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Tobias Helfst über seinen Demo-Aufruf
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„Rechte Gewalt beschäftigt viele“

Christian Weth 08.02.2018 0 Kommentare

Interview mit  Tobias Helfst
Tobias Helfst sagt, dass die Zahl rechter Übergriffe aus Sicht von Jugendlichen gestiegen ist. Deshalb ruft er jetzt mit Schülern zur Demo auf. (Christian Kosak)

Herr Helfst, Sie sind Berater beim Erwerbslosenverband und rufen mit Schülern für Sonnabend zu einer Demo gegen rechts auf. Wie kommt es zu diesem Bündnis?

Tobias Helfst: Ganz einfach: Die Jugendlichen sind zu uns in die Beratungsstelle gekommen. Man könnte sagen, dass verschiedene Vorfälle mit Rechtsextremen sie dazu regelrecht getrieben haben.

Interview mit  Tobias Helfst
Interview mit Tobias Helfst (Christian Kosak)

Warum suchen Jugendliche ausgerechnet Hilfe beim Erwerbslosenverband, wenn es um rechte Gewalt geht?

Unsere Beratung beschränkt sich eben längst nicht mehr auf wirtschaftliche oder rechtliche Fragen.

Sondern?

Wo ein Problem ist, sind immer auch mehrere Probleme. In unseren Gesprächen mit Ratsuchenden geht es nicht nur um ein Teil des Lebens, sondern um das ganze Leben.

Ja, aber warum nun Ihr Verband und nicht ein anderer?

Bei uns ist auch der ,Katzensprung‘ angesiedelt – ein Polit-Treffpunkt, dessen Initiatoren sich gegen eine rassistische, faschistische und sexistische Stimmung im Bremer Norden aussprechen und Diskussionsrunden anbieten.

Und wie häufig geht es dabei um Vorfälle mit Neonazis?

Das kann ich nicht so genau sagen. Sicher ist aber, dass rechte Gewalt ein Thema ist, das viele Jugendliche beschäftigt.

Rechtsextreme, das schreiben Sie zumindest im Aufruf zur Demo, hat es im Bremer Norden immer gegeben. Warum jetzt ein Protestmarsch?

Für die Jugendlichen hat es jetzt mehr Vorfälle mit Rechten gegeben. Was gerade passiert, geht aus ihrer Sicht über das normale Maß hinaus.

Was ist denn das normale Maß?

Alltag ist für die Jugendlichen, dass sie auf dem Schulhof irgendwelche Aufkleber von Rechten vorfinden, dass sie oder Freunde von ihnen abends auf der Straße von Neonazis angepöbelt werden.

Und was ist nicht mehr normal?

Für die Jugendlichen ist die Zahl der Übergriffe deutlich gestiegen. Ende September ist ein Freund von ihnen von Rechten gestoppt und krankenhausreif geschlagen worden. Einen Monat danach wurden Hakenkreuze in mehrere Autos von Schülern beziehungsweise ihrer Eltern geritzt. Dann folgte die Parole „Stoppt den Schuldkult“ beim Denkort Valentin, später gab es eine Art Mahnmal der Identitären Bewegung in Lesum.

Sprechen die Schüler denn nicht mit Lehrern darüber oder mit der Polizei?

Das tun sie. Ihre Wahrnehmung ist aber, dass ihnen nicht so geholfen wird, wie sie sich das erhoffen.

Und wie ist Ihre Wahrnehmung – gibt es mehr Anfeindungen gegen Erwerbslose oder mehr Anfeindungen, die von Erwerbslosen ausgehen?

Es gibt beides. Zu uns kommen Leute, die rechte Gewalt erleben oder erlebt haben, genauso wie Menschen, die bei anderen den Grund dafür sehen, dass ihre Lebenssituation prekär ist. Zum Beispiel wird die Arbeit des Sachbearbeiters beim Jobcenter beklagt – und dessen Verhalten damit erklärt, dass sein Nachname türkisch klingt.

Sie wollen mit der Demo zeigen, dass Bremen-­Nord mehr ist als rechts. Was ist er denn außerdem?

Der Bremer Norden besteht aus vielen tollen Leuten, die für eine Alternative zur Angst vor anderen stehen und sich solidarisch für bessere Bedingungen einsetzen.

Mit wie vielen Leuten rechnen Sie denn?

Für die Demo sind rund 150 Teilnehmer angemeldet. Auf Facebook haben aber mittlerweile mehr als 200 Menschen angekündigt, dabei sein zu wollen. Natürlich würde ich mich freuen, wenn noch mehr kommen.

Die Demo soll nach Ihren Worten ein „lautstarkes Zeichen“ sein. Was passiert denn nach dem Protestzug – wird es anschließend wieder leise oder planen Sie weitere Veranstaltungen?

Ich hoffe nicht, dass es nach der Demo wieder leise um das Thema Rechte im Bremer Norden wird. Ich würde mir wünschen, dass der Protestzug so etwas wie ein Auftakt für noch mehr Gespräche und Debatten wird.

Die letzte Nordbremer Demo gegen rechts ist zehn Jahre her – und wenig hat sich seither verändert, wenn man Ihnen zuhört. Erwarten Sie vom erneuten Protestmarsch nicht zu viel?

Das glaube ich eigentlich nicht. Mehr als ein symbolisches Signal kann eine Demo meiner Meinung nach nicht sein.

Damals hatten unter anderem die Linke, Grüne und Jusos zum Protestmarsch in Blumenthal aufgerufen. Wo sind die Parteien heute?

Dort, wo sie meistens sind: in den Parlamenten, in Abstimmungen und irgendwelchen Debatten über die Umbenennung von Straßen und Plätzen.

Sie klingen enttäuscht.

Die Politik hat wenig mit der Welt der normalen Bürger zu tun – und schon gar nichts mit der von Jugendlichen, die von rechter Gewalt betroffen sind. Die Leute, die zu uns in die Beratung kommen, wissen nicht, was in den Parlamenten passiert, weil die Politik nicht Teil ihres Lebens ist.

Also kritisieren Sie das Fehlen der Parteien?

Es würde mich freuen, wenn sie sich an der Demo beteiligen.

Damals lautete das Motto des Protests „Kein Bremen-Nord in Nazi-Hand“ – wie heißt es diesmal?

Ganz ähnlich: „Kein Angriff bleibt unbeantwortet – Bremen-Nord gegen Nazis.“

Eine Demo gegen rechts zieht meistens ­Rechte an. Wie wollen Sie verhindern, dass es zu Konflikten kommt?

Das Versammlungsrecht wird von der Polizei geschützt. Sie wird also alles tun, rechte Gewalt zu unterbinden.

Und was ist, wenn wie vor zehn Jahren mehrere Demonstranten Probleme machen, weil sie sich beispielsweise vermummen und wie ein schwarzer Block kleiden?

Ich rechne fest damit, dass die Teilnehmer der Demonstration keine Schwierigkeiten machen werden.

Was macht Sie so optimistisch?

Die Tatsache, dass es sich bei den Teilnehmern vor allem um Schüler handelt, die ausschließlich zusammenkommen wollen, um auf Probleme mit Rechten hinzuweisen – und die hoffen, dass sich im Bremer Norden endlich etwas ändert.

Die Fragen stellte Christian Weth.


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