Kommentar über Gladbeck und die Medien

Nichts als eine Hoffnung

Während des Gladbecker Geiseldramas überschritten Journalisten Grenzen. Heute, im Zeitalter des Smartphones, hat die Sensationsgier breite Teile der Bevölkerung erfasst, schreibt Michael Lambek.
11.08.2018, 06:00
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Nichts als eine Hoffnung
Von Michael Lambek
Nichts als eine Hoffnung

Der Wagen mit den Geiselnehmern wird am 18.08.1988 in Köln von Journalisten umringt.

Hartmut Reeh/dpa

Auch nach 30 Jahren sind die Bilder vom sogenannten Gladbecker Geiseldrama nicht vergessen. Praktisch jeder im entsprechenden Alter hat sie damals gesehen – ausgestrahlt vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen, dessen Reporter die Regeln ihres Jobs vergaßen, sich zum Teil des Verbrechens machten und es als gruselige Fernsehunterhaltung in die deutschen Wohnzimmer schickten.

Gladbeck hat einen festen Platz im kollektiven Gedächtnis. Kaum ein Bremer, der an der Raststätte Grundbergsee vorbeifahren kann, ohne an damals 15-jährigen Emanuele de Giorgi zu denken, der dort erschossen wurde. Kaum ein Polizeibeamter, dem das unfassbare Versagen der Kollegen im August 1988 nicht gegenwärtig wäre, das einen festen Platz in der Ausbildung junger Polizisten hat – und kaum ein Journalist, dem nicht bewusst wäre, wie damals ein ganzer Berufsstand seinen Ethos auf dem Altar der Sensationsberichterstattung geopfert hat.

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Dass sich dies nicht wiederholen könnte, weil wir aus Gladbeck gelernt haben, ist nichts als eine Hoffnung. Zweifel sind mehr als angebracht. Die Konkurrenz um das erste Bild ist in 30 Jahren eher noch härter geworden. Zudem sind diejenigen, die damals Zuschauer waren, heute mit von der Partie. Im Instagram-, Facebook- und Youtube-Zeitalter sieht sich jeder Handyträger als Reporter. Die Berichte über Behinderungen von Rettungspersonal an Unfallorten durch Gaffer, die sich nicht beim Fotografieren stören lassen wollen, sprechen eine eindeutige Sprache. Machen wir uns nichts vor: Die Gesellschaft ist nicht moralischer geworden seit Gladbeck.

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