Fahrtest: Polestar 2

Einer für die erste Wahl

Dass sie sich in Göteborg auf cooles Design verstehen – das hat Volvo schon oft bewiesen. Bei der Submarke Polestar kommt noch der trendige Elektroantrieb dazu. Vorhang auf für die E-Limousine Polestar 2.
22.05.2021, 06:00
Lesedauer: 7 Min
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Einer für die erste Wahl
Von Oliver Matiszick
Einer für die erste Wahl

Klassische Limousinen finden Sie langweilig? Vorsicht, der Anblick des Polestar 2 könnte ein solches Meinungsbild aufweichen.

Florian Sulzer

Elektroautos gibt es inzwischen viele. Kleine und kompakte, noch mehr große und einige sehr große. Die mittlere Größe wurde dabei bisher ziemlich vernachlässigt, mehr noch die Bauform der klassischen Limousine. Allein das macht den Polestar 2 schon mal ziemlich ungewöhnlich. Lohnt sich das Kennenlernen? Unbedingt. Denn Volvos Submarke punktet mit detailverliebtem Design, bärigem E-Antrieb, erstwagentauglicher Reichweite – und übertreibt es nicht beim Preis.

Wer gegenwärtig in die Zukunft aufbrechen will, der muss erst einmal die Vergangenheit beenden. Die Zukunft der Automobilindustrie soll elektrisch sein, doch auf den Herstellern lastet der 29. Januar 1886, als Carl Benz sein „Fahrzeug mit Gasmotorenbetrieb“ patentieren ließ. Und seither ging es beim Vortrieb von Kraftfahrzeugen irgendwie immer um das Verbrennen fossiler Brennstoffe. Soll das stattdessen durch den Fluss elektrischer Ströme geschehen, braucht es neue Namen, unbelastet vom Abgasgeruch der vier Arbeitstakte klassischer Otto- oder Dieselmotoren. Bei Mercedes firmiert die Zukunft daher unter dem Label EQ, bei Audi heißt sie etron – und bei Volvo Polestar.

Polestar 2

Zukunft trifft Vergangenheit: Der vollelektrische Polestar 2 vor dem Schulschiff Deutschland in Vegesack.

Foto: Florian Sulzer

Die Schweden, seit Jahren bekanntermaßen (und sehr unbeschadet) unter chinesischer Regie unterwegs, sind mit ihrer eigenständigen Submarke dabei einen Schritt weitergegangen als die deutsche Konkurrenz. Polestar ist zwar bereits seit 2012 als Tuner bekannt, der sich so ungehemmt an braven Volvo-Modellen austoben durfte, auf dass zumindest ein Eindruck von Sportlichkeit entstehen sollte. Da das aber weitgehend abseits der öffentlichen Wahrnehmung geschah, konnte der Name für etwas Neues genommen werden. Also baut Polestar – im Gegensatz zur Muttermarke – ausschließlich elektrifizierte Fahrzeuge. Punkt.

Der Hauptkonkurrent des Polestar 2? Natürlich Teslas Model 3

2017 debütierte der sündteure Hybrid Polestar 1 mit ganz unbescheidenen 441  kW/609  PS. Doch der ist eher ein Beweis des Machbaren und bereits auf der Zielgeraden seiner Karriere angelangt. Das Statement der Submarke ist seit Erstauslieferung 2020 der massenkompatible Polestar 2. Vollelektrisch, sonst nichts, soll er mitten ins Herz der Zukunftsgläubigen treffen.

Und ja, es gelingt der Limousine spielend. Im günstigsten Fall und ohne Förderung ist sie in der schwächeren Version (mit 170  kW/231  PS) ab 45.500  Euro teuer. Dass sie es dabei vor allem auf Teslas Model 3 abgesehen hat, ist nicht schwer zu erraten.

Polestar 2

Stämmiger Auftritt: Kurze Überhänge und Räder im 20-Zoll-Format verschaffen der E-Limousine ein knackiges Erscheinungsbild. 

Foto: Florian Sulzer

Auf 4,60 Metern Länge steht der Polestar so stämmig da, dass die gewaltigen 20-Zoll-Räder in den Radhäusern trotzdem noch Spielraum nach oben lassen. Ist das nun ein hochgebockter Viertürer oder eine tiefer gelegte SUV-Limousine mit Kofferraumdeckel? Letztlich egal.

