Foodsharing

Nordbremer retten Lebensmittel

Ob als Foodsharer das zu viel Gekochte kurzfristig weitergeben oder als registrierter Foodsaver überschüssige Lebensmittel vor der Mülltonne bewahren, der Foodsharing-Verein hilft weiter – auch in Bremen-Nord.
28.06.2019, 23:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Iris Messerschmidt
Nordbremer retten Lebensmittel

Thorsten Kluß (links) und Ulrich Vogt mit einer Kiste voller Gemüse, das sie vor der Mülltonne gerettet haben.

Christian Kosak

Tofu, rote Chili, Eiskaffee und mehr – die grüne Kiste, die Thorsten Kluß und Ulrich Vogt auf den Redaktionstisch hieven, quilt förmlich über. „Wir dachten, wir bringen zum Gespräch mal etwas mit, da darf sich jeder bedienen“, sagen die beiden und stecken schon mitten im Thema. Zwei Foodsaver aus Bremen-Nord erklären, was es bedeutet, Lebensmittel zu retten und wie das funktioniert.

Foodsharing.de ist eine Internetplattform, über die überschüssige Lebensmittel verteilt werden in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Dahinter steht der eingetragene Verein „foodsharing“, der am 12. Dezember 2012 sein Projekt startete. Das Ziel: möglichst viele Lebensmittel retten. Die ursprüngliche Idee entstand im Sommer 2011 während der Vorbereitungen zum Kinofilm „Taste the Waste“ zwischen Regisseur Valentin Thurn und dem Leiter der Social-Media-Kampagne zum Film, Sebastian Engbrocks. Unabhängig davon entwickelten die Design-Studenten Thomas Gerling und Christian Zehnter sowie die Fernsehjournalistin Ines Rainer Anfang 2012 eine ähnliche Idee. Aus der Zusammenarbeit ging das gemeinsame Projekt hervor. Das nötige Startkapital kam im Rahmen einer Crowdfunding-Kampagne zusammen.

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Inzwischen wird „foodsharing.de“ laut der Internetplattform schon von mehr als 200 000 Privatpersonen genutzt, um Lebensmittel zu teilen und abzuholen, die sonst entsorgt würden („Foodsharer“). „Es gibt sogenannte ,Essenskörbe' online“, erläutert Thorsten Kluß das dahinter stehende Prinzip. Ein Beispiel: Aus der Gemüsesuppe für zwei Personen ist plötzlich ein Zehn-Liter-Topf Gemüsesuppe geworden, „deutlich drei Liter Suppe zu viel für zwei Personen“. Ein Hinweis über die Internetplattform, bei der sich im Übrigen jeder anmelden kann, über den sogenannten Button „Essenskörbe“, und es könnte passieren, dass der eine oder andere Nachbar mit Tupperware vor der Türe steht, um sich seine Portion Gemüsesuppe abzuholen.

Auch die Ökobilanz muss stimmen

Dahinter stehen zwei wichtige Dinge. Zum einen soll kein Essen im Mülleimer landen, zum anderen soll auch die Ökobilanz stimmen. „Deshalb zählen auch die kurzen Wege“, so Thorsten Kluß. Und: „Man lernt ganz viele neue Leute aus der eigenen Region kennen, daraus haben sich durchaus auch schon Freundschaften über das Retten von Lebensmitteln hinaus entwickelt“, sind sich die beiden Foodsaver einig. Um Foodsaver zu werden, wird bei „foodsharing.de“ erst einmal ein Quiz absolviert. „Damit wird unter anderem festgestellt, ob die Personen, die sich daran beteiligen, überhaupt wissen, worum es geht“, erzählt Thorsten Kluß. Ein registrierter Foodsaver erhält einen Ausweis mit Lichtbild, der ihn auch bei Firmen als Lebensmittelretter kennzeichnet. „Darüber hinaus ist über den Ausweis und die Registrierung auch nachverfolgbar, wo sich der jeweilige Foodsaver aufgehalten hat“, sagt Ulrich Vogt.

