Trinkwasserschutzgebiet Vegesack Woher das Trinkwasser kommen soll

Bremens Bedarf an Trinkwasser steigt. Bremen will die Schutzzone in Vegesack vergrößern und das ruft Kritiker auf den Plan.
14.12.2018, 06:30
Lesedauer: 4 Min
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Woher das Trinkwasser kommen soll
Von Patricia Brandt

Bei Trinkwasserknappheit denken Nordbremer nicht unbedingt an die Halse, einen kleinen Seitenbach der Aller. Doch aus der Halse, genauer vom Wasserwerk Panzenberg, bezieht Bremen seit Jahren den Großteil seines Trinkwassers. Und die Halse fällt trocken. Das nutzt die Umweltbehörde als Argument, das Trinkwasserschutzgebiet in Vegesack zu vergrößern und die Fördermenge zu erhöhen. Kritiker sprechen dabei neuerdings hinter vorgehaltener Hand von einem Wahlgeschenk der Grünen an die SWB. Die Grünen-Fraktionschefin Maike Schaefer wehrt sich gegen derartige „Verschwörungstheorien“.

Das Thema Trinkwasserschutz ist in Vegesack zwar nicht neu, gewinnt allerdings gerade an Brisanz. Noch ist nicht klar, welches Gebiet künftig unter Schutz gestellt wird, Firmen fürchten aber bereits um die mit strengeren Auflagen verbundenen Kosten. „Das hydrogeologische Gutachten befindet sich zurzeit in der Endabstimmung“, so Umweltressortsprecher Jens Tittmann. Sobald das Gutachten erstellt ist, will die Behörde mit den betroffenen Betrieben ins Gespräch kommen. Voraussichtlich wird das im Jahr 2019 geschehen.

Wie berichtet, hatte die grüne Fraktionschefin Maike Schaefer bereits im September für die Ausweisung der Schutzzone geworben: Die Ausweisung sei auch ein Signal an die SWB, die in Vegesack Trinkwasser fördert, „dass sich Investitionen in die Anlage dort lohnen“. Maike Schaefer wehrt sich jetzt aber gegen die Behauptung, Regierungspartei und SWB machten gemeinsame Sache.

Maike Schaefer: „Es gibt beim Trinkwasser keine Alternative zu Vegesack.“ Die Qualität des Weserwassers sei zu schlecht, um es als Trinkwasser zu nutzen. Und die bisherige Förderung in niedersächsischem Gebiet, vornehmlich aus dem Bach Halse, sei nicht unendlich möglich: Der Grundwasserstand werde durch die Förderung dauerhaft abgesenkt.

Handlungsbedarf ist gegeben: Gerade erst hat das Agrarpolitische Bündnis Bremen, kurz ABB, die Stadt aufgefordert, mehr zum Schutz des Trinkwassers zu unternehmen. Der Senat habe zu lange tatenlos zugesehen, wie die durch Erdgasförderung, Überdüngung und Pestiziden verursachten Risiken und Belastungen für eine nachhaltige Versorgung Bremens mit gesundheitlich unbedenklichem Trinkwasser minimiert werde.

Zumal Bremens Bedarf an Trinkwasser trotz Wassersparmaßnahmen weiter steigt. Grund sei die ansteigende Bevölkerungszahl, geht aus Unterlagen der Verwaltung hervor. Dabei kann Bremen nur einen geringen Teil seines Bedarfs selbst decken, durch die Wassergewinnungsgebiete in Blumenthal und Vegesack. Die Fördermenge in Blumenthal kann laut Verwaltung wegen der Verunreinigungen durch das Tanklager Farge jedoch nicht ausgeweitet werden. Mehr als 80 Prozent des Bedarfs wird deshalb durch Wasserlieferungen aus dem niedersächsischen Umland gedeckt. Ein Viertel des Bedarfs der Stadt kommt aus dem Gebiet Panzenberg.

„Es ist unumstritten, dass sich die Förderung von Trinkwasser im Wasserwerk Panzenberg nachteilig auf die Halse auswirkt", sagt Silke Brünn vom Landkreis Verden. Das Land Niedersachsen prüfe gerade, ob für den Halsebach künftig weniger anspruchsvolle ökologische Ziele gelten sollen, heißt es aus dem Niedersächischen Ministerium für Umwelt (NMU). Vor einer solchen Ausnahmeregelung soll nun aber geklärt werden, welche Möglichkeiten bestehen, um den Bedarf für die Wasserförderung in Panzenberg zu verringern. Justina Lethen, stellvertretende Sprecherin des Ministeriums: „Es ist daher aus Sicht des NMU plausibel und sinnvoll, wenn sich das Land Bremen bemüht, seine örtlichen Trinkwasserressourcen zu nutzen und möglichst gut zu schützen.“

Vegesack gelte zwar als wesentlicher Baustein bei der Trinkwasserversorgung der Stadt Bremen. Aber wenn Vegesack demnächst ein vergrößertes Trinkwasserschutzgebiet ausweise, helfe das faktisch überhaupt nicht, behauptet ein Geschäftsmann, der ungenannt bleiben möchte: „Jeder Tropfen, der weniger vom Panzenberg kommt, kann nicht durch Bremen-Nord ersetzt werden.“ Damit sei klar, dass es bei der Ausweisung der Schutzzone in Vegesack nicht darum gehe, Trinkwasser sicherzustellen. „Wasser haben wir in Deutschland genug. Es geht darum, Geld zu sparen.“ Theoretisch sei es nämlich für die SWB möglich, Trinkwasser aus Meyenburg zu beziehen. Allerdings käme die SWB günstiger davon, wenn das Trinkwasserschutzgebiet in Vegesack vergrößert wird. „Denn dann werden die Kosten auf den Bürger umgelegt.“

Um größere Mengen Wasser aus dem Trinkwasserschutzgebiet in Vegesack nach Bremen zu bekommen, bräuchte es eine Pipeline unter der Lesum hindurch, bestätigt der Sprecher des Umweltressorts, Jens Tittmann. Technisch wäre dies jedoch kein Problem: „Das ist keine Raketentechnik.“ Aus Sicht der Behörde geht es bei der Unterschutzstellung nicht nur um die aktuelle Versorgung der Bevölkerung: „Es ist Ur-Aufgabe des Umweltressorts, Trinkwasser zu schützen. Trinkwasser ist unser wertvollstes Gut.“

Die SWB hat 2017 wegen der Diskussion um den Panzenberg offensichtlich tatsächlich versucht, mit dem Wasserverband im Landkreis Osterholz über Lieferungen aus Meyenburg ins Geschäft zu kommen. „Wir als SWB sind aufgrund verschiedener Vorkommnisse bemüht, für die Zukunft Wasserquellen aufzutun“, bestätigt Firmensprecher Christoph Brinkmann.

Doch die Osterholzer haben die Anfrage abgelehnt: „Wir haben abgesagt, weil wir nach neuesten Erkenntnissen letztendlich die Wassermengen selbst für unsere Bürger brauchen werden“, erläutert Arno Seebeck, Geschäftsführer des Wasser- und Abwasserverbands Osterholz (WAV) auf Nachfrage unserer Redaktion. Hintergrund seien die prognostizierten Bevölkerungszuwächse. Seebeck: „Wir haben keine nennenswerte verkaufbare Menge zur Verfügung.“

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