Umfrage in Borgfeld, Lilienthal, Worpswede Corona-Krise: Gastronomen sehen Existenz bedroht

Die Corona-Krise hat dem Gastgewerbe hart zugesetzt. In Bremen sehen 59,3 Prozent ihre Betriebe als existenziell gefährdet. Für Niedersachsen sind es sogar 67 Prozent. Wirte überlegen, wie es weiter gehen wird.
19.09.2020, 09:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Corona-Krise: Gastronomen sehen Existenz bedroht
Von Petra Scheller

Die Sonne scheint über Norddeutschland. Die Terrasse des Borgfelder Restaurants Salvia ist gut gefüllt. Kellner laufen mit vollen Tabletts von Tisch zu Tisch. Gäste bestellen bunte Getränke mit gefärbtem Zuckerrand. Während Gastronom Peyman Sadeghian das heitere Treiben auf seiner Restaurant-Veranda beobachtet, vergisst er für einen Moment seine Sorgen – „die Pandemie und die all Probleme, die damit einhergehen“, sagt er.

Doch die Momentaufnahme trüge. Wie viele Gastronomen kämpft auch Wirt Sadeghian um seine Existenz. Die Corona-Krise hat dem Gastgewerbe in Bremen und Niedersachsen hart zugesetzt. „In Niedersachsen sind die Umsätze im ersten Halbjahr um durchschnittlich 40 Prozent zurückgegangen“, teilt der Geschäftsführer des niedersächsischen Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga, Rainer Balke, mit. Seine Kollegin Nathalie Rübsteck, Geschäftsführerin des Verbandes in Bremen, berichtet auf Nachfrage von 58 Prozent Umsatzverlusten für Betriebe im Land Bremen.

Lesen Sie auch

Die Zahlen gehen aus einer Umfrage des Bundesverbandes hervor, der unter anderem rund 550 Gastronomen in Bremen befragt hat. „Erschreckend ist“, sagt Rübsteck „über die Hälfte der Gastronomen in beiden Bundesländern sehen sich in ihrer Existenz bedroht. In Bremen sind es 59,3 Prozent, die existenzielle Sorgen haben“, unterstreicht die Verbandschefin. Für Niedersachsen nennt Balke 67 Prozent.

Auch für den Borgfelder Gastronom Sadeghian wird es eng. Der warme Sommer habe ihn bislang gerettet, berichtet er. Gut 60 Plätze kann er auf seiner Terrasse an der Borgfelder Heerstraße anbieten. „Die Gäste wollen draußen sitzen. Wir haben viel Stammkundschaft, darunter viele ältere Menschen, die wollen auf keinen Fall drinnen sein“, sagt der Wirt. Jetzt, wo die Luft am Abend kühler wird, sei das ein Problem.

Irgendwie durchhalten

50.000 Euro müsste er in die Überdachung und Beheizung seines Außenbereiches stecken, wenn er seinen Gästen einen Outdoor-Bereich auch während der nahenden Wintermonate bieten wolle, berichtet der Restaurantchef. Sadeghian hat mehrere Kostenvoranschläge eingeholt. „Völlig ausgeschlossen sind solche Investitionen zurzeit“, sagt er. Das Wasser stehe ihm bis zum Hals. „Im Moment heißt es, irgendwie durchhalten. Die Gäste unterstützen uns dabei. Dafür sind wir sehr dankbar. Aber ob das reichen wird?“

Das fragt sich auch Ingo Lüpke vom Tarmstedter Hof. Auch seine Gäste wollen draußen sitzen, berichtet der Küchenmeister, der in letzter Zeit wieder häufiger am Herd steht. Von Mai bis Juni habe er 80 Prozent weniger Umsatz gemacht als im Vorjahr, berichtet Lüpke. „Wir haben kein Saalgeschäft. Die Hochzeiten und Konfirmationen sind ausgefallen. Die Umsätze sind komplett zusammengebrochen.“ Momentan würden wieder kleine Feiern mit 20 Personen angefragt. Die Gäste würden dann im großen Saal auf Abstand gesetzt. „Aber wenn der Winter kommt, muss ich mir überlegen, wie wir die Heizkosten erwirtschaften können“, sagt Lüpke mit Blick auf die kommenden Monate. Auf das Jahr gerechnet vermutet der Gastronom Umsatzverluste von 60 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Auch die Kohlsaison im kommenden Jahr stehe derzeit in Frage.

