Kommentar zur Zukunft des Fernsehens

Fernsehen ist aus der Zeit gefallen

Die Zeit von linearem Fernsehen scheint immer mehr vor dem Ende zu stehen und die öffentlich-rechtlichen Sender unterstützen diesen Vorgang - mehr oder weniger ungewollt und skurril, meint Marcel Auermann.
13.10.2017, 22:54
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Fernsehen ist aus der Zeit gefallen
Von Marcel Auermann

Ohne Frage, es waren feine Zeiten, als sich die Familie pünktlich am Sonnabend um 20.15 Uhr ganz gespannt auf der Couch versammelte, um „Wetten, dass..?“ zu schauen. Oder die ersten Folgen einer wöchentlichen Dauerserie namens „Lindenstraße“ über die Mattscheibe flimmerten. Immer sonntags. Immer um 18.40 Uhr.

Inzwischen undenkbar all das. Die Zuschauerzahlen zeigen es. „Wetten, dass..?“ schalteten in der Anfangszeit mit Frank Elstner etwa am 9. Februar 1985 satte 23,5 Millionen Zuschauer ein. Das war Rekord. Als Markus Lanz die Stars aus aller Welt empfing, sackte die Quote wie am 8. November 2014 auf 5,5 Millionen ab. Inzwischen ist das ZDF-Flaggschiff Geschichte. Ähnlich traurig ist das Bild bei der „Lindenstraße“. Von einst fast 15 Millionen Fans sind nur noch knapp drei Millionen übrig geblieben.

Sein eigener Programmchef

Nur zwei Beispiele, die das Ende des linearen Fernsehens verdeutlichen. Unser Alltag, vor allem unser Lebensrhythmus hat sich verändert. Wir können – und vor allem wollen – nicht mehr zu bestimmten Zeiten zu Hause sein, um einem starr, bisweilen stumpf entwickelten Einheitsprogramm zu folgen. Fernsehen stellt im Gegensatz zu den 1980er- und 1990er-Jahren kein Ritual mehr dar. Es ist nur noch die Bequemlichkeit, weshalb sich viele vor die Glotze pflanzen. Was gesendet wird, genügt vielen schon lange nicht mehr. Wie denn auch? Die individuellen Ansprüche sind groß, weil es für jeden Geschmack etwas gibt. Aber eben nicht bei ARD, ZDF, RTL, Sat.1 und Co., sondern im Internet.

Neun von zehn Deutschen gehen einer Studie zufolge mittlerweile regelmäßig oder gelegentlich ins World Wide Web. Kein Wunder, dass kostenpflichtige Video-Streamingdienste wie Netflix und Amazone Prime ihre Reichweite im Vergleich zum Vorjahr von zwölf auf 23 Prozent fast verdoppelten. Dort wird jeder zu seinem eigenen Programmchef. Das hat unter anderem auch den Vorteil, dass der Zuschauer nach dem Ende einer Folge der Lieblingsserie nicht bis zum nächsten Tag oder zur nächsten Woche warten muss, sondern so viele Folgen wie gewünscht verschlingen kann. Das Ganze ist sogar schon so sehr in Mode gekommen, dass dafür der Begriff „Binge Watching“ (Komaglotzen) entstand. „House Of Cards“, „Orange Is The New Black“, „The Crown“ und „Lucifer“ sind nur einige Formate, die eine riesige Anhängerschaft besitzen und mehrfach mit Preisen ausgezeichnet wurden.

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ARD und ZDF sind behäbig

Wer also denkt, es fehle das Massengefühl, man käme nicht mehr mit Kollegen über ein bestimmtes Unterhaltungserlebnis ins Gespräch, liegt völlig falsch. Allein Netflix hatte nach eigenen Angaben zuletzt mehr als 104 Millionen Nutzer in mehr als 190 Ländern.

Diese Entwicklung führt unweigerlich zur Frage der Existenzberechtigung der Haushaltsabgabe. Wie gerechtfertigt kann diese überhaupt noch sein, wenn ein Großteil des Publikums selten bis gar nicht mehr das klassische Fernsehen einschaltet?

Vor allem die jüngeren Konsumenten das Angebot von ARD und ZDF als behäbig, immer gleich, gar überflüssig empfinden? Bei einer monatlichen Zwangsabgabe von 17,50 Euro macht das satte acht Milliarden Euro, die die Öffentlich-Rechtlichen jährlich in ihren Kassen vorfinden. Am Ende kommt lediglich eine unbefriedigende, eintönige, einfallslose Quiz-Krimi-Rote-Rosen-Rosamunde-Pilcher-Mixtur heraus. Neues? Frisches? Fehlanzeige oder halbgar und rotzfrech von den Privaten abgekupfert, weil die Programmdirektoren Trends hinterherhecheln, statt sie selbst zu setzen.

Danke, für die Gebühr

Am vergangenen Freitag nun hätte es eine der wenigen Möglichkeiten gegeben, sich zu profilieren. Die seit Wochen fast bis zur Ohnmacht gehypte Serie „Babylon Berlin“ lief an. Beim Bezahlsender Sky. Obwohl den Löwenanteil der 40 Millionen Euro an Produktionskosten die ARD trägt. Aus unerklärlichen Gründen ließ sich das Erste dazu bequatschen, die Zweitverwertung erst Ende des kommenden Jahres ins Programm zu heben.

Man ist geneigt, zu sagen: Danke auch, dass zu meiner Rundfunkgebühr nun auch noch der Preis fürs Sky-Programm kommt, weil mir sonst der Genuss der Premiere verwehrt bleibt. Wozu also - bitteschön - diese verordnete Gebühr, wenn es für den Zuschauer inzwischen viel erträglicher ist, sich Netflix, Amazon Prime, Sky etc. zu abonnieren, weil diese Dienste das bieten, was sich das Publikum im Jahr 2017 wirklich wünscht? Das öffentlich-rechtliche System gerät in einen immer größeren Rechtfertigungsdruck. Und das völlig zu Recht!

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