Wetter: wolkig, 7 bis 15 °C
Archäologe ist auf die Suche nach den 37 Jahre alten Überbleibseln der „Republik Freies Wendland“ gegangen
Der Artikel wurde zur Merkliste hinzugefügt.
Die Merkliste finden Sie oben links auf der Seite.

Fundstücke aus dem Protestcamp

Helmut Reuter und Peer Körner 18.11.2017 0 Kommentare

Republik Freies Wendland
So sah es 1980 aus, als die Anti-Atomkraftgegner im Wendland protestierten. (Dieter Klar, dpa)

Anders bei Attila Dézsi. Sein Ausgrabungsgebiet im Landkreis Lüchow-Dannenberg wurde vor 37 Jahren ein Symbol der Anti-Atomkraft-Bewegung und des Widerstands. 33 Tage gab es dort die „Freie Republik Wendland“ und der Archäologe stieß auf dem von Wald umgebenen Gelände des früheren Protestcamps auf Hunderte Artefakte. Das öffentliche Interesse ist schon jetzt groß, wie auch der Wissenschaftler ein wenig verwundert feststellt. Dabei sind die Arbeiten gerade mal im ersten Jahr. Am Donnerstag gab es eine erste Zwischenbilanz

„Wir haben Konservenbüchsen und Cola-Dosen gefunden“, berichtet der 29-Jährige, der das Projekt im Rahmen seiner Doktorarbeit in Angriff nimmt und ein zweijähriges Promotionsstipendium der Graduiertenschule Geisteswissenschaften der Universität Hamburg bekam. Die Dosen sind eindeutig dem Camp und da den Einsatzkräften der Polizei zuzuordnen. „In der Archäologie ungewöhnlich, aber praktisch: Sie tragen Stempel mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum aus den Jahren 1980 und 1981.“ Zu seiner Überraschung und Freude wurden auch Reste von Hütten entdeckt. Zudem alte Tassen und Besteck, das die Bewohner vergaßen oder liegen lassen mussten, denn sie gingen am 4. Juni 1980 nicht freiwillig.

Archäologe erforscht die Reste der «Republik Freies Wendland»
Einen Atemschutzmaskenfilter, einen Topf und noch so einiges mehr hat der Hamburger Archäologe Attila Dézsi auf dem Gelände der vor 37 Jahren gegründeten „Republik Freies Wendland“ gefunden. (Philipp Schulze, dpa)

Wissenschaftliche Akribie

Mehrere tausend Polizisten und Bundesgrenzschutzbeamte räumten damals das Dorf, Bagger und Planierraupen rollten. Es war einer der größten Polizeieinsätze der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte – später kamen noch größere, wenn die Castor-Transporte mit ihrer strahlenden Fracht ins Zwischenlager Gorleben rollten. Auch vom 4. Juni 1980 zeugen Fundstücke: „Wir haben Gasmasken und Kabelbinder gefunden“, sagt der Archäologe.

„Auch Repressalien hinterlassen eben archäologische Spuren“, sagt Dieter Schaarschmidt (61), der damals dabei war und heute als Zeitzeuge die Arbeiten Dézsis mit großem Interesse verfolgt. „Anfangs habe ich das ja eher unter Kuriositäten eingestuft. Inzwischen sehe ich aber die große Ernsthaftigkeit und die wissenschaftliche Akribie. Ich bin beeindruckt.“

Die Arbeiten rühren an ein Thema, das damals die Wellen hoch schlagen ließ. Lange war Gorleben die einzige Option zur dauerhaften Lagerung von hoch radioaktivem Atommüll. Am 22. Februar 1977 schlug der damalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) den Salzstock als mögliches Endlager vor.

Doch es formierte sich erbitterter Widerstand. Noch im Frühjahr 1977 gab es eine erste große Demonstration bei Gorleben, am 3. Mai 1980 riefen sie ihre Republik aus – „Atomkraft? Nein danke“. „Bei der Besetzung waren wir rund tausend, niemand weiß es mehr so genau“, erinnert sich Gabi Haas. Auch sie ist Atomkraftgegnerin der ersten Stunde, war damals vom ersten bis zum letzten Tag dabei.

„Wir hatten ein Frauenhaus, einen Friseur, eine Gemeinschaftsküche, eine Krankenstation, eine Sauna, eine Mülldeponie und eine Passstelle“, erinnert sich die heute 68-Jährige. Bioprodukte habe es im Dorf gegeben, Strom nur aus Solarzellen und Windenergie. „Außerdem hatten wir ein reichhaltiges kulturelles Programm mit Musik und Dichterlesungen, auch Wolf Biermann war da“, sagt sie. „Es gab ganz biedere Besucher, die haben sich das am Wochenende angeschaut.“

Durch die archäologische Spurensuche bekommt die Geschichte des Besetzerdorfes eine weitere Perspektive. Archäologie forsche nicht nur für sich alleine, betonte Dézsi. „Sie ist immer im gesellschaftlichen Kontext der Gegenwart verortet und zu verstehen.“ Der Widerstand im Wendland ist schon heute genau dokumentiert und archiviert. Dafür sorgt seit 2001 das Gorleben- Archiv, dessen Vorsitzende Gabi Haas ist. Dort arbeitet auch Birgit Huneke, die das Archiv in Lüchow leitet. Auf 200 Quadratmetern Fläche lagern 460 Gorleben-Plakate – das erste von 1977 –, etwa 60 000 Fotos und Dias sowie zahllose Flugblätter und andere Dokumente.

In dem Archiv geht es um die Geschichte des Standortes Gorleben. „Aber der Schwerpunkt ist die Protestgeschichte, die einzigartig und einmalig ist und viel über Demokratie erzählt“, sagt Huneke. „Diese Geschichte hat den Landkreis Lüchow-Dannenberg geprägt, und sie ist noch nicht zu Ende“, sagt sie mit Blick auf die in Deutschland weiter laufende Suche nach einem Atommüll-Endlager. Das Auswahlverfahren soll erst 2031 abgeschlossen sein.


Sonderthemen aus der Region
Sonderthemen aus der Region
Sport aus der Region
Sport aus der Region
WESER-KURIER Kundenservice
Anzeige

Ihr Wetter in Bremen
Temperatur: 15 °C / 7 °C
Vormittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/wolkig.png
Nachmittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/bedeckt.png
  Regenwahrscheinlichkeit: 40 %
Leserkommentare
heinmueckausbremerhaven am 21.10.2019 20:47
Es gibt nur eine Chance wieviel Artikel beschrieben. Und jetzt schwindet mit dem Artikel von Stefan Rahmstorf das Argument, dass die BRD nur für ...
Bremen99 am 21.10.2019 20:41
Das Parken in Wild-West-Manier rund um den Freimarkt hat Tradition. Vor über 40 Jahren konnte man auch schon regelmäßig beobachten wie dreiste ...
Veranstaltungen in der Region