Denn ein Foodsaver gelangt durchaus in sensible Bereiche von Unternehmen. „Außerdem läuft die Abholung absolut diskret“, erklärt Vogt. Die Unternehmen bleiben anonym, auch die in Bremen-Nord, bei denen die Foodsaver Lebensmittel abholen. „Wir haben zwar feste Zeiten, wann wir die Lebensmittel abholen, aber es gibt keine Verpflichtung. Das heißt, hat ein Lebensmittelladen kurzfristig Schwierigkeiten, weil beispielsweise die Kühltruhe ausfällt und Lebensmittel zu verderben drohen, können sich die Unternehmen ebenfalls an die Foodsaver wenden – auch über die Plattform foodsharing.de.“, erklären Kluß und Vogt. Das kann auch eine einmalige Zusammenarbeit sein. Mit der Übergabe der Lebensmittel an die Foodsaver ist der Betrieb zudem aus der Verantwortung, durch die sogenannte Haftungsausschlusserklärung. Aus diesem Grund sollten sich Foodsaver durchaus mit Lebensmitteln auskennen, ebenso sollten sie wissen, wann ein Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) ignoriert werden kann und wann nicht.

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Foodsaver kann jeder werden, der mindestens 18 Jahre alt ist. Der „Botschafter“ sowie für den Bezirk Bremen-Nord verantwortliche Foodsaver ist Ulrich Vogt. Er ist damit auch Ansprechpartner insbesondere für interessierte Betriebe aus der Region und „selbstverständlich auch für zukünftige Foodsaver. In Bremen-Nord sind es derzeit ungefähr 40 Foodsaver, die Hälfte davon sehr aktiv“, sagt Ulrich Vogt, wobei zurzeit auch das Umland, in diesem Fall der Landkreis Osterholz „sozusagen mit verwaltet wird“, so Vogt. Im Land Bremen gibt es seinen Angaben nach rund 1000 registrierte und circa 300 regelmäßig aktive Foodsaver.

Mittlerweile soll es insgesamt schon mehr als 40 000 Foodsaver geben, sie agieren alle ehrenamtlich. Sie holen Lebensmittel bei Händlern und Produzenten ab und verteilen diese, „über Whatsapp, Facebook, auf der Arbeit, über Wege, die ich sowieso täglich erledige“, erzählen Thorsten Kluß und Ulrich Vogt. Denn jeder Foodsaver baut sich sozusagen sein eigenes Netzwerk auf, wobei alle auch untereinander vernetzt sind, jeder auch am Netzwerk des anderen partizipieren kann, „und niemand, der neu anfängt, allein gelassen wird“, verdeutlicht Ulrich Vogt. Allerdings gelte, bei aller Partizipation, auch hier das Prinzip der „kurzen Wege“, und so gibt es regionale Bezirke.

Die Motivation, Foodsaver zu werden, ist laut Kluß und Vogt ganz unterschiedlich. „Einige haben ganz wenig Geld, andere ein sehr hohes Umweltbewusstsein, für viele ist es sozial total interessant“, sagt Kluß. Man entdecke plötzlich selbst Lebensmittel, die man vorher nicht kannte, entwickele Spaß am kreativen Kochen, könne anderen eine Freude bereiten, viele Leute kennenlernen, die man sonst nie treffen würde. „Die Komponente der Schatzsuche ist auf jeden Fall dabei“, gesteht Kluß. Es passierten so viele schöne Dinge, wie beispielsweise die Freude der Krankenschwestern im Nachtdienst, die fertige Pizza essen konnten, weil ein anderer zu viel davon gebacken hatte. Oder die Menschen am Straßenrand, die Thorsten Kluß nach einer E-Mail auf seinem Weg zur Arbeit mit frischem Grünkohl versorgte, weil er zuvor eine große Menge davon bei einem Händler abgeholt hatte.

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Eines machen Vogt und Kluß aber mehr als deutlich: „Wir sind keine Konkurrenz zur Tafel oder anderen Einrichtungen. Die sind immer einen Schritt vor uns.“ Foodsaver kommen sozusagen „als letztes Glied in der Lebensmittelkette“, kurz bevor der dann noch unnötige Mülleimer ruft. Und: Niemand sei gezwungen, dauerhaft im Einsatz zu sein. Denn: „Wir setzten auf den Schwarm. Wer viel Zeit hat, holt viel ab, und umgekehrt.“

Weitere Informationen

Wer sich direkt an die Nordbremer Foodsaver wenden möchte, hat dazu unter foodsharing.bremen.nord@web.de die Möglichkeit.

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