Die Hastedt-Insolvenz und die Folgen

„Der Sporthaushalt ist auf Kante genäht“

Staatsrat Jan Fries erklärt, wie Vereine die Zukunft gestalten können, was die Politik leisten kann und wie sich Sport-Klubs künftig anders aufstellen müssen
24.10.2018, 15:28
Lesedauer: 4 Min
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„Der Sporthaushalt ist auf Kante genäht“
Von Mathias Sonnenberg
„Der Sporthaushalt ist auf Kante genäht“

Jan Fries in seinem Büro in der obersten Etage der Behörde direkt am Bahnhof – derzeit mit Blick auf den Freimarkt.

Christina Kuhaupt

Herr Fries, die Insolvenz des Hastedter TSV zeigt eine große Gefahr für viele Vereine: Eine eigene Halle kann sehr schnell zur finanziellen Last werden.

Jan Fries: Ich weiß nicht, ob die eigene Halle allgemein eine Gefahr für einen Verein ist. Für viele Vereine bedeutet eine eigene Halle mehr Chance als Risiko, deshalb würde ich das nicht verallgemeinern.

Aber jetzt scheint der Aufschrei in der Bremer Sport-Szene besonders groß zu sein.

Der Aufschrei war sehr groß, weil die Probleme beim HTSV erst sehr spät an uns herangetragen wurden und wir keine Reaktionszeit mehr hatten, etwas auszubügeln. Der Aufprall erschien deshalb vielen umso stärker.

Wie haben Sie von den finanziellen Problemen beim HTSV erfahren?

Ende August ist der Verein aufs Sportamt zugegangen, nach meiner Kenntnis durch einen Dritten. Und dann hat der Sportamtsleiter sehr schnell Gespräche geführt, um Hilfe zu geben. Es war klar, dass ein mittlerer fünfstelliger Betrag fehlte plus eine Lösung für die Halle. Wir haben die Möglichkeit einer Bürgschaft geprüft, aber dafür fehlten die Voraussetzungen beim HTSV. Grundsätzlich aber kriegen wir in Bremen schon seit Langem das Kunststück fertig, mit zu wenig Geld die Infrastruktur für den Sport am Laufen zu halten.

Es gibt den Vorwurf, dass die Stadt lieber Hallen bei Vereinen mietet, statt eigene Sporthallen zu bauen. Spart die Stadt zulasten von Sportvereinen?

Ich möchte dagegenhalten, dass es für alle Beteiligten eine Win-win-Situation ist. Denn weil die Stadt bereit ist, Hallen zu unpopulären Zeiten wie am Vormittag zu mieten, leistet sie einen wichtigen Beitrag zur Finanzierung. Kein Verein wäre in der Lage, ohne diese Mieteinnahmen eine Halle zu bezahlen. Aber es stimmt, wir sparen dadurch Geld, aber die Vereine haben dann eben auch die Vorteile einer eigenen Halle, zum Beispiel dadurch, dass sie frei über ihre Hallenzeiten verfügen können.

Können Sie sich vorstellen, auf Sicht eine Halle von einem Verein zu übernehmen, der sich finanziell verhoben hat?

Ich glaube, da muss man sich jeden Fall einzeln anschauen. Grundsätzlich sind die Vereine die Verpflichtung eingegangen, die eigene Halle auch finanziell zu tragen. Andererseits haben wir kein Interesse, dass ein Bremer Sportverein durch eine eigene Halle in Schieflage gerät. Da wären wir natürlich zur Hilfe bereit. Aber wichtig wäre, dass ein Verein eben frühzeitig an uns herantritt.

Welche Voraussetzungen muss ein Verein haben, um eine eigene Halle zu bauen?

Er braucht eine gewisse Größe, sollte zu den 20 größten Bremer Vereinen gehören und damit ein Hauptamt im Vorstand haben. Das ist bei vielen Managementaufgaben von Vorteil. Es muss ein Verein sein, der eine stabile Mitgliederzahl aufweisen kann, und es ist wichtig, dass man den Nutzen einer eigenen Halle korrekt darstellen kann – das können auch sportliche Ziele sein. Es sollten stabile Konzepte sein.

Andreas Vroom als Vorsitzender des Landessportbundes hat eine einfache Idee, wie man dem Sport helfen kann: Der Haushalt für den Sport-Etat wird verdoppelt, so könnte auch der LSB gefährdete Vereine unterstützen.

Viel Geld ist immer hilfreich. Und ob wir den LSB dann wirklich bräuchten, um das Geld zu verteilen, müsste ich mit Andreas Vroom noch mal diskutieren (lacht). Natürlich ist der Sport-Haushalt sehr auf Kante genäht. Aber viele Problemlagen sind nicht nur finanzieller Art, auch die Vorstandsarbeit wird in vielen Vereinen immer komplexer. Es wird immer schwerer, Ehrenamtliche zu finden, die diese komplizierte Arbeit leisten können.

Aber könnte der LSB nicht schneller reagieren als eine Behörde, zum Beispiel jetzt beim HTSV?

Wir müssen aufpassen, dass man schlechtem Geld nicht noch gutes hinterherwirft. Auch das ist die Frage: Kann ich mit dem Geld wirklich den Verein noch retten? Oder kaufe ich mir nur Zeit und schiebe das Unaufhaltbare nur hinaus? Der LSB wäre uns und damit dem Haushaltsgesetzgeber ja auch rechenschaftspflichtig, deshalb hätte ich da wenig Hoffnung, dass diese Struktur effizienter wäre. Wir können dem LSB ja kein Haushaltsgeld geben und sagen: So, jetzt spielt ihr mal die Feuerwehr!

Die Bürgerschaftswahl 2019 könnte doch ein Antrieb sein, dem Sport mehr Geld zu versprechen. In den Sportvereinen gibt es viele, viele Wähler, die das freuen könnte.

Wir müssen aufpassen, dass die Wahlen nicht zu einem Versprechungswettlauf werden. Die Sportler haben es nicht verdient, dass ich etwas verspreche, was nicht gehalten wird. Wir haben ja schon was erreicht, die Übungsleiterpauschale und schrittweise die Sportförderung erhöht. Und wenn es möglich ist, werden wir uns dafür einsetzen, künftig mehr Geld für den Sport auszugeben und für eine bessere Infrastruktur zu sorgen.

In anderen Bereichen wie beispielsweise der Gesundheit Nord ist die Politik immer schnell dabei, finanzielle Unterversorgung auszugleichen und Gelder nachzuschießen. Warum geht das nicht auch bei maroden Turnhallen?

Man kann nicht ein Projekt, bei dem es um die Aufrechterhaltung der Gesundheitsversorgung geht, mit einer allgemeinen Unterversorgung im Sport vergleichen. Aber wir erwarten, dass die bremische Liegenschaftsverwaltung Immobilien Bremen in Kürze einen Zustandsbericht über alle Schulturnhallen vorlegt, damit wir einen Sanierungsfahrplan entwerfen können. Das wäre auch für alle Ehrenamtlichen ein gutes Zeichen.

Die Strukturen in Vereinen werden immer umfangreicher. Sorgt das dafür, dass den Vereinen die Ehrenamtlichen weglaufen, sie immer weniger Sportarten anbieten können und sich schlimmstenfalls auflösen?

Ich glaube, man muss nicht so pessimistisch sein. Es gibt immer noch innovative Vereine, die neue Trendsportarten entdecken mit Menschen, die richtig Bock haben, was Neues zu machen. Dann gibt es für Vereine die Möglichkeit, Ehrenamt durch Hauptamt zu ersetzen oder zu ergänzen. Es gibt auch den Trend weg von Großvereinen wie zum Beispiel beim FC Riensberg, wo sich mehrere Fußball-Mannschaften zusammengetan haben und sich selbst verwalten.

Wo sehen Sie die Bremer Sportlandschaft in 20 Jahren?

Es wird eine weitere Differenzierung geben mit großen Playern, die weiter wachsen und sich professionalisieren. Und auf der anderen Seite eine Reihe von kleineren Vereinen, die bewusst eher klein und familiär bleiben. Für Vereine, die dazwischen stehen, wird es schwer werden. Aber die Organisationsform Verein wird weiter eine Zukunft haben.

Das Gespräch führten Jörg Niemeyer und Mathias Sonnenberg.

Info

Zur Person

Jan Fries (37)

ist seit 2015 Staatsrat für Soziales, Jugend, Frauen, Integration und Sport und damit Vertreter von Senatorin Anja Stahmann. Fries (Grüne) machte sein Abitur am Gymnasium Horn und studierte in Bremen Wirtschaftswissenschaften. Fries war früher Tischtennisspieler, heute läuft er beim ATS Buntentor.

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