Niels-Högel-Prozess

Die Medikamente als Tatwaffen

Der ehemalige Pfleger benutzte bestimmte Medikamente, auf deren Einsatz hin Menschen starben. Welche das sind und wo sie eingesetzt wurden:
29.10.2018, 23:35
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Die Medikamente als Tatwaffen
Von Andreas D. Becker
Die Medikamente als Tatwaffen

Viele Medikamente verabreichte der Angeklagte intravenös.

Julian Stratenschulte

Im Prozess 2014/2015 gegen ihn sagte Niels Högel aus, dass er den Patienten immer das Herzmedikament Gilurytmal gespritzt habe. Im Laufe der fast dreijährigen Ermittlungen der Soko „Kardio“ fanden die Ermittler noch vier weitere Substanzen, die der ehemalige Krankenpfleger einsetzte und durch die Menschen starben. Damit in Verhören konfrontiert, gab Högel später alles zu.

Cordarex (Wirkstoff Amiodaron):

Ist ein sogenanntes Antiarrhythmikum, damit werden Herzrhythmusstörungen behandelt. Der Wirkstoff Amiodaron verursacht zahlreiche Nebenwirkungen. Überdosiert kann das Medikament sowohl zu einer gefährlichen Verlangsamung der Herzfrequenz als auch zu Herzrasen bis zu Kammerflimmern führen. Den Ermittlern zufolge starben vier Patienten in Oldenburg, nachdem Högel ihnen dieses Medikament verabreicht hatte.

Gilurytmal (Wirkstoff Ajmalin):

Gilurytmal ist ebenfalls ein Antiarrhythmikum, wird also bei Herzrhythmusstörungen wie Herzrasen (Tachykardien) eingesetzt. Es wird in der Regel in einer Dosis von zehn Millilitern verabreicht, extrem langsam. Weil das Medikament sehr gefährlich ist, muss es von einem Arzt unter ständiger Kontrolle des Patienten gegeben werden. Eine Überdosis oder zu schnelle Gabe von Gilurytmal führt zu Herzkammerflimmern, Kreislaufzusammenbruch und sogar zum Herzstillstand. Högel injizierte seinen Opfern in der Regel 30 bis 40 Milliliter, er tat es immer sehr schnell, ihm ging es um die Nebenwirkungen. Gilurytmal bedeutete laut Soko „Kardio“ für 29 Delmenhorster und für neun Oldenburger Patienten den Tod.

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Kalium:

Überdosiert kann das für das Herz lebenswichtige Elektrolyt ebenfalls Herzrhythmusstörungen auslösen, die sich in einem Herz-Kreislauf-Stillstand manifestieren. Da der Kaliumspiegel im Körper nach dem Tod ansteigt, ist es sehr schwierig, ein Tötungsdelikt mit Kalium zu entdecken. Sieben Morde mittels Kalium konnten Högel in Oldenburg von der Soko trotzdem nachgewiesen werden.

Xylocain (Wirkstoff Lidocain):

Dabei handelt es sich um ein Anästhetikum, es wird vor allem für Lokalbetäubungen eingesetzt. Es fungiert aber auch als Antiarrythmikum. Bei Überdosierung kann es aber genau anders herum wirken und das Herz aus dem Takt bringen. Zudem lässt es den Blutdruck abfallen. 22 Taten verübte Högel mit diesem Medikament in Delmenhorst, zwölf in Oldenburg, heißt es in den Ermittlungsergebnissen.

Sotalex (Wirkstoff Sotalol):

Wieder ein Herzmedikament, ein Betablocker, mit dem Herzrhythmusstörungen behandelt werden. Überdosiert kann es Kammerflimmern auslösen, das mit Herzstillstand endet. Als Högels Spind am 1. Juli 2005 im Delmenhorster Klinikum geöffnet wurde, fanden die Ermittler darin auch Sotalex. Je drei Mal spritzte Högel eine tödliche Dosis dieses Medikaments in Delmenhorst und in Oldenburg, fand die Soko „Kardio“ heraus.

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