Interview mit Faktencheckerin

"Falschmeldungen sind ein Massenphänomen"

Seit der Corona-Krise haben Verschwörungsmythen Hochkonjunktur. Im Interview spricht Faktencheckerin Alice Echtermann über ihren Einsatz gegen Falschmeldungen und die Verantwortung der Online-Plattformen.
22.06.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Nico Schnurr
"Falschmeldungen sind ein Massenphänomen"

Mit der Corona-Krise sind Falschmeldungen zum Massenphänomen geworden, meint Alice Echtermann.

IVO MAYR/CORRECTIV

Frau Echtermann, seit einem Jahr prüfen Sie Falschnachrichten als Faktencheckerin bei Correctiv. Was hat sich mit Corona geändert?

Alice Echtermann: Vor Corona kursierten Falschbehauptungen in bestimmten Kreisen an bestimmten Orten im Internet, die meisten Menschen haben davon wenig mitbekommen. Mit Corona hat sich das geändert. Falschmeldungen sind nun mehr denn je ein Massenphänomen.

Wie ist das passiert?

Die Aufmerksamkeit hat sich auf ein Thema konzentriert, alle haben nur noch über die Pandemie gesprochen. Das hat dazu geführt, dass Falschmeldungen zu diesem Thema auch in Gesellschaftskreise vorgedrungen sind, die vorher nicht anfällig dafür gewesen sind.

Bieten sich medizinische Themen besonders für Falschmeldungen an?

Gesundheitsthemen betreffen grundsätzlich alle, keiner ist gerne krank. Falschmeldungen finden Abnehmer, wo die Unsicherheit groß ist. Für Laien ist es oft schwer, die medizinischen Details zum Coronavirus nachzuprüfen. Wer in den ersten Tagen der Pandemie auf Whatsapp eine Sprachnachricht bekommen hat, in der es hieß, man solle kein Ibuprofen nehmen, weil es die Krankheit verschlimmert, wird sich vielleicht auch gefragt haben: Wie soll ich nun herausfinden, ob das wirklich stimmt?

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Eine Falschinformation, wie sich zeigte.

Die Quelle, von der die Information stammen sollte – die Medizinische Universität Wien – war ausgedacht. Es gibt dazu bisher keine Untersuchungen, die Behauptung selbst war unbelegt.

Deswegen machen Sie Faktenchecks.

Wir gehen Behauptungen nach, die sich prüfen lassen. Dafür nutzen wir offizielle Quellen und Statistiken.

Geht das immer: sagen, was stimmt und was nicht?

Nein, deswegen untersuchen wir nur Tatsachenbehauptungen. Meinungen und Zukunftsprognosen sind nicht das Ziel unserer Faktenchecks. Auch Verschwörungsmythen können wir nicht prüfen, sie sind immer unbelegt.

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Den Verschwörungsmythos, dass Bill Gates das weltweite Gesundheitssystem kontrolliert und allen Regierungen sagt, was sie zu tun haben, kann man nicht überprüfen. Dazu fehlt die Faktengrundlage. Wenn aber jemand behauptet, Gates würde mit seiner Stiftung 80 Prozent der Weltgesundheitsorganisation WHO finanzieren, lässt sich das mit etwas Recherche widerlegen. Richtig ist, dass sich die Gates-Stiftung zu etwas mehr als elf Prozent an den Spenden an die WHO beteiligt und damit die zweitgrößte Spenderin nach den USA ist.

Alice Echtermann überprüft als Faktencheckerin Nachrichten auf ihre Richtigkeit.

Alice Echtermann überprüft als Faktencheckerin Nachrichten auf ihre Richtigkeit.

Foto: scxasc

Wie erfahren Sie von solchen Falschmeldungen?

Anfang März haben wir so viele Mails bekommen, dass uns klar geworden ist: Hier passiert gerade etwas Ungewöhnliches. Plötzlich erreichten diese Thesen nicht mehr nur einen kleinen Kreis, sondern eine wirkliche Masse von Menschen. Das ist vor allem über Whatsapp passiert. In der Corona-Krise ist Whats-
app zum wichtigsten Verstärker von Falschinformationen geworden.

Wie kommt das?

Extrem viele Deutsche nutzen Whatsapp. Auf der Plattform haben sich Sprachnachrichten, Kettenbriefe und Links in privaten Gruppen ziemlich schnell verbreitet. Die Falschinformationen werden vor allem zwischen Freunden, Verwandten oder Bekannten ausgetauscht. Wenn Desinformation im privaten Umfeld stattfindet, ist das besonders gefährlich, weil man diesen Menschen ja eigentlich vertraut. Da wir keinen Einblick in diese privaten Whatsapp-Gruppen haben, in denen Falschmeldungen geteilt werden, sind wir auf unsere Leserinnen und Leser angewiesen.

Sie haben einen sogenannten Crowd-Newsroom eingerichtet.