Denn der Polestar 2 ist vor allem erste Wahl – wer ihn nimmt, braucht nicht noch einen Verbrenner als stille Reserve für alle Fälle. Dieses E-Auto lässt sich in allen Lebenslagen nutzen. Die Akkukapazität von 78 kWh sichert der Top-Variante mit zwei E-Motoren nach WLTP-Standard 450 Kilometer Reichweite.

Leistung? Ist mit 300 kW mehr als reichlich vorhanden

Doch das ist alles nur Papierkram. Erfahren lässt sich dagegen: Der Allradler ist nicht weniger als 300 kW stark. Grundgütiger, das entspricht nach alter Währung 408 PS. Ein Dampfhammer also; um die Jahrtausendwende war das die Leistung eines Porsche 911 Turbo. Wirklich weit entfernt davon ist der Polestar 2, eigentlich ein moderner Mittelklässler, nicht. Beim Ausparken im Rückwärtsgang geht es beim Druck auf das Fahrpedal zwar erst einmal so keusch voran, dass sich so etwas wie Enttäuschung einstellt. Kurz jedenfalls, sehr kurz. Denn nachdem der Vorwärtsgang eingelegt ist, lassen die beiden E-Motoren 660 Newtonmeter Drehmoment hemmungslos auf alle vier Räder los. Da geht die Polestar-Post ab.

Wer will, kommt aus dem Stand in unter fünf Sekunden über die Marke von 100 km/h hinaus. Das geht theoretisch so weiter bis zu einem Spitzentempo von 205 km/h. Kuriose Randnotiz: Die Verbrennergeschwister von Volvo dürfen seit etwas mehr als einem Jahr nur noch maximal 180 km/h schnell sein. Wegen der Vernunft. Während der vernünftige Stromer sie mal locker auf der Autobahn überholt. Oder es zumindest könnte.

Polestar 2

Inzwischen ein Stück Göteborger Technikfolklore: LED-Scheinwerfer mit dem „Thors Hammer“ genannten Tagfahrlicht tragen Polestar-Modelle ebenso wie ihre Volvo-Geschwister.

Foto: Florian Sulzer

Insgesamt gilt: Wer jemals in einem Volvo neueren Baujahrs saß, kommt mit dem Polestar 2 problemlos klar. Die Bedienung? Kinderleicht. Nicht einmal mehr einen Startknopf braucht es. Auto entriegeln, reinsetzen, Bremspedal treten, Fahrstufe wählen – und los geht's.

Anders als bei Volvo mit seinem integrierten Touchpad steht der tabletartige Zentralmonitor tatsächlich vor dem Fahrer im Raum. Und die Menüstruktur ist deutlich reduziert. Ein paar – unkompliziert aufzufindende – Einstellungen vor dem Start reichen. Die Rekuperationsleistung auf die stärkste Stufe switchen – dann verzögert der Polestar 2 mit maximal 100 kW Leistung, was dem bei E-Autos beliebten One-Pedal-Betrieb entspricht. Bei vorausschauender Fahrweise wird das Bremspedal dann nur noch in Ausnahmefällen benötigt. Unbedingt ebenfalls anwählen: das feste Lenkgefühl. Alles andere würde zu diesem Auto und seinem Leistungsvermögen nicht passen.

Polestar 2

Detailverliebt: Die auffällige Farbe der Bremssättel und Ventilkappen nehmen im Innenraum auch die Sicherheitsgurte auf. 

Foto: Florian Sulzer

Und dann rollt dieser Kraftprotz. Was nun noch zu tun bleibt: Über den integrierten Musikstreamingdienst Spotify die Lieblingstitel auswählen. Oder das Ziel per Navigation. Die greift dabei auf Google-Dienste zurück – und das funktioniert bestens. Als Extraservice zeigt das System an, wie hoch der Akkustand des Polestar 2 am geplanten Ziel sein wird. Oder ob auf dem Weg dorthin noch Strom geladen werden sollte – und wenn ja, wo.

Und da wären wir schnurstracks an dem Punkt angelangt, an dem sich die Elektrospreu vom -weizen trennt. Weil Stromer eben nicht nur viel geben, sondern vor allem auch nehmen. Letzteres an der Ladesäule. Der Polestar 2 zählt in dieser Disziplin zur Kategorie Weizen.

350 Kilometer Reichweite sind immer drin – und mehr

Laut Prüfstand soll er sich pro 100 Kilometer knapp unter 20  kWh/100 Kilometer aus dem Akku gönnen. Bei gemütlicher Überlandfahrt lässt sich das fast erreichen, wir kamen dabei auf 21 kWh/100 Kilometer. Wer die Sache realistisch angeht, sollte mit einem Durchschnittskonsum von 24 bis 25 kWh pro 100 Kilometer Strecke planen. Das heißt: Um die 350 Kilometer Reichweite sind immer drin.