Lesen Sie auch

Auch bei Karin Schnakenberg im Grasberger Hof wurden bislang alle Großveranstaltungen abgesagt. „Musik nur mit Partnertanz, auf Abstand und mit Maske – wer will denn so feiern?“, fragt die Gastronomin. Zurzeit laufe der Hotelbetrieb wieder ganz gut an. Es kommen Fahrradtouristen, Handelsreisende und Monteure. Auch das Restaurant komme langsam wieder in Fahrt. Beliebt sei der Wintergarten. „Wir haben einige Beerdigungen bis zu 30 Personen.“

So halte man sich über Wasser. „Mit dem Hotel und den à-la-carte-Gästen sichern wir unsere Existenz. Übrig bleibt da nichts“, sagt Schnakenberg offen. Alle Weihnachtsfeiern, Kohlfahrten und große Familienfeiern seien abgesagt worden. Auch der Kreisreiterball werde im kommenden Winter nicht stattfinden. Der große Saal mit über 400 Plätzen stehe leer. „Sonst ist er von Januar bis März an den Wochenenden ausgebucht“, sagt Schnakenberg. „Das fehlt natürlich.“

Keine Alternative

Nicht beschweren will sich Nicolaus Tsiaxerlis. Im Mai hat der Gastronom sein griechisches Restaurant „Eliá“ vom Bremer Viertel nach Lilienthal verlegt. „Das war schwer“, sagt sein Restaurantleiter Dimitris Moulas. Aber es gab keine Alternative. „Wir freuen uns, dass überhaupt Gäste kommen“, sagt Moulas. Alles in allem hatten sie einen guten Start. Umsatzzahlen seien noch nicht ausgewertet. „Man muss abwarten“, sagt der Restaurantchef.

Richtig gut läuft es hingegen für Sarah und Jan Martini im Worpsweder Restaurant Zum Hemberg. „Im März hatten wir geschlossen, der April war dann ziemlich knackig – da wussten wir nicht so richtig, wie es weiter gehen wird“, berichtet Sarah Martini im Mittagsgeschäft. Seit Pfingsten habe sich die Lage dann vollkommen entspannt. „Da spüre ich keinen Unterschied zum vergangenen Jahr“, sagt die Wirtin. Vergleichszahlen habe sie noch nicht. „Wir haben uns ja erst im letzten Jahr selbstständig gemacht.“ Auch für die Wintermonate sehe es „zumindest nicht bedrohlich aus“, sagt Martini optimistisch.

Lesen Sie auch

Peyman Sadeghian blickt da weniger rosig in die Zukunft. 50 Prozent Umsatzverlust habe er im ersten Halbjahr verzeichnet. Seine Soforthilfe, die er im Frühjahr bekommen hat, „war sofort verbraucht“. Sein Vermieter sei ihm zwar einen Monat lang mit der Miete entgegengekommen und seine Mitarbeiter seien ohne Murren in Kurzarbeit gegangen, trotzdem überlege er, ob er über die Wintermonate für ein paar Wochen schließen müsse. Noch sei nichts entschieden. Er hoffe, „dass die Politik noch einmal nachsteuert“, sagt Sadeghian.

Diese Hoffnung hegt auch Bremens Dehoga-Chefin Nathalie Rübsteck. „Wir verhandeln für einen zweiten Schwung Soforthilfen“, erklärt die Verbandsgeschäftsführerin. Sie sei mit Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt und deren Sprecher Kai Stührenberg im Gespräch. Sie befürchte für den Winter und darüber hinaus „noch eine kritische Zeit“.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+