Das ist eine Online-Plattform, auf der uns die Leute einen Link senden können, wenn sie wollen, dass wir die Fakten überprüfen. Es geht uns nicht darum, jemanden zu denunzieren. Wir wollen Leuten, die mit Falschmeldungen konfrontiert sind, eine Argumentationsgrundlage liefern.

Welche Links werden Ihnen geschickt?

Seit der Pandemie werden uns sehr viele Youtube-Videos gemeldet. Das macht unseren Job nicht unbedingt einfacher.

Oft sind diese Videos eine Stunde oder länger.

Für Faktenchecks ist das ein großes Problem. Ein Video, das eine Stunde dauert, kann Hunderte Behauptungen enthalten. Jede davon zu prüfen, würde den Rahmen sprengen. Wir müssen Prioritäten setzen. Das heißt eben auch, dass wir Meinungen und Mythen in solchen Videos nicht widerlegen, weil sie sich nicht checken lassen.

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In diesen Videos treten häufig Ärzte oder Professoren auf.

Das macht es für viele zusätzlich verwirrend. Ein Doktortitel erweckt erst mal Glaubwürdigkeit. Tatsächlich werden aber sehr oft Spekulationen als Fakten verkauft. Natürlich ist Kritik an den Maßnahmen gegen die Pandemie legitim. Aber diese vermeintlichen Experten argumentieren oft auf der Basis von Daten, die ihre Schlüsse – etwa, dass der Lockdown unwirksam war – nicht belegen.

Wie sollte man sich verhalten, wenn man ein solches Video auf Whatsapp geschickt bekommt?

Man sollte den Absender nicht sofort kritisieren, sondern erst mal nachhaken, ob er die Quelle kennt und die Behauptung beweisen kann. Man kann höflich fragen, ob es der Person nicht auch merkwürdig vorkommt, dass in dem Video sehr einfache Antworten auf komplizierte Fragen gegeben werden, vorgetragen in einem empörten Ton. Man kann auch online schauen, ob es einen Faktencheck zu dem Thema gibt. Für solche Fälle machen wir das ja.

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Es reicht, den Link zum Faktencheck zu verschicken?

Das setzt voraus, dass sich die Person mit den Einwänden auseinandersetzen will. Wenn jemand wirklich einem Verschwörungsglauben aufsitzt, wird ihn davon wahrscheinlich so schnell nichts abbringen. Grundsätzlich ist es ratsam, den Faktencheck selbst zu lesen und zum Link vielleicht noch eine kleine Zusammenfassung mitzuliefern. Wenn das überzeugend ist, leitet die Person den Faktencheck vielleicht an andere Bekannte weiter.

Müssten die Plattformen nicht selbst viel mehr Verantwortung übernehmen?

Vor allem von Youtube müsste noch mehr kommen. Die Plattform löscht zwar Inhalte, die sie als gefährlich einstuft, aber Faktenchecks nutzt sie nicht.

Das ist bei Facebook inzwischen anders.

Facebook arbeitet mit uns von Correctiv und weltweit mit vielen anderen Faktencheckteams zusammen. Wenn wir ein Thema geprüft haben, verknüpft Facebook die Beiträge, die zu dem Thema geteilt werden, mit unserem Faktencheck. Die Beiträge, die Falschmeldungen enthalten, können weiter geteilt werden. Doch weil sie mit einem Warnhinweis und unserem Faktencheck versehen werden, nimmt die Verbreitung ab. Da lässt sich der Erfolg unserer Arbeit wirklich messen. Das ist selten. Oft ist es auch ein Kampf gegen Windmühlen.

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Strengt das nicht an: eine Behauptung widerlegt, schon kursiert die nächste?

Wenn uns das frustrieren würde, könnten wir kaum weitermachen. Wir sind es gewöhnt, dass bestimmte Falschinformationen immer wieder auftauchen, obwohl sie widerlegt wurden. Wir fragen uns auch, wie das passieren kann, aber das ist einfach so. Das gehört zu unserem Arbeitsalltag.

Gilt das auch für den Hass, der Ihnen teils in Kommentaren entgegenschlägt?

Mit der gesteigerten Aufmerksamkeit hat seit der Corona-Krise auch der Hass in Mails und Kommentaren zugenommen. Ich versuche, das nicht persönlich zu nehmen. Man macht diese Leute nur wichtiger als sie sind, wenn man sich von ihnen verunsichern lässt. Wenn ich beleidigt werde, gehe ich nicht darauf ein. Ich lasse das an mir abprallen.

Das Gespräch führte Nico Schnurr.

Info

Zur Person

Alice Echtermann

hat beim WESER-KURIER volontiert. Später arbeitete sie als Onlineredakteurin. Seit einem Jahr prüft sie als Fakten-
checkerin für Correctiv Nachrichten im Netz auf ihre Richtigkeit.

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