Polestar 2

Annäherung an den Innenraum – der ist angenehm reduziert eingerichtet. Ach ja, die verwendeten Materialien sind, darauf weist der Hersteller gerne hin, vegan. Glück gehabt.

Foto: Florian Sulzer

Dass die sich an einer entsprechend starken (aber auch entsprechend teuren) Ladesäule fix wieder nachladen lassen, ist nicht von Nachteil. Per CCS-Stecker reichten uns bei nahezu leer gefahrenem Speicher 45 Minuten Standzeit, um auf 87  Prozent Ladestand und 390 Kilometer Reichweite zu kommen. Was man in der Wartezeit macht? Man könnte sich zum Beispiel am Wohlfühlaroma des Polestar 2 erfreuen. Dass die Innenausstattung im dunklen Farbton Charcoal durch das verwendete lederfreie Material laut Herstellerhinweis vegan ist – wie beruhigend.

Polestar 2

Für den Fall, dass man mal vergisst, worin man gerade unterwegs ist: Im Wählhebel leuchtet das Polestar-Logo.

Foto: Florian Sulzer

Beeindruckender fanden wir da die Verarbeitungsqualität, die mindestens so hoch ist wie das Bemühen, dem eher unbekannten Polestar-Logo eine Art optischer Omnipräsenz zu verschaffen. Leuchtend macht es sowohl im Wählhebel wie auch nächtens an der vorderen Kante des gläsernen Panoramadachs auf sich aufmerksam. Das finden Sie übertrieben? Dann nehmen Sie erst einmal die gelben Sicherheitsgurte. Deren Farbton nehmen außen die Reifenventile und Sättel der Brembo-Bremsanlage auf. Eine Spielerei? Gewiss. Aber eine mit Konzept dahinter.

Das beschränkt sich längst nicht nur auf hübschen Schnickschnack. Vom Sinn fürs Praktische zeugt links hinten im Kofferraum die Taste für die schwenkbare Anhängerkupplung. Denn der Polestar 2 zählt zu den wenigen E-Autos, die ab Werk mit einem Zughaken bestellbar sind. An schwere Anhängelasten wie einen Caravan wollen wir dabei aber lieber nicht denken. Wohl aber an den Fahrradträger für stromernde Tagesausflüge in die Region.

Polestar 2

Sinn fürs Praktische? Sozusagen abgehakt. Denn der Polestar 2 lässt sich, bei E-Autos durchaus nicht selbstverständlich, ab Werk mit Anhängerkupplung ordern.     

Foto: Florian Sulzer

Dass der hintere Kofferraum (unter der Haube vorne gibt es im sogenannten Frunk noch ein kleineres Staufach, in dem vor allem die Ladekabel gut aufgehoben sind) mit seinen 405  Litern Volumen absolut alltagstauglich ist, macht die Sache nicht schlechter. Kleine Einschränkung: Der Heckdeckel hat keine Taste zum Öffnen, sondern klappt nur per Knopfdruck im Innenraum, Fernbedienungsbefehl oder dem sensorgesteuerten Fußschwenk unter der Stoßstange in die Höhe. Aber das ist am Ende Gewöhnungssache.

Und auch, wenn sich der Polestar 2 mitunter bockig zeigte und das Laden per Typ-2-Stecker beharrlich verweigerte: Noch nie haben wir uns auf Anhieb in und mit einem E-Auto so wohl gefühlt. Eine Kaufempfehlung? Daumen hoch. Zumal der Preis eingedenk der Förderung fair erscheint. Ein anderes Auto vergleichbarer Qualität mit 300  kW Leistung und Allradantrieb zu 51.500 Euro Grundpreis fällt uns spontan jedenfalls nicht ein.

Wenn das die Zukunft ist: Dann müssen wir sie nicht fürchten.

Info

Modell: Polestar 2 (Dual Motor)

Motor: 2x E-Motoren (Vorder-/Hinterachse)

Leistung: 300 kW/408 PS

Drehmoment: 660 Nm

Höchstgeschwindigkeit: 205 km/h

Beschleunigung (0–100km/h): 4,7 s

Batteriekapazität: 78 kWh

Verbrauch (ø nach WLTP): 19,3 kWh/100 km

Reichweite (nach WLTP): 450 km

Kofferraumvolumen: 405 Liter

Testwagenpreis (2020): 64.900 Euro

Basispreis (2021): 51.500 Euro

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