Klimafolgenforscher im Loccumer Kreis

„Die neuen Deiche sind unkaputtbar“

Deichhauptmann Michael Schirmer hat im Loccumer Kreis die Bedeutung von Küsten- und Hochwasserschutz erklärt. Ohne diese Maßnahmen wären weite Teile Norddeutschlands nicht besiedelbar gewesen.
18.11.2019, 15:49
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Von Michael Schön
„Die neuen Deiche sind unkaputtbar“

Michael Schirmer nahm bei seiner Beschreibung des Klimawandels die besonderen Folgen für Norddeutschland in den Blick.

Christian Kosak

Es gab bisher wohl selten einen Vortrag im Loccumer Kreis, der die Zuhörer mit einer so tiefen Beklommenheit zurückließ, wie der des Deichhauptmanns Michael Schirmer. Der Biologe präsentierte eine Katastrophenkarte nach der anderen. Messreihen, die einen schockierenden Anstieg der CO2-Konzentration in der Atmosphäre belegen, Statistiken, Modellrechnungen und jede Menge Worst-Case-Szenarien, anhand derer er ein bedrückendes Fazit zog. „Wir sind mittendrin im Klimawandel.“ Für die in der Luft liegenden Frage, was die Menschheit denn jetzt noch unternehmen könne, hatte er wiederum einen als Empfehlung verhüllten Spott parat, mit dem er einen Heiterkeitserfolg landete: „Ich würde mir jedenfalls keine Schlittschuhe mehr kaufen.“ Wegen des Winters nämlich, der uns abhandengekommen sei. Es war ein Lachen, das nach den vielen Hiobsbotschaften befreienden, erlösenden Charakter hatte. Etlichen Zuhörern wird es auch im Halse stecken geblieben sein.

Michael Schirmer, Jahrgang 1944, war bis zu seiner Emeritierung 2009 Professor im Fachbereich Biologie/Chemie der Universität Bremen. Jetzt ist er Deichhauptmann in Bremen und mit Klimafolgenforschung – Schwerpunkt Wesermündung und Nordseeküste – befasst.

Bei seinem Vortrag zum Thema „Osterholz-Scharmbeck – Gewinner im Klimawandel?!“ kam der Wissenschaftler nicht umhin, die Zukunft in düstersten Farben zu malen. Globale Erwärmung und der durch Veränderungen in der Atmosphäre und Gletscherschmelze verursachte Anstieg des Meeresspiegels seien nicht zu stoppen. Allenfalls könne er gebremst werden, „wenn wir das CO2 als wesentlichen Treiber in den Griff kriegen“.

Ausgerechnet aus den von einem Klimawandel-Leugner angeführten USA kommen immer neue auf Hochrechnungen basierende Hiobsbotschaften, die das Pariser Klimaschutzabkommen von 2015 und das aktuelle Klimapaket der Bundesregierung als Farce erscheinen lassen. Schirmer: „Die Hütte brennt!“

Entwarnung konnte der Referent immerhin hinsichtlich einer Veröffentlichung der Universität Princeton in Umlauf gebrachten Karte geben, die auch die im Loccumer Kreis Anwesenden beunruhigt hatte, besonders jene aus dem im Vergleich zur Osterholz-Scharmbecker Geest tief liegenden Osten der Kreisstadt, wie Moderatorin Angelika Saade, Geschäftsführerin des Osterholzer Zeitungsverlags, vermutete. Die Darstellung der Überflutungsgebiete, korrigierte der Professor, würde die tatsächliche Lage verfälschen, denn die als solche gekennzeichneten Flächen seien eingedeicht.

Ohne den Hochwasser- und Küstenschutz, Deiche, Gräben und Sperrwerke, daran ließ der Deichhauptmann keinen Zweifel, wären weite Teile Norddeutschlands unbewohnbar, besonders gefährdet die Nordseeküste und die Mündungsbereiche der großen Flüsse. Und diese Gebiete könnten wieder bedroht sein, wenn nicht große Anstrengungen unternommen würden. Die neuen Deiche, so Schirmer, seien nicht nur einen Meter höher als die alten, sondern auch viel breiter, damit notfalls noch mit 75 Höhenzentimetern nachgelegt werden könne. „Und sie sind unkaputtbar.“ Bei dem hauptsächlich dafür verbauten Material handelt es sich um Kleierde, entwässerten Schlick, ein extrem feines und schlammiges Sediment, das bei brütender Hitze einen gewaltigen Härtegrad entwickele.

Der Deichumbau oder -ausbau ist nur eine von vielen Maßnahmen, die nach Schirmers Einschätzungen notwendig sind, um sich an die veränderten Bedingungen anzupassen, die beispielsweise schon jetzt die Klimazonen verschoben haben. „Die Sommer werden heißer und trockener, die Winter milder und feuchter.“ Klimasensible Vögel und Insekten suchten sich bereits skandinavische Zufluchtsorte, und den lange in Südamerika heimischen Nutria habe es ebenfalls in den Norden gezogen, um dort unter anderem in Deichen Höhlen zu bauen, weshalb bereits ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt werde.

Auch die Pflanzenwelt verändere sich. Gegen die Hitze der beiden vergangenen Sommer, die zu einer Absenkung des Grundwasserspiegels geführt hätten, seien fast nur alte und tief wurzelnde Bäume gewappnet. Andererseits könne die Landwirtschaft von der Verlängerung der Vegetationsperioden auch profitieren. Auf dem Grünland könne die Mahd häufiger erfolgen – „sofern genug Wasser da ist“.

Bei einem Kanada-Urlaub ließ sich Schirmer von Rangern berichten, dass man den Gletschern beim Schmelzen zusehen könne. Das lässt sich auch von den bayerischen Alpen sagen. Der Deichhauptmann sprach von unter der Hitze geschmolzenen Straßendecken, von einer Erhöhung der Bordsteinkanten wie in den Subtropen und von Regenrinnen und Fallrohren, deren Normen inzwischen auf Starkregenereignisse ausgerichtet worden sei. „Das alles kostet unglaublich viel Geld. Geld, das wir besser in den Klimaschutz investiert hätten.“ Jetzt komme es darauf an, Zeit für die notwendige Anpassung zu gewinnen. Zeit, die Menschen, Tieren und Pflanzen an der brennenden Ostküste Australiens und in der überfluteten Lagunenstadt Venedig, wo inzwischen der Markusplatz gesperrt wurde, nicht mehr bleibe.

Ein Zuhörer wunderte sich über die vielen Grauhaarigen im Saal. Wo denn die Jugendlichen seien, die das Jahr 2100 noch erleben könnten? Die Grauhaarigen, Generation der Verbraucher fossiler Energie, so eine nahe liegende Hypothese, habe wohl das schlechte Gewissen in den Vortrag getrieben.

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