Mit großem Aufwand restaurieren die Mitarbeiter in der Berliner Werkstatt die Unterlagen der einstigen Geheimpolizei Das Stasi-Puzzle

Berlin. Vorsichtig streicht die Restauratorin mit einem Pinsel eine Flüssigkeit auf die Karteikarte. Drumherum kommen mehrere Lagen dünner Blätter, sogenanntes Japanpapier.
20.09.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Thomas Kröter

Berlin. Vorsichtig streicht die Restauratorin mit einem Pinsel eine Flüssigkeit auf die Karteikarte. Drumherum kommen mehrere Lagen dünner Blätter, sogenanntes Japanpapier. Es ist noch zu erkennen, dass die Karte mal in vier Teile gerissen wurde. Anschließend legt sie das Papier zwischen zwei Holzplättchen und steckt diese in eine Presse. So wird einerseits die Schrift fixiert und außerdem das Papier stabilisiert. In den unscheinbaren Büroräumen der Berliner Restaurierungswerkstatt der Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR (BSTU) wird Vergangenheit aufgearbeitet. Die Behörde bewahrt in ihren Archiven die Unterlagen der einstigen Geheimpolizei auf – Privatpersonen, Institutionen und Medien können sie sich anschauen.

Damit das möglich ist, bereiten die Restauratoren beschädigte Papiere, Karteikarten und Pläne wieder auf, konservieren und schützen sie vor dem Verfall. „Wir arbeiten nicht für die Vitrine“, sagt Vilja Schumacher. Die gelernte Buchbinderin war seit 1993 für die Behörde tätig und hat die Werkstatt mit aufgebaut. Seit diesem Jahr ist die 64-Jährige in Rente und führt nur noch Interessierte durch die Räume in der ehemaligen Stasi-Zentrale in der Ruschestraße. In den Archiven arbeiten in diesem Bereich rund 100 Mitarbeiter, insgesamt beschäftigt die Behörde etwa 1000 Menschen.

Das Beste für den Erhalt der Papiere wäre „Licht aus und Tür zu“, scherzt Schumacher. Doch das geht natürlich nicht, denn nach den gesetzlichen Vorschriften des Stasi-Unterlagen-Gesetzes ist die Behörde nicht nur zur Bestandhaltung verpflichtet, sondern muss der Öffentlichkeit den Zugang zu den Dokumenten ermöglichen. Und das Interesse ist groß, 2015 hatten rund 62 500 Bürger einen Antrag gestellt, mehr als 13 000 Anträge kamen von den Medien und der Forschung.

„Die Beschädigungen der Papiere sind sehr unterschiedlich“, erklärt Schumacher. Einige sind nur leicht geknickt, andere sind in 16 Teile zerrissen worden. Manche haben Wasserschäden, andere Brandflecken, sagt Schumacher und zeigt auf unterschiedliche Blätter auf einem Tisch. In der Wendezeit sei versucht worden, viele der Akten zu vernichten. Doch an vielen Unterlagen nagt einfach der Zahn der Zeit. Die Papiere vergilben, zerfallen, weil sie übersäuert sind, Klebstoff und Leimung setzen ihnen zusätzlich zu.

„Dieser Aktenordner kann wieder genutzt werden“, sagt Schumacher und hält einen Hefter in die Höhe. Die Außenkanten sind auf gleiche Höhe gebracht worden. Einen Tisch weiter beschweren kleine Sandsäcke eine Bauzeichnung. „So kommen die teilweise zu uns“, berichtet Schumacher und meint zusammengeknülltes Papier, das in einer Tüte steckt. „Erst mal glätten wir es, und bearbeiten die Risse“. Das BSTU verfügt über elf Kilometer Schriftgut, vieles davon ist noch unsortiert. Dazu gehören 39 Millionen einzelne Karteikarten und 15 500 Behältnisse mit zerstörtem Schriftgut – denen nehmen sich dann die Restauratoren an.

Falls Papiere von Schimmel befallen sind, werden sie in einer sogenannten Reinraum-Werkstatt bearbeitet. Hier messen die Mitarbeiter die Keime und tragen den Schimmel ab. Erst 1998 bekamen die Restauratoren spezielle Räume, große Werktische und ein Labor. Ein brüchiger, fleckiger Haufen Blätter, der sich von der Feuchtigkeit wellt, liegt in dem geschlossenen Arbeitsplatz, daneben das Werkzeug: Mit Handschuhen, Schwamm und Pinsel sollen sie wieder brauchbar gemacht werden. Schumacher zeigt ein Ergebnis, das vorher ähnlich aussah. Erstaunlich, was die Restauratoren herausholen können.

In dem angrenzenden Labor stehen große Maschinen, eine von ihnen saugt Leimrückstände aus den Fasern. „Mal sind wir sehr erfolgreich, mal dauert es ewig“, sagt Schumacher, und meint nicht nur die Arbeit an dieser Maschine. Aber ihr gefiel ihre Arbeit. „Es wird nie langweilig.“ In den Anfangsjahren habe sie auch mal in den Akten gelesen – einige Schicksale hätten sie sehr bewegt. Die Mitarbeiter unterliegen einer Schweigepflicht. „Bei anderen Akten habe ich gedacht, mein Gott, für was die sich interessiert haben.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+