegeben, als er der Nato 2019 bescheinigte, „hirntot“ zu sein.

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Doch die Arbeiten an der Reform dürften sich hinziehen – zumindest bis zum noch nicht terminierten Gipfeltreffen der 30 Staats- und Regierungschefs Mitte nächsten Jahres, von dem einige Optimisten schon meinen, man könne daraus ein gemeinsames Top-Event von EU und Nato machen – mit dem neuen amerikanischen Präsidenten Joe Biden als Hoffnungsträger und Ehrengast. Dabei ist noch nicht einmal klar, wie sich der künftige Herr im Weißen Haus und sein Team Richtung Europa positionieren wollen. „Wir gehen davon, dass mit Biden vieles besser, aber nicht alles anders wird“, sagte Maas. Vor allem bei den finanziellen Anstrengungen der Europäer dürfte der neue US-Präsident die Linie des bisherigen Amtsinhabers fortsetzen wollen. Deshalb, so Maas, müssen „wir uns klar werden, was wir Europäer künftig leisten wollen und was die Amerikaner noch leisten werden“.

Aktueller Anknüpfungspunkt ist die Situation in Afghanistan. US-Präsident Donald Trump hat den Abzug amerikanischer Truppen vom Hindukusch angeordnet. Dieser Schritt soll bis Ende April 2021 vollzogen werden. So steht es im Friedensabkommen zwischen der afghanischen Führung und den radikal-islamischen Taliban. Aber etliche Fragen blieben offen: Wie viele Soldaten will Washington wann nach Hause holen und vor allem welche Truppenteile? Maas betonte: „Wir müssen wissen, ob die richtigen bleiben.“ Die Europäer seien darauf angewiesen, dass die US-Soldaten weiterhin den Einsatz der Verbündeten absichern. Die Bundeswehr ist noch mit rund 1200 Männern und Frauen vor Ort. Das Mandat läuft im kommenden März aus. Und nicht nur der deutsche Außenminister ließ keine Zweifel daran, dass die wenig absehbare Politik der Vereinigten Staaten die Allianz vor große Probleme stellt. Mike Pompeo, Trumps amtierender Außenamtschef, mochte jedenfalls am ersten Tag des virtuellen Treffens nicht für mehr Klarheit sorgen.

Hinzu kommen einige weitere Konflikte, bei denen die Nato derzeit auf der Stelle tritt. Zwar hat die türkische Regierung ihr Forschungsschiff „Oruc Reis“ rechtzeitig vor dem Außenministertreffen von den mutmaßlichen Erdgaslagern im Mittelmeer zurückgeholt. Trotzdem schwelt der Konflikt zwischen Griechenland und Zypern weiter. Offen ist auch die Position der Allianz zu den anstehenden Abrüstungsverhandlungen mit Russland sowie den Ansprüchen Pekings im südchinesischen Meer. Die Nato wartet auf die neue US-Führung und ihre eigene Reform. Doch beides kann sich noch weiter hinziehen.

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