Serie "Psyche und Pandemie"

Eine unerträgliche Situation

Kinder und Jugendliche müssen sich wegen der Pandemie in vielen Lebensbereichen einschränken und oft umgewöhnen. Wie wirkt sich das auf die Psyche aus?
16.06.2021, 02:00
Lesedauer: 5 Min
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Eine unerträgliche Situation
Von Frieda Ahrens
Eine unerträgliche Situation

Kinder mussten wegen der Corona-Pandemie viele Veränderungen und Einschränkungen verarbeiten.

Imago

Triggerwarnung: In dieser Serie werden sensible Inhalte rund um psychische Erkrankungen bis hin zu Suizidgedanken thematisiert.

Ein stabiles Selbst bei Jugendlichen und Kindern sei wie ein dreibeiniger Tisch, so beschreibt es Marc Dupont. Die drei Stützpfeiler sind laut dem Chefarzt der Psychiatrie für Kinder und Jugendliche im Klinikum Bremen-Ost: das Verhältnis zur engeren Kernfamilie, die Verbindung mit der Schule und soziale Beziehungen jenseits davon, innerhalb der "Peergroup". Was Dupont derzeit Sorgen bereitet: Die Corona-Pandemie bringt alle drei Stützpfeiler zum Wackeln. "Je länger die Pandemie läuft, desto mehr sind einzelne Kinder psychisch sehr betroffen und werden das möglicherweise auch ihr Leben lang mitnehmen."

Wie sehr die Pandemie bei Kindern und Jugendlichen tatsächlich nachwirken wird, das lässt sich derzeit allenfalls erahnen. Erste Studien und Daten von Krankenkassen weisen eindeutig auf einen Negativ-Trend hin, was die psychische Gesundheit von jungen Menschen angeht. Viel zitiert wurde eine Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE), nach der jedes dritte Kind ein knappes Jahr nach Beginn der Pandemie psychische Auffälligkeiten zeige. Vor der Pandemie sei jedes fünfte Kind psychisch belastet gewesen.

Marc Dupont mahnt im Umgang mit Studien wie dieser zur Vorsicht. "Nie wie in dieser Zeit war eine Studie so aktuell und gleichzeitig schon so überholt." Es sei jedoch unstrittig, dass die psychische Belastung junger Menschen durch die Pandemie gewachsen sei. Vor allem weil auch alle anderen Mitglieder der Familie unter erhöhtem Druck stehen. "Sobald es da in den Beziehungen anfängt zu knirschen, je kleiner die Kinder sind, umso eher hat das einen negativen Effekt auf sie", sagt Dupont. Und die Pandemie führe eben dazu, dass es häufiger knirscht. Homeoffice, Corona-Quarantäne, Kita fällt wieder aus – dafür könne keiner der Beteiligten etwas, doch am Ende sei das Kind mit Sicherheit die leidtragendste Person. Und gerade bei jüngeren Kindern sei die Familie die wichtigste Bezugsgruppe.

Psychische Gesundheit und Covid-19

"Mich schreiben Schüler und Schülerinnen an mit 'Frau Meier, mir geht’s richtig schlecht'": Manon Meier ist Lehrerin am Kippenberg-Gymnasium in Bremen.

Foto: Florian Sulzer

Auch Manon Meier, Lehrerin am Kippenberg-Gymnasium in Bremen, berichtet von psychisch überforderten Kindern, die sich an sie wenden: "Mich schreiben Schüler und Schülerinnen an mit 'Frau Meier, mir geht’s richtig schlecht.'" Sie unterrichtet achte und neunte Klassen, begleite demnach "die identitätsbildende Zeit, in denen man sonst viele 'erste Male' erlebt." Sie versuche, zu helfen, so gut es geht. Schlägt beispielsweise vor, spazieren zu gehen – das würde auch ihr selbst helfen. Sie spreche mit ihren Schülerinnen und Schülern durch, wie diese ihre Freizeit gestalten, welche Hobbys sich trotzdem umsetzen lassen, was ihnen guttut. Es sei aber nicht immer leicht, die richtige Ansprache zu finden. Als Antwort komme auch schon mal zurück: "'Frau Meier wir haben kein Bock mehr, immer nur spazieren zu gehen'. Das kann ich voll verstehen."

Meier sorgt sich vor allem um die Jugendlichen, die außerhalb der Schule vergleichsweise wenige gleichaltrige Bezugspersonen haben, denen eine "Peergroup" fehlt, die laut Marc Dupont für Jugendliche neben der Schule der wichtigste Stabilitätsfaktor ist. Durch das soziale Distanzieren würden gewisse Außenseiterpositionen noch weiter vorangetrieben, meint Manon Meier. "Auch die sozialen Kontakte, die vielleicht keine Freundschaften waren, sondern nur eine Gruppenarbeit sind, fallen jetzt flach", sagt sie. So etwas fördere die Schulverweigerung, diese Schülerinnen und Schüler hätten noch weniger Motivation und Lust aufs Lernen.

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Außerdem sei die Schule und damit der Leistungsdruck durch das Homeschooling ständig präsent im eigenen Zimmer: Aufgaben müssten selbstständig und fristgerecht abgearbeitet und online eingetragen werden. Gefragt sei eine Selbstdisziplin, die in diesem Ausmaß sonst erst im Studium gefordert werden würde. "Das ist ein Druck, der sich da aufbaut, den sie nicht abschalten können", sagt Meier. Sie würde gerne mehr helfen, weiß aber nicht wie.

"Die Notwendigkeiten für schnelle Hilfen haben sich sicherlich verschärft", sagt Lukas Fuhrmann, Pressesprecher des Bremer Gesundheitsressort. Sowohl der ambulante als auch der stationäre Bereich der kinder- und jugendpsychiatrische Stellen in Bremen berichtet über steigende Anmeldungszahlen, ohne dass aber zum jetzigen Zeitpunkt schon verlässliche Zahlen und eine Auswertung der veränderten Bedarfe vorliegen würde.

Es gebe verschiedene ressortübergreifende Arbeitsgruppen, in denen auch schon vor der Corona-Pandemie gemeinsame Perspektiven der Hilfen entwickelt würden. Aber auch das bestehende System der kinderpsychiatrischen Beratung und Versorgung könne im Krisenfall helfen, so Lukas Fuhrmann. Beratung können sich Eltern in Bremen bei der kinder- und jugendpsychiatrische Beratungsstelle und Institutsambulanz (Kipsy) am Gesundheitsamt suchen. In schweren Krisensituationen wie auch für psychotherapeutische Aufenthalte stehen die Klinik in Bremen-Ost und die Tagesklinik Arche in Bremerhaven zur Verfügung.

Psychische Gesundheit und Covid-19

Chefarzt Marc Dupont rät Eltern, viel mit ihren Kindern zu reden.

Foto: Florian Sulzer

Doch wie erkennen Eltern, dass es ihrem Kind wirklich schlecht geht und es professionelle Hilfe braucht? "Ich glaube, Eltern wissen das", sagt Marc Dupont. Wenn Eltern das Gefühl hätten, ihrem Kind gehe es nicht gut, dann hätten sie Recht und sollten sich Unterstützung suchen. Anlass zur Sorge sollte sein, wenn das Kind überhaupt keine sozialen Kontakte mehr pflegt, wenn die Leistungen in der Schule deutlich nachlassen, wenn Kinder nichts mehr essen, sehr stark an Gewicht verlieren, sehr traurig werden, anfangen, sich selbst zu verletzen.

Was präventiv helfen könnte? "Reden!", sagt Dupont wie aus der Pistole geschossen. Wie geht es dir mit den Auswirkungen der Pandemie, wie geht es mir damit? Was können wir machen? Wie können wir uns aufteilen, dass jeder mal die Ruhe hat, die er braucht? Wer geht wann einkaufen? Was gönnen wir uns? All das seien Fragen, deren Klärung helfen könne, genauso wie klare Absprachen und Regeln. Außerdem wichtig: nicht nachtragend zu sein, wenn mal etwas nicht klappt. Auch nicht, wenn es mal zum Streit kommt. "Dass es zuhause mal kracht, das ist erstmal nicht direkt Anlass zur Sorge, sondern das ist eher Ausdruck dessen, dass hier jemand auf eine unerträgliche Situation hinweist", so Dupont.

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Und das Leben in einer Pandemie sei für Erwachsene und Kinder immer wieder eine unerträgliche Situation – seit mehr als einem Jahr. "Kinder sind diejenigen, die mit einem unglaublichen Einsatz und einer unfassbaren Disziplin uns Älteren den Arsch retten", sagt Marc Dupont. Das sieht auch Manon Meier so: "Es ist irre, wie anpassungsfähig Kinder sind, wie wenig die meckern." Meier erfüllt das mit Stolz, Dupont auch mit Wut: "Jeder über 50, der sich nicht impfen lässt, dem sollte man mal sagen, dass die Kinder sich die letzten eineinhalb Jahre zurückgehalten haben, damit er nicht krank wird. Den sollte man deutlich darauf hinweisen, dass er sich bitte zu impfen hat. Das finde ich extrem frech und unverschämt."

Dass man in Zukunft von einer Corona-Generation sprechen kann, der man die Zeiten des Lockdowns auch in 15 Jahren noch anmerkt, das glaubt Dupont nicht. Doch es werde mehr krisenhafte Einzelschicksale geben als vorher. Gerade bei Kindern aus Familien mit schwierigen sozialen Situation. Das hinterlasse Narben, die langfristig bleiben.

Zur Sache

Kinder-und Jugendnotdienst
Beratung und Hilfe in Krisensituationen
Telefon: 0421 / 6991133 (Rund um die Uhr)

Kinder-und Jugendpsychiatrische Beratungsstelle und Institutsambulanz (KIPSY)
Adresse: Horner Str. 60-70, 28203 Bremen
Tel.: 0421-361 6292
Fax: 0421-496 6292
E-Mail: Kipsy@gesundheitsamt.bremen.de

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