Hohe Zufriedenheit in alten und neuen Bundesländern / Deutsche Einheit gilt als persönlicher Gewinn

Studie: Ost und West immer ähnlicher

Berlin. Ein knappes Vierteljahrhundert liegt die deutsche Wiedervereinigung nun zurück. Aber sind die Deutschen inzwischen wirklich ein Volk, oder besteht die viel zitierte Mauer in den Köpfen weiter fort? Das Zentrum für Sozialforschung Halle ist dieser Frage im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums mithilfe einer aufwendigen Untersuchung nachgegangen.
19.02.2015, 00:00
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Studie: Ost und West immer ähnlicher
Von Alexander Pitz
Studie: Ost und West immer ähnlicher

Die Ostbeauftragte Iris Gleicke sieht viele positive Entwicklungen.

Michael Reichel, dpa

Ein knappes Vierteljahrhundert liegt die deutsche Wiedervereinigung nun zurück. Aber sind die Deutschen inzwischen wirklich ein Volk, oder besteht die viel zitierte Mauer in den Köpfen weiter fort? Das Zentrum für Sozialforschung Halle ist dieser Frage im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums mithilfe einer aufwendigen Untersuchung nachgegangen. Staatssekretärin Iris Gleicke (SPD), Ostbeauftragte der Regierung, hat gestern bei der Präsentation der Ergebnisse in Berlin ein gemischtes Fazit gezogen: „Deutschland ist vereint, aber noch nicht eins“, sagte die Thüringerin. Zwar gebe es „klare Belege“ dafür, dass Ost und West im Sinne Willy Brandts zusammenwüchsen, aber auch der „zweifelnde Rest“ müsse noch davon überzeugt werden, dass die Einheit ein Gewinn sei.

Glaubt man den Resultaten der 391 Seiten starken Studie, spricht in der Tat vieles dafür, dass die Zahl der Zweifler in den vergangenen Jahren gesunken ist. Die allgemeine Lebenszufriedenheit etwa ist heutzutage sowohl im Westen (83 Prozent) als auch im Osten (76 Prozent) hoch. Auch bei anderen Fragen werden die einst signifikanten Unterschiede zusehends geringer. So ist die Demokratie als beste Staatsform mit Zustimmungswerten von 90 (West) und 82 Prozent (Ost) bundesweit hoch angesehen. Bemerkenswert ist, dass der erkennbare Demokratie-Frust der Ostdeutschen nach der Wende seit Jahren stetig abnimmt und sich der Stimmung im Westen mehr und mehr anpasst. Fragt man konkret danach, ob die Einheit persönliche Vorteile gebracht habe, antworten inzwischen 77 Prozent der Menschen im Osten mit Ja. Die Westdeutschen wollen das nur zu 62 Prozent von sich behaupten, was von den Forschern dennoch als gutes Zeichen interpretiert wird. Es sei schlicht nicht zu erwarten gewesen, dass die Westdeutschen nennenswerte persönliche Vorteile durch die Wiedervereinigung erkennen würden. „Die große Zahl“ deute vielmehr auf eine ebenfalls breit verankerte „Identifikation mit der deutschen Einheit“ hin.

Die Studie förderte allerdings auch Ergebnisse zutage, die der Ostbeauftragten ganz und gar nicht gefallen können: Das Vertrauen in Politiker und Parteien ist in beiden Teilen Deutschlands gleich schlecht. „Das ist schon eine ziemliche Klatsche für uns “, sagte sie zum miesen Image ihres Berufsstandes. Die Politik habe „ein Glaubwürdigkeitsproblem“. Umso wichtiger sei es, die „Akte Aufbau Ost“ nicht zuzuklappen. Probleme dürften nicht durch „Schönfärberei“ überdeckt werden. Sie wolle weiter für gleichwertige Lebensverhältnisse in Ost und West kämpfen. Schließlich gebe es noch allerhand Defizite.

Als Beispiele nannte Gleicke die Wirtschaftskraft, die in den neuen Ländern gerade einmal bei zwei Dritteln des Westniveaus liege. Zudem gebe es immer noch gravierende Lohnunterschiede und ein unterschiedliches Rentenrecht. Das müsse sich endlich ändern. Union und SPD hätten im Koalitionsvertrag eine Angleichung der Ost-Renten auf Westniveau bis 2019 zugesagt: „Wir stehen da im Wort, und sein Wort muss man halten“, so die Staatssekretärin.

Und noch bei einem weiteren Problemthema ergriff die SPD-Politikerin Partei für die Ostdeutschen: Die Tatsache, dass nur 46 Prozent von ihnen die DDR für einen „Unrechtsstaat“ halten, dürfe im Westen nicht falsch verstanden werden. Sie stimme der Interpretation der Forscher zu, dass dies mit der Sorge um eine mögliche Entwertung der eigenen Biografie zu tun habe. „Das nehme ich sehr ernst“, sagte Gleicke. Natürlich sei die DDR ein Unrechtsstaat gewesen. Es müsse jedoch endlich anerkannt werden, dass die große Mehrheit der Menschen im Osten einfach nur versucht habe, für sich und ihre Familien etwas aufzubauen und in der Diktatur „ein anständiges Leben zu führen“. Kleinliche Debatten um abstrakte Begriffe brächten niemanden weiter.

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