Drogenkonsum Cannabis gefährdet die Psyche

Je stärker das Cannabis, desto höher die Gefahr einer Psychose. Forscher haben analysiert, dass besonders dort viele Psychosen diagnostiziert werden, wo das konsumierte Cannabis stark ist.
15.04.2019, 21:47
Lesedauer: 6 Min
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Von Annett Stein

Es ist ein Zusammenhang, der Sorgen schürt: Je stärker das in einer Stadt kursierende Cannabis ist, desto häufiger werden dort Psychosen diagnostiziert. Darauf verweisen Forscher nach der Analyse von Daten aus elf europäischen Städten. Am deutlichsten zeige sich der Effekt in London und Amsterdam, in Städten also, in denen Cannabis mit hohem Gehalt an psychoaktivem Tetrahydrocannabinol (THC) breit verfügbar sei, berichten die Wissenschaftler im Fachmagazin „Lancet Psychiatry“. In Amsterdam lassen sich demnach geschätzt die Hälfte aller neu diagnostizierten Psychosen auf den täglichen Konsum von starkem Cannabis zurückführen, in London etwa ein Drittel. Als stark wurde von den Forschern Cannabis mit einem Gehalt von mehr als zehn Prozent THC eingestuft.

Kausalität fraglich

Die Studie gebe allen Anlass, die Aufklärung über das Psychose-Risiko zu intensivieren, sagt Rainer Thomasius. Er ist der Ärztliche Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) in Hamburg. „Die Studie ist ein weiterer Beleg dafür, dass eine Legalisierung von Cannabis in gesundheitspolitischer Hinsicht verheerende Folgen hat“, findet Thomasius.

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In einem Kommentar, der in der Zeitschrift „Lancet Psychiatry“ erschienen ist, gibt Suzanne Gage von der University of Liverpool zu bedenken, dass die Studie eine Korrelation zeige, aber nicht unbedingt eine Kausalität: Es gibt zwar einen statistischen Zusammenhang zwischen dem Cannabis-Konsum in einer Stadt und einer höheren Zahl von Psychosen – ob diese aber tatsächlich auf die Verwendung der Droge oder aber andere, noch unbekannte Faktoren zurückzuführen ist, bleibe letztlich unklar.

Dass einige Menschen infolge von täglichem Cannabis-Konsum mit hohem THC-Gehalt ein höheres Risiko für Psychosen entwickeln, hätten Analysen allerdings schon mehrfach gezeigt, führt Gage weiter aus. Vor dem Hintergrund, dass der Konsum derzeit zunehmend legalisiert oder zumindest toleriert werde und die Zahl von Konsumenten daher wahrscheinlich steige, sei es wichtig zu klären, welche Menschen ein höheres Risiko haben.

In die Studie einbezogen wurden neben London und Amsterdam auch Cambridge in Großbritannien, Gouda und Voorhout in den Niederlanden, Paris und Puy de Dôme in Frankreich, Madrid und Barcelona in Spanien sowie Bologna und Palermo in Italien. Deutsche Städte wurden nicht berücksichtigt. Die Ergebnisse der Studie seien aber auf Deutschland übertragbar, sagt der Hamburger Experte Rainer Thomasius, der selbst nicht an der Analyse beteiligt war. Laut Drogen- und Suchtbericht des Jahres 2018 liege der THC-Gehalt hierzulande im Mittel für Haschisch bei fast 15 Prozent und für Blütenstände der Hanfpflanze bei gut 13 Prozent.

Das Team um Marta Di Forti vom King's College London erarbeitete zunächst eine Schätzung der Häufigkeit von Psychosen in den jeweiligen Städten. Dafür wurden die von regionalen Gesundheitsbehörden erfassten Fälle erstdiagnostizierter Psychosen zwischen 2010 und 2015 berücksichtigt. Für 901 Patienten zwischen 18 und 64 Jahren mit einer ersten Psychose-Episode schlossen sie über einen Vergleich mit einer gesunden, für die Stadt repräsentativen Kontrollgruppe auf Risikofaktoren dafür. Erfasst wurden dabei unter anderem Angaben zum Konsum von Cannabis und anderen Drogen.

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Fast 30 Prozent der Menschen mit diagnostizierter Psychose gaben an, täglich Cannabis konsumiert zu haben, in der Kontrollgruppe waren es knapp sieben Prozent. Von den Konsumenten mit Psychose gaben weitaus mehr, nämlich 37 Prozent der Nutzer an, starkes Cannabis zu verwenden als in der Kontrollgruppe, in der es nur 19 Prozent waren.

Im Mittel der elf europäischen Städte ergab sich ein geschätzt dreimal so hohes Risiko für eine Psychose bei Menschen mit täglichem Cannabiskonsum, bei Verwendung von Produkten mit hohem THC-Gehalt sogar ein bis zu fünfmal höheres verglichen mit Menschen, die nie Cannabis konsumierten. Einer von fünf Psychose-Fällen sei im Mittel auf täglichen Cannabiskonsum zurückzuführen, so die Schätzung der Forscher.

Wirkstoffgehalt verdoppelt

Der THC-Gehalt liege in niederländischen Sorten wie Nederwiet bei bis zu 22 Prozent, bei Nederhasj sogar bei bis zu 67 Prozent, erläutert das Team. In London dominiert demnach Cannabis mit einem mittleren THC-Gehalt von 14 Prozent gut 90 Prozent des Marktes. In Ländern wie Italien, Frankreich und Spanien hingegen würden vor allem Cannabis-Sorten mit einem THC-Gehalt von weniger als zehn Prozent konsumiert.

Gäbe es kein Cannabis mit hohem THC-Gehalt mehr, würden der Hochrechnung zufolge die Psychose-Raten in Amsterdam von fast 38 auf knapp 19 Fälle je 100 000 Einwohner jährlich fallen, in London von fast 46 auf knapp 32 Fälle. Einschränkend geben die Forscher zu bedenken, dass die Werte zum Cannabis-Konsum auf den Angaben der Probanden, nicht auf Urin-, Blut- oder Haaranalysen beruhten. Zudem sei nur der THC-Gehalt, nicht der Gehalt an Cannabidiol (CBD) berücksichtigt worden. CBD gilt als kaum psychoaktiv.

Anders als früher enthalten heutige Züchtungen oft deutlich höhere Mengen des berauschenden Wirkstoffs THC. Eine Ende Dezember veröffentlichte Studie zu Daten aus der Europäischen Union, Norwegen und der Türkei kam zu dem Schluss, dass sich der durchschnittliche THC-Gehalt bei Marihuana und Haschisch von 2006 bis 2016 ungefähr verdoppelt hat. Konsumenten rauchen aber häufig eine ähnliche Menge Cannabis wie zuvor – und nehmen so weitaus mehr THC auf als ein Nutzer einst.

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Experten warnen schon seit Längerem davor, die Risiken des Cannabiskonsums zu unterschätzen. Jugendliche, die vor dem 15. oder 16. Lebensjahr mit dem Kiffen anfangen, könnten demnach ein deutlich höheres Psychose-Risiko entwickeln. Hintergrund sei, dass der Stoffwechsel im Gehirn durch die Drogen durcheinander gerate. Wer als Jugendlicher ans Kiffen gewöhnt sei, lerne zudem oft nicht, mit unangenehmen Gefühlen umzugehen und Konflikte zu bewältigen. Die einzige erlernte Möglichkeit, um die eigene Stimmung zu regulieren und belastende Emotionen abzuschwächen, sei das Kiffen. Aber auch Stress, Konflikte und die genetische Veranlagung spielten beim Entstehen von Psychosen eine Rolle.

„Die vorliegende Studie konzentriert sich auf die Inzidenz von Psychosen“, erklärte Ursula Havemann-Reinecke von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Göttingen. Interessant wären auch Daten zu anderen psychischen Problemen wie Angst- und depressiven Störungen. Die Analyse zeige wie viele andere Studien jedenfalls deutlich, dass Cannabis keine harmlose Substanz ist, so die nicht an der Untersuchung beteiligte Expertin. „Cannabis sollte nicht so einfach legalisiert und von der Wirtschaft reguliert werden."

Schon das Ausprobieren kann Auswirkungen haben

Eine kürzlich im „Journal of Neuroscience“ veröffentlichte Studie hatte ergeben, dass schon das Ausprobieren von Haschisch oder Marihuana Auswirkungen auf das Gehirn von Teenagern haben könnte. „Schon ein oder zwei Joints scheinen in den jungen Heranwachsenden das Volumen der Grauen Substanz zu ändern“, hatte Studienleiter Hugh Garavan von der US-amerikanischen Universität Vermont erklärt. Negative Auswirkungen seien vorstellbar – so hätten betroffene Probanden unter anderem bei einem Geschicklichkeitsspiel schlechter abgeschnitten als Versuchspersonen, die noch nie Cannabis konsumiert haben. Auch hier blieb die Frage nach einem kausalen Zusammenhang aber unklar.

Laut dem Jahresbericht der Deutschen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht haben knapp neun Prozent der Zwölf- bis 17-Jährigen mindestens einmal in ihrem Leben Cannabis konsumiert. Die Forscher um Garavan plädierten dafür, die Auswirkungen von frühem Cannabis-Konsum eingehend in großangelegten Studien zu untersuchen, um die Risiken besser einschätzen zu können.

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Rechtslage in Deutschland

Der Besitz von Marihuana ist in Deutschland illegal. Strafrechtlich belangt werden Erwachsene in der Regel aber nur, wenn sie mehr als „geringe Mengen“ mit sich führen. Dass es eine solche Toleranzgrenze gibt, hat das Bundes­ver­fas­sungs­ge­richt 1994 im sogenannten Cannabis-Beschluss entschieden.

Wie hoch sie ist, legen die Bundesländer individuell fest. In Bremen liegt sie wie in den meisten Ländern bei sechs Gramm, in Berlin etwa bei 15 Gramm. Bemühungen der rot-grünen Bremer Koalition, die Cannabispolitik zu liberalisieren und den Grenzwert zu erhöhen, waren Anfang 2018 an einem überraschenden Veto der SPD gescheitert. Ein solcher Schritt dürfe nicht auf Landes-, sondern müsse auf Bundesebene gegangen werden, hieß es.

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