Coronavirus Furcht vor leeren Häusern in Bremen-Nord

In der Region werden erste Veranstaltungen wegen des Coronavirus abgesagt. Die meisten Organisatoren halten allerdings an ihren Plänen fest und wollen abwarten.
10.03.2020, 07:15
Lesedauer: 4 Min
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Von Michael Brandt, Patricia Brandt, Aljoscha-Marcello Dohme, Hannelore Johannesdotter, Brigitte Lange und Barbara Wenke

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat am Wochenende empfohlen, wegen der Ausbreitung des Coronavirus‘ in Deutschland Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern abzusagen. Bisher geschehe dies aus seiner Sicht zu zaghaft, sagte der CDU-Politiker. Auch in der Region werden die ersten Veranstaltungen abgesagt, allerdings nur in kleinem Rahmen.

Die Kampfsportschule ATK-S, eine Lehrstätte für Selbstverteidigung an der Uhthoffstraße in Vegesack, reagiert auf die aktuelle Lage. Die geplante Meisterschaft Hansefight in Jiu Jitsu in der Sporthalle am Godenweg wird laut Pressemitteilung aufgrund der derzeitigen gesundheitlichen Situation abgesagt. Die Veranstaltung sei zwar mit rund 200 erwarteten Sportlern, Kampfrichtern und Gästen vergleichsweise klein. „Aber kein Pokal der Welt ist es Wert, dass jemand seine Gesundheit aufs Spiel setzt“, sagt Ausrichterin Christin Senf von ATK-S. Körperkontakt gehöre beim Kampfsport nun einmal dazu. Das Risiko, dass sich jemand ansteckt, hätten die Veranstalter nicht tragen wollen – zumal in Wilhelmshaven gerade vorsorglich Schulen geschlossen würden. Ein Nachholtermin, so Christin Senf, werde im zweiten Halbjahr 2020 stattfinden.

Der Vorstand des Altenclubs Berne hat sich entschieden, bis auf Weiteres alle Veranstaltungen abzusagen. Zur Begründung heißt es, dass Menschen im Seniorenalter durch mögliche Vorerkrankungen stärker gefährdet seien, sich mit Viren zu infizieren, als jüngere. Da es sich bei den Mitgliedern des Altenclubs in der Regel um Menschen über 60 Jahre handele, möchte der Vorstand das Risiko minimieren, dass sich jemand bei einer Veranstaltung infizieren könnte, heißt es.

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Diese Gefahr sehen die Verantwortlichen in Vegesack weder beim Kulturbüro noch beim Vegesack Marketing. Das Kulturbüro, das regelmäßig große Veranstaltungen im Bremer Norden plant, denkt derzeit nicht an Absagen. Veranstaltungen würden nur auf Anordnung der Behörde abgesagt, sagt eine Mitarbeiterin aus dem Bürgerhaus. Dafür gebe es aktuell jedoch keinen Anlass. „Wir haben hier keine Großveranstaltung. Wenn es hoch kommt, passen höchstens 600 Personen ins Bürgerhaus, dann müssen wir aber schon Stühle aus dem Kulturbahnhof dazuholen.“

Vegesack Marketing wartet ab

Auch beim Vegesack Marketing laufen die Planungen für Großveranstaltungen im Stadtteil ganz normal weiter. „Wir haben das Thema Coronavirus natürlich im Blick und schauen uns an, wie sich das entwickelt. Auf dieser Grundlage werden wir reagieren“, sagt Wolfgang Helms, Geschäftsführer des Vereins Vegesack Marketing. Um Entscheidungen zu treffen sei es jetzt aber noch zu früh. Schließlich werde es noch einige Wochen dauern, bis mit dem Vegesacker Kindertag am 3. Mai die nächste vom Vegesack Marketing organisierte Großveranstaltung stattfinden soll. Das Festival Maritim, das Jahr für Jahr mehr als 100 000 Menschen auf die Maritime Meile sowie in die Fußgängerzone lockt, steht erst Ende Juli/Anfang August an.

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Im Landkreis Osterholz bringen nicht viele Events 1000 Teilnehmer und mehr zusammen. Zuletzt seien das bei ihnen am Freitag die „Amigos“ gewesen, berichtet Stadthallenchef Matthias Renken. „Einige leere Plätze gab es dabei“, räumt der Manager der Stadthalle Osterholz-Scharmbeck auf Nachfrage ein. Aber massenhaft seien die Gäste dem Konzert nicht ferngeblieben. Und den restlichen März seien nur Veranstaltungen geplant, für die er mit maximal 400 bis 600 Teilnehmern rechne. Also deutlich weniger als die von Spahn genannte kritische Menge. „Natürlich merken wir, dass die Leute verunsichert sind“, sagt Matthias Renken.

Die Gemeinde Ritterhude – Eigentümerin des Hamme-Forums – werde ohne Auflage von oben keine Veranstaltung absagen, sagt Bürgermeisterin Susanne Geils . „Ich will das Coronavirus nicht kleinreden“, versichert Geils: „Aber das Ganze nimmt inzwischen ein bisschen die Form von Panikmache und Hysterie an.“ Tatsächlich belastet bereits eine Veranstaltungsabsage die Bücher des Hamme-Forums. Dabei ginge es um eine Spezialveranstaltung, für die Räume im Haus angemietet wurden, wie Regine Schäfer, Chefin des Hamme-Forums mitteilt. Zudem sei der Ticket-Verkauf gegen Ende Februar etwas zurückgegangen. „Eine gewisse Unsicherheit ist zu spüren“, sagt Regine Schäfer.

Turnier mit 2000 Besuchern

Der Pferdezuchthof Sosath in Lemwerder plant vorerst weiter für seinen Tag der offenen Tür am 11. April. Am Sonnabend vor Ostern zieht das Gestüt seit Jahren bis zu 2000 Personen an. Als entscheidende Stellschraube für den Zulauf diente dabei stets das Wetter. Janne Sosath-Hahn sagt, ihr Team warte noch ab und schaue, wie sich die Situation entwickle. „Von der Diskussion um Absagen und Verschiebungen unberührt ist der für Sonntag, 12. April, geplante Osterball in der Reithalle an der Depenflether Straße. „Der wird stattfinden“, verspricht Janne Sosath-Hahn. „Zum Ball kommen ja höchstens 500 Gäste.“

Manche Veranstalter sagen sich aber auch: Jetzt erst recht! Die Warflether zum Beispiel wollen sich bewusst „dem Virenwahn“ widersetzen. Konzertveranstalter Reinhard Rakow aus der Wesermarsch sieht die Epidemie nicht als Grund, ein Konzert abzusagen, schrieb er in der vergangenen Woche. Schon gar nicht das Konzert von Jakob Spahn, Karajan-Stipendiat und Erster Solo-Cellist des Bayrischen Staatsorchesters, der am Wochenende in der Warflether Kirche auswendig alle Solowerke von Johann Sebastian Bach und Benjamin Britten spielt.

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In seiner Mitteilung an die Presse schreibt Rakow: „Warum auch? Am Eingang gereichte Bonbons vermindern oder vermeiden Räuspern und Husten. Ein zuverlässig 18 Grad warmer Kirchenraum und Sitzpolster verhindern bedenkliche Verkühlungen. Und nicht zuletzt: Wir bieten Bach! Zu Mozarts Musik hat die Wissenschaft schon vor 20 Jahren festgestellt, dass sie die Milchleistung von Kühen erhöht, zu Barockmusik, dass sie bei Menschen das Allgemeinbefinden verbessert, und das altersunabhängig.“

Der von Absagen anderer Veranstalter gefrustete Spahn habe ein volles Haus verdient. Übrigens: Auch Gäste in Schutzanzügen seien willkommen.

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