Der Bronzewal in der Vegesacker Fußgängerzone erinnert an die frühere wirtschaftliche Bedeutung des Walfangs für Bremen-Nord Mörderische Jagd auf Urzeitriesen brachte guten Profit

Bremen-Nord. Ein kapitaler Wal mitten in einer Geschäftsstraße – welche Stadt kann damit aufwarten? Vegesack kann. Der Bronzewal in der Vegesacker Fußgängerzone, 1980 von Uwe Päsler geschaffen, erinnert an die Bedeutung des Walfangs für Vegesack und die umgebenden Gemeinden.
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Bremen-Nord. Ein kapitaler Wal mitten in einer Geschäftsstraße – welche Stadt kann damit aufwarten? Vegesack kann. Der Bronzewal in der Vegesacker Fußgängerzone, 1980 von Uwe Päsler geschaffen, erinnert an die Bedeutung des Walfangs für Vegesack und die umgebenden Gemeinden. Den Beginn des Walfangs wagten die seeerfahrenen Engländer 1612. Die Holländer folgten ein Jahr später. 1644 schlossen sich Hamburger Walfänger der Fahrt ins Eismeer an. Die Norddeutschen folgten regional unterschiedlich. Es war ein gefährliches Unternehmen für Schiff und Mannschaft. Der Bronzewal in Vegesack zeigt nur ein kleines Format des Urzeitriesen. Ein harmloses Vergnügen für spielende Kinder.

Die Jagd auf den „Walfisch“ dagegen war ein äußerst gefährliches Unternehmen. Zumal in den grönländischen Gewässern allein schon das Eis bedrohliche Situationen für Schiff und Mannschaft bringen konnte. Dennoch überwog beim Walfang der Gewinn. Sein Nutzen bestand in der Ausbeute von Tran und Fischbein. Der Tran wurde aus der dicken Speckschicht des Wals gewonnen. Ein Walfangschiff hatte 30 bis 40 Mann Besatzung. An Bord befanden sich sechs oder sieben Schaluppen, die mit jeweils sechs Mann besetzt wurden.

Sobald man eine „Fluke“ oder einen „Blas“ ausmachte – einen Wasserstrahl, mit dem der Lungenatmer Luft holte –, wurden die Schaluppen zu Wasser gelassen. Dann begann der ungleiche Nahkampf auf Leben und Tod. Der Harpunier stand am Bug des Bootes und navigierte die rudernde Mannschaft. Sobald der Wal nahe genug auftauchte, wurde mit einer kleinen Kanone eine Harpune abgeschossen. Gleich darauf warf der Harpunier eine an langer Leine befestigte Handharpune. Der Koloss peitschte das Meer mit Schwanz und Brustflossen. Er jagte durch die Wellen und zog die Schaluppe wie eine Nussschale hinter sich her. Meist folgte noch eine zweite Harpune. War man dann dicht genug am Wal, warfen die Bootsleute scharfe Lanzen in die Speckschicht des Tieres. Stieß der Wal daraufhin senkrecht in die Tiefe, musste der Harpunier mit dem Beil die Leine kappen – sonst hätte das mächtige Tier Schiff und Mannschaft mit in den Abgrund gezogen.

War der Wal erlegt und ans Mutterschiff gezogen, arbeiteten der zweite Offizier und sein Maat als Speckschneider. Sorgfältig wurde der Speck aus dem Kieferbereich des Wals herausgeschnitten um die wertvollen Barten, das Fischbein, zu lösen. Die Speckstreifen wurden in Fässer gepresst, die der Küfer sorgfältig verschloss. Aus dem Speck wurde in der Trankocherei Tran gewonnen, der als Leuchtmittel (Tranfunzel!) überall begehrt war. Das Fischbein war für Korsagen, Schirme und andere Gerätschaften begehrtes Material.

Ein 18 bis 20 Meter langer Wal lieferte etwa 30 000 Kilogramm Speck, aus dem 24 000 Kilogramm Tran gewonnen werden konnten. Dazu kamen noch 1600 Kilogramm Fischbein. Im Schloss Schönebeck zeigt das Walfangzimmer umfassende Information zu diesem Thema. Ein wichtiger Zweig der Speckgewinnung war auch das grausame Robbenschlagen. Robben galten allerdings als zweite Wahl.

Im 17. Jahrhundert entwickelte sich der Vegesacker Hafen zu einem Stützpunkt des Walfangs. 1653 wurde hier die „Bremische Grönland Compagnie“ gegründet. 1843 erfolgte die Neugründung einer „Vegesacker Actiengesellschaft zum Zwecke der Grönlandfischerei“. Die Mannschaften rekrutierten sich aus den Ortschaften beiderseits der Weser. In Mittelsbüren wohnten seinerzeit Haus bei Haus Walfänger.

Das Auskochen des Trans aus dem Speck war wegen der damit verbundenen Geruchsbelästigung nicht ohne Probleme. Im 17. und 18. Jahrhundert gab es auf Grönland und Spitzbergen große Trankochereien. 1830 beantragte der Schiffbauer Johann Lange die Lizenz für eine Trankocherei. Wegen der üblen Gerüche, die damit verbunden waren, beschwerten sich die Grohner und andere betroffene Einwohner. Amtmann Wilmanns machte auf die missliche Lage aufmerksam.

Ohnehin war die Zeit des Walfangs bald vorbei. Das Nordmeer war überfischt. Für die Waljagd in der Antarktis brauchte man wegen des längeren Anfahrtsweges eine Zwischenstation auf Hawaii. Die Schiffe blieben oft zwei oder drei Jahre auf See. Der Reeder Ch. H. Wätjen, sonst in Kauffahrten tätig, ließ 1855 zwei seiner Schiffe bei Lange zu Walfängern umrüsten.

Was trotz der Gefahren Kommandeure und Besatzungen zum Walfang antrieb, war der zu erwartende Gewinn. Der Kommandeur (Kapitän) erhielt in der Regel 100 Reichstaler Handgeld und ein Viertel des Fanggewinns. Der Steuermann konnte mit 60 Reichstaler Handgeld rechnen und erhielt 20 bis 30 Stüver (eine Kleingroschenmünze) zu je zwei Groten pro Fass Tran. Der Speckschneider war mit 48 Reichstaler und 19 Stüver pro Fass am Geschäft beteiligt. Und so ging der Lohn weiter bis zu Leichtmatrosen und Hilfsarbeitern: Jeder war am Ertrag der Walfangfahrt beteiligt. Fiel die Ausbeute spärlich aus oder musste das Schiff, vom Eis zerdrückt, mitsamt aller Ausbeute aufgegeben werden, trugen alle, mit Ausnahme der Empfänger von Handgeld, das Verlustrisiko. Als der kanadische Arzt Abraham Gesner 1855 das Petroleum als Leuchtmittel in Amerika zum Patent anmeldete und dessen Überseetransport in Fässern möglich wurde, lohnte sich der Walfang nicht mehr und verlor glücklicherweise schnell an Bedeutung. Es ist sehr zu begrüßen, dass diese faszinierenden Tiere jetzt weitgehend geschützt sind.

Für die Ausgabe DIE WOCHE - MEIN VEREIN schreibt Ulf Fiedler regelmäßig Texte über Wissenswertes aus der Historie der Region. Lob, Anregungen und Kritik senden Sie bitte an ulffiedler@yahoo.de.

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