Lange Nacht der Industrie Nachts im Motorenwerk

Einmal ganz nah an die Fließbänder und Maschinen herantreten: Das ist die Idee der „Langen Nacht der Industrie“. Ein bisschen kommt dabei das Gefühl einer Klassenfahrt auf. Eine Reportage.
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Nachts im Motorenwerk
Von Carolin Henkenberens

Einmal ganz nah an die Fließbänder und Maschinen herantreten: Das ist die Idee der „Langen Nacht der Industrie“. Ein bisschen kommt dabei das Gefühl einer Klassenfahrt auf. Eine Reportage.

Es ist warm und dunkel im Reisebus, Robin Schulz singt von Liebe und Teenager spielen mit ihren Handys. Am Eingang hatte jemand auf einer Liste die Namen abgehakt, alle da. Also Abfahrt. Es ist das Gefühl einer Klassenfahrt, das sich verbreitet, als sich um exakt 17.30 Uhr der gut geheizte und voll besetzte Reisebus in Gang setzt. Er steuert von der Bürgerweide herunter, da ergreift die Tourleiterin das Bordmikrofon und begrüßt freundlich zur „Langen Nacht der Industrie“. Zwar ist es noch nicht ganz Nacht, aber gefühlt irgendwie doch, bei dieser Kälte und Dunkelheit draußen.

Um 18 Uhr parkt der Bus vor dem Hastedter Osterdeich 250. Der kupferrote Schriftzug LDW leuchtet matt im Nebel. Köpfe ragen nach draußen. „Ah, wir sind da“, sagt ein junger Mann zu seinem Freund. Die Gruppe steigt aus, jemand begrüßt und winkt die etwa 50 Personen herein. Es geht durch mehrere Türen und Gebäude. „Immer der Meute nach“, ruft jemand. Die Gruppe befolgt den Ratschlag und landet schließlich in einem Raum mit Stuhlreihen, wo es sonst offenbar Mittagessen gibt – an der Theke wünscht ein Papierzettel guten Appetit.

Es begrüßt Jens Kastens, der Vertriebsleiter. „Guten Abend bei der Lloyd Dynamowerke GmbH, wir werden Ihnen heute unser Unternehmen vorstellen. Schön, dass Sie da sind“, sagt er und blickt in die Stuhlreihen. Hinten sitzen die Schüler, die sich am Eingang erst einmal einen Schokoriegel geschnappt haben und nun kauend vor Kastens sitzen. Die jungen Leute wollen sich beruflich orientieren. In der Gruppe ist auch eine Lehrerin einer Berufsschule, ein Ingenieurs-Paar, das auch in der Industrie arbeitet und mal gucken wollte, wie es woanders aussieht, und zwei Mittdreißiger aus der IT-Branche, die Lust haben, hinter die Kulissen zu blicken.

Einmal ganz nah an die Fließbänder und Maschinen herantreten, einmal den Arbeitern im Mercedes-Werk oder in der Beck‘s-Brauerei über die Schulter schauen: Das ist die Idee der „Langen Nacht der Industrie“, die die Industrie- und Handelskammer und der Verband Nordmetall organisieren. Am Donnerstagabend hatten 320 Personen die Möglichkeit, Industrieunternehmen der Stadt zu besuchen. Und diese Möglichkeit gefällt.

Mehr Anmeldungen als Plätze

Eigentlich wollten 800 Personen wissen, wie beim Automobilzulieferer Hella oder dem Armaturenhersteller Gestra die Fertigung funktioniert, wie die tonnenschweren Container bei CHS oder die Montageanlagen bei ThyssenKrupp aussehen oder wie es im Innern des Energieversorgers SWB ausschaut. Deshalb musste ein Losverfahren die 320 Glücklichen auswählen.

Bevor es an diesem Abend in die Werkshallen der Lloyd Dynamowerke geht, kommt erst ein wenig Theorie in Form einer Power-Point-Präsentation. Nils Kloppenburg, ebenfalls aus dem Vertrieb, erklärt mithilfe von Comics, dass die LDW Motoren und Antriebe herstellen, zum Beispiel für Walzenlader, die im Bergbau zum Einsatz kommen. In Bochum habe die LDW beispielsweise einen großen Kunden. Die Antriebe sind aber auch in den Containerbrücken im Hafen von Bremerhaven oder in Kreuzfahrtschiffen verbaut. LDW stellt außerdem Generatoren her, etwa für Wind- und Wasserkraftanlagen.

Lloyd Dynamowerke produzieren seit 100 Jahren in Bremen

Auch die Geschichte der Lloyd Dynamowerke reißt Kloppenburg kurz an. Es ist eine Geschichte mit einigen Turbulenzen. 1915 wurde die Lloyd Dynamowerke AG gegründet. Nach zunächst sehr erfolgreichen Jahren folgte der Zweite Weltkrieg und die komplette Zerstörung der LDW. Nach dem Wiederaufbau ging es rasant bergauf: Die Produktion wuchs und wuchs.

Der neue Schock kam in den 1990er-Jahren, als der Elektro-Hersteller AEG aufgelöst wurde. An den waren die Dynamowerke seit 1934 angegliedert. Letztlich meisterte die LDW dank neuer Anteilseigner und Investoren auch diese Krise, die Umsätze kletterten hoch.

Im Jahr 2014 erzitterte das Unternehmen wieder: Insolvenz. Die Rettung kam in Form der südkoreanischen Hyosung-Gruppe. Unter gleichem Namen wurde ein neues Unternehmen gegründet. Heute arbeiten 220 Personen bei LDW. Eine große Feier zum 100-jährigen Bestehen gab es allerdings trotz der neuen Perspektive nicht.

Auszubildende stellen ihre Berufe vor

Nach vielen technischen Daten zu den Maschinen fängt derweil in der letzten Reihe das Getuschel an. Erste Jugendliche können sich ein Gähnen nicht verkneifen. Doch die Nacht ist noch jung, 18.25 Uhr, um genau zu sein. Nach dem Besuch bei LDW wird es für die Gruppe noch weitergehen zur SWB.

Kloppenburg gibt nun das Mikrofon an einige Auszubildende, die etwas über ihre Berufsfelder erzählen. Industriekaufleute, technische Produktdesigner und Elektroniker für Maschinen- und Antriebstechnik sind sie. Jetzt sind die Ohren wieder gespitzt. Besonders, als es am Ende heißt, das Unternehmen suche momentan Fachkräfte.

Dann endlich kommt das, worauf alle gewartet haben: Der Gang durch das Werk. Jens Kastens gibt ein paar Sicherheitseinweisungen („Maschinen nicht berühren, in der Gruppe und auf dem Weg bleiben, nicht unter schwebende Lasten laufen“) und los geht es. Zunächst wartet für die Besucher ein Effekt bei der Hochspannungsprüfanlage, einer von einem roten Metallzaun umgebenen Maschine. Dort wird mit 7000 Volt geprüft, ob die Isolierung der Spulen in Ordnung ist. Für die Besuchergruppe zeigt Kastens, was passiert, wenn dies nicht der Fall ist: Eine helle Flamme lodert. Kurzschluss. Die Gruppe ist verzückt.

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Danach zeigt Kastens ein sogenanntes Ständerpaket, das ist das sozusagen das Innengehäuse eines Motors, in das die Kupferspulen eingebaut werden. Ein Mitarbeiter in Blaumann spannt gerade verschiedene Kupfersorten auf eine Spule. Sein Kollege verbaut diese in das Ständerpaket. In einer anderen Halle fädelt ein Mann nochmals weißes Isolationsband um eine eingebaute Spule. „Sie sehen, das ist viel Handarbeit“, sagt Kastens. 200 Tonnen sind einige Motoren schwer.

Das Highlight sind drei riesige Maschinen, die wie überdimensionierte Waschmaschinen aussehen. Die gehen nach Korea, sagt Kastens. Die drei seien 2,5 Millionen Euro Wert. ­Jens Kastens erzählt noch über die Funktionsweise von Gleichstrommotoren. „Na, hast du alles ­verstanden?“, fragt ein älterer Herr seine Begleitung lachend. Ganz schön ­kompliziert